Siemens kehrt Bayreuth den Rücken:Guter Sponsor - böser Sponsor

Siemens zieht sich als Sponsor von den Bayreuther Festspielen zurück. Für das Leitungsteam bedeutet der Rückzug des Konzerns nicht nur einen finanziellen, sondern - mehr noch - einen Ansehensverlust.

Wolfgang Schreiber, Olaf Przybilla und Helmut Mauró

Der Industriekonzern wartet diskret, bis die Kunst ihre Spiele beendet hat, man ist kein Spielverderber. Aber dann schlägt er zu: Nur acht Tage nach dem letzten "Tristan" auf dem Grünen Hügel, dem Abschluss der diesjährigen Richard-Wagner-Festspiele von Bayreuth, gibt der Technikkonzern Siemens bekannt, dass er sich von den Bayreuther Festspielen zurückzieht, mit sofortiger Wirkung.

Bayreuther Festspiele - Festspielhaus

Die Bayreuther Festspiele müssen künftig ohne Geld von Siemens auskommen.

(Foto: dpa)

Der Hauptsponsor bricht nach vier Jahren die Zusammenarbeit mit dem weltweit berühmtesten Opernfestival ab. Das Festspielbüro in Bayreuth hat auf Anrufbeantworter geschaltet, die fleißigen Akteure im Hintergrund sind bis 19. September im Urlaub.

Aber auch ohne eine Stellungnahme vom Grünen Hügel ist klar, dass der Siemens-Rückzug für die Festspiele und das Leitungsteam der Wagner-Urenkelinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier nicht nur einen finanziellen, sondern, vielleicht mehr noch, einen Ansehensverlust bedeutet.

Betroffen sind zwar nicht die Aufführungen im Festspielhaus, aber gerade das, was seit vier Jahren an demokratischer Öffnung praktiziert wurde: die "Festspiele für alle", zum einen der Live-Stream im Internet, zum anderen die Live-Open-Air-Übertragung. Diese "Siemens-Nächte" von Bayreuth, Volksfeste des Public Viewing, bedeuteten viel für die Stadt und darüber hinaus.

Manuel Becher, Geschäftsführer der Bayreuther Tourismus-Gesellschaft und Veranstalter des Public Viewing, hat vom Siemens-Rückzug aus der Zeitung erfahren und spricht von einer "Katastrophe für das Stadtmarketing".

Der Rückzug von Siemens spielt sich auf drei Ebenen ab: der wirtschaftlichen, der konzeptionellen und der symbolischen - er ist ein negatives Signal, eine Beschädigung des kulturellen Ansehens der Festspiele, der Stadt Bayreuth, des Landes Bayern, schließlich auch des Bundes, der ebenfalls im Stiftungsrat der Festspiele vertreten ist.

Siemens hat offenbar das inhaltliche Interesse an den Bayreuther Festspielen verloren, die Konzern-Manager glauben nicht mehr an den kulturellen Mehrwert, den ihr Geld in Bayreuth bringt. In der Stellungnahme des Konzerns heißt es, der Ausstieg sei "schon vor vielen Monaten mit der Festspielleitung besprochen" worden. Gab es da auch noch ein massives Kommunikationsproblem?

Vom Bayreuther Oberbürgermeister Michael Hohl - Mitglied des Festspiel-Stiftungsrats - hört man nämlich ganz andere Töne. Hohl sagt, er habe noch Mitte August einen Brief an Siemenschef Peter Löscher geschrieben und darin für die "Fortsetzung der erfolgreichen Zusammenarbeit" geworben. Von einer Entscheidung gegen das Sponsoring, erläutert ein Stadtsprecher, sei damals keine Rede gewesen; entsprechend überrascht sein man nun.

Jede Menge negative Schlagzeilen

Auch der Vorsitzende der Gesellschaft der Festspiel-Freunde, Georg von Waldenfels, hatte vom Rückzug des Hauptsponsors nach eigenen Angaben "keine Ahnung". Und es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Festspielleitung ihre treuen Finanziers im Festspiel-Freundeskreis nicht über das nun entstandene Loch von einer Million Euro informiert haben sollte.

