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Deutsche Bahn:"Beleidigt zu werden ist an der Tagesordnung"

Patricia Sturm wurde noch nie von Fahrgästen angegriffen, aber sie kennt die Geschichten der Kollegen - und mag ihren Job trotzdem.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Angriffe auf Zugbegleiter der Deutschen Bahn nehmen immer mehr zu. In diesem Beruf, sagt Patricia Sturm, braucht man eine dicke Haut - und viel Humor.

Von Tobias Mayerhofer

Bahnsteig 26, Hauptbahnhof München. "Haben die eine Durchsage gemacht?", fragt eine Frau ihren Begleiter. "Nein, aber wen wundert's", erwidert der Mann, er klingt verärgert. Ungeduldig wippt er mit den Absätzen auf und ab. Sein Blick wandert hinauf zur Uhr. 16.54 Uhr, neun Minuten Verspätung. Er schüttelt den Kopf.

Der ALX 357 mit Zugführerin Patricia Sturm an Bord fährt elf Minuten verspätet ein. "Steigen Sie hier ein, die vorderen Waggons sind gesperrt!", ruft sie in orangefarbener Warnweste aus einer offenen Zugtür. Reiseziel Prag. "Hof?" blafft ein Mann in weißer Trainingsjacke. Sie steigt die Stufen hinab, bahnt sich einen Weg durch hereindrängende Fahrgäste. "Nach Hof?" Diesmal schallt es lauter und mit Nachdruck aus dem bärtigem Gesicht. "Ja, dieser Zug fährt auch nach Hof", antwortet Patricia Sturm. "Super" grummelt der Mann, steigt ein und schenkt ihr keine weitere Beachtung.

Eine wie sie lässt sich durch Unhöflichkeit nicht aus der Ruhe bringen. Als der Zug schon wieder fährt, erklärt sie die Verspätung: "Ein Verbindungskabel ist kaputt gegangen, deshalb haben die zwei vorderen Waggons keinen Strom." Sie lacht kurz. Sturm ist klein, robust, hat schwarz-rötliche Haