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Nationalsozialismus:Wenn Liebe verboten ist

Der Siegenburger Pfarrer Franz Becher spendete vor Kurzem der zu Ehren von Wladyslaw Belcer errichteten Gedenkstätte im Langhaider Forst den kirchlichen Segen. Im November 1942 wurde der polnische Zwangsarbeiter dort von einem NS-Tötungskommando hingerichtet.

(Foto: Thomas Muggenthaler/oh)

Die Beziehung eines polnischen Zwangsarbeiters mit einem deutschen Bauernmädchen bedeutete für beide den Tod. In Siegenburg, dem Ort seiner Hinrichtung, erinnern ein Mahnmal und bald eine Bank an die Opfer des NS-Regimes.

Von Hans Kratzer, Siegenburg

Als der polnische Zwangsarbeiter Wladyslaw Belcer am 13. November 1942 in einem Wald in der Nähe von Siegenburg im Landkreis Kelheim hingerichtet wurde, war er erst 20 Jahre alt. Nach Ansicht der Nazis hatte er sich eines todeswürdigen Vergehens schuldig gemacht. Belcer soll ein Verhältnis mit einem Bauernmädchen aus der Gemeinde Siegenburg gepflegt haben. Auch sie bezahlte diese Liebe mit dem Leben. Als Belcer erhängt wurde, war sie schwanger. Sie selber gab den Polen als Vater des Kindes an, das sie bei Verwandten im Allgäu zur Welt brachte. Die Gestapo Regensburg schickte sie in Haft in das Frauen-KZ Ravensbrück, anschließend wurde sie ins KZ Majdanek bei Lublin deportiert, am 14. April 1944 starb sie schließlich im KZ Auschwitz.

Ihr Kind musste ohne Eltern aufwachsen. Die heutige Familie der Frau will mit der Vergangenheit nicht konfrontiert und dazu auch nicht befragt werden. Am Hinrichtungsort selbst - im Langhaider Forst bei Siegenburg - wird das Gedenken an diesen furchtbaren Fall allerdings noch lebendig gehalten, auch wenn die Recherche zunächst anderes vermuten lässt. Als der SZ-Reporter neulich den Gedenkort suchte, fragte er im ganz in der Nähe gelegenen Dorf Tollbach mehrmals nach, welche Richtung er denn nehmen müsse. Die Menschen auf der Straße, in den Gärten und beim Wirt fanden auf die Frage mehrheitlich keine Antwort.

Entweder beteuerten sie, sie hätten von Belcers Schicksal noch nie etwas gehört, oder sie hatten einst im Unterricht schon mal was mitbekommen, wüssten aber nichts Genaueres. Ein paar Zeitzeugen aber erinnern sich noch. Hans Seefelder, damals Schüler, erzählte vor einigen Jahren im Bayerischen Fernsehen, er habe gesehen, wie das Hinrichtungskommando mit einem Opel Blitz an der Schule vorbeigefahren sei. Belcer wurde nach der Verhaftung in das KZ Flossenbürg verschleppt, zu seiner Hinrichtung aber nach Tollbach zurückgebracht, wo er als Zwangsarbeiter eingesetzt war.

Der Fall des Wladyslaw Belcer ist nicht der einzige, in dem ein Zwangsarbeiter wegen einer Liebschaft zu einer deutschen Frau umgebracht wurde. Der Regensburger Journalist Thomas Muggenthaler hat im Staatsarchiv Amberg einen Akt gefunden, der allein in Niederbayern und der Oberpfalz 22 Hinrichtungen wegen solcher Liebschaften dokumentiert. Er begann darüber intensiv zu forschen und legte seine Ergebnisse schon vor mehreren Jahren in einem berührenden Buch vor ("Verbrechen Liebe", erschienen in der Edition Lichtung). In den wenigsten Fällen erinnern Gedenksteine und Marterl an die Opfer.

Am Rande des Langhaider Forstes bei Tollbach in der Gemeinde Siegenburg steht nun aber seit Kurzem zu Ehren von Wladyslaw Belcer ein mit einem Kreuz versehenes Denkmal. Gestaltet wurde es vom Holzbildhauer Erich Brunner aus Siegenburg. Aufgestellt wurde es nicht zuletzt auf Betreiben des Altbürgermeisters Franz Kiermaier. Der Siegenburger Pfarrer Franz Becher weihte es vor wenigen Wochen bei einem kleinen Festakt ein.

Muggenthaler gelang es überdies, zu Angehörigen von Wladyslaw Belcer in Polen Kontakt aufzunehmen. Belcers Schwester hat ihm ein Porträtfoto ihres Bruders geschickt. Es zeigt den dunkelhaarigen jungen Mann mit weißem Hemd, Krawatte und Sakko. "Damit hat dieses Opfer der NS-Gewaltherrschaft jetzt auch ein Gesicht", sagt Muggenthaler, der sich zudem über eine weitere Erinnerungsaktion freut. Erst recht, weil junge Menschen eingebunden sind, die hier eindrücklich erfahren, dass auch ihre ländliche Heimat von nationalsozialistischen Verbrechen vergiftet wurde.

Die Parkbank, die an Belcer erinnert soll symbolisch für ein Liebespaar stehen

Schülerinnen und Schüler der Johann-Turmair-Realschule Abensberg haben im Geschichtsunterricht ein Erinnerungszeichen erarbeitet, um dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem Vergessen zu bewahren. Die Jugendlichen entwarfen eine Parkbank, die demnächst zusammen mit einer Informationsstele an einer belebten Stelle im Gemeindegebiet von Siegenburg aufgestellt werden soll. Finanziell gefördert wurde das Projekt vom europäischen Förderprogramm Leader. Der Kelheimer Landrat Martin Neumeyer nannte diese Form von Geschichtsunterricht beispielhaft. "Es soll ein sichtbarer und zugänglicher Ort sein", sagt die betreuende Lehrerin Maria Rauscher. Die Parkbank soll symbolisch für ein Liebespaar stehen.

Der Zwangsarbeiter Wladyslaw Belcer wurde 1942 erhängt, weil er eine deutsche Frau geliebt haben soll.

(Foto: Privat)

Während des Kriegs holten die Nazis Hunderttausende Zwangsarbeiter ins Land. Liebesbeziehungen zu deutschen Frauen waren streng untersagt. Bei der gemeinsamen Feldarbeit kamen sich Zwangsarbeiter und einheimische Mädchen jedoch zwangsläufig näher. Frauen wurden wegen einer solchen Liebschaft in das Frauen-KZ Ravensbrück verschleppt. Die Männer wurden oft in der Nähe jener Dörfer, in denen sie gearbeitet hatten, erhängt.

Für einen Filmbeitrag hatte sich Muggenthaler mit dem Zeitzeugen Bruno Wilk nach Tollbach begeben. Wilk musste wie viele andere Zwangsarbeiter der Hinrichtung Belcers beiwohnen. Im Film sagt Wilk: "Dann haben sie den aufgestellt, den Galgen. Und dann haben sie ihm das Urteil gelesen. Wer deutsche Mädchen missbraucht - Todesstrafe durch Erhängen. Hams gsagt. Dann hamsn aufghängt."

© SZ vom 24.08.2020
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