Siemens selber hat auch beim vierten Public Viewing im vergangenen Sommer keinen Hinweis über den bevorstehenden Rückzug gegeben. Möglicherweise beruht die Entscheidung auf den laufenden Ermittlungen in Bayreuth: Es geht um den Verdacht der Untreue bei der Kartenvergabe. Auch Siemens bekommt wie alle Sponsoren feste Kontingente - was im Übrigen ein wesentlicher Anreiz für Sponsoren ist und gängige Praxis bei allen Festivals.

Dennoch sei die Sache sehr komplex, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Gerhard Schmitt in Hof. Die Klärung werde einige Zeit dauern - und die dürfte nicht gerade günstig sein für das Anwerben neuer Sponsoren. Die Privatmäzene von Bayreuth sehen indes "keine Möglichkeit", als Sponsor für das öffentliche Wagner-Schauen einzuspringen.

Der Oberbürgermeister von Bayreuth will "Kräfte bündeln", um Katharina Wagners Projekt nach vier Jahren nicht wieder einschlafen zu lassen. Den Bayreuther Festspielleiterinnen geht es schließlich seit ihrem Amtsantritt vor einem Jahr um die öffentliche Verbreiterung der Marke Bayreuth, um Erhaltung und Steigerung der allgemeinen Akzeptanz. Aus wirtschaftlichen Gründen wäre dies gar nicht nötig, denn Bayreuth könnte zwanzig Mal so viele Karten verkaufen, wie vorhanden sind.

Diese Strategie zur Verankerung der Bayreuther Festspiele auch in nachwachsenden Generation ist nun beschädigt. Die Siemens-Absage ist, nach der Rüge des Bundesrechnungshofs über die Freikartenvergabe, eine weitere Folge negativer Meldungen, die in jüngster Zeit von Bayreuth ausgingen.

Es wurde ein neuer "Freundeskreis" gegründet, der dem seit Jahrzehnten etablierten vermögenden Kreis der Freunde und Förderer zwar nicht das Wasser abgrub, aber ihm doch einen Ansehensverlust bescherte. Es gab die Absage von Wim Wenders und seiner Regie des Jubiläums-Rings im 200. Geburtsjahr Richard Wagners 2013, und vor ein paar Tagen goss die Cousine der beiden Festspielleiterinnen, Nike Wagner, die sich seinerzeit selber erfolglos für die Führung in Bayreuth bewarb, weiter Öl ins Feuer. Man sollte die Tannhäuser-Neuproduktion vom Spielplan nehmen, sagte sie in der Bunten, und es müssten auch nicht bis in alle Zukunft Familienangehörige sein, die die Bayreuther Festspiele dirigierten.

Und Siemens? "Wir freuen uns sehr, dass wir in den vergangenen vier Jahren dazu beitragen konnten, vielen Menschen die Bayreuther Festspiele und die Musik Richard Wagners zugänglich zu machen", sagt Michael Friedrich von der Abteilung Corporate Communications and Government Affairs, Business and Financial Press, CC MR 2 der Siemens AG.

Vielleicht klingt es aber doch ein bisschen zynisch, wenn er fortfährt: "Künstlerische Arbeit lebt von Dynamik, von Kreativität und von der Bereitschaft, neue Wege zu beschreiten. Bei Unternehmen ist dies nicht viel anders. Siemens hat sich in seiner mehr als 160-jährigen Geschichte ständig verändert und weiterentwickelt. Und wir glauben, dass die Bereitschaft zur Veränderung der Schlüssel für nachhaltigen Erfolg ist."

Wie Siemens hat sich auch Bayreuth weiterentwickelt, aber diese Entwicklungen kosten Geld. Das bekommt Siemens aus Quellen, die Bayreuth nicht hat, weil im Festspielhaus keine Kunstgeräte verkauft werden, sondern Kunst. Deren Produktion ist auch bei Niedrigstlöhnen noch zu teuer, um allein durch Eintrittsgeld und Übertragungsrechte finanziert zu werden. Wenn neben der grundgesetzlich verbrieften staatlichen Kulturförderung also auch private Sponsoren einen sinnvollen Beitrag leisten wollen, dann müssen diese verlässliche Partner sein. Das bedeutet: Sich langfristig zu engagieren.

© SZ vom 09.09.2011/tob
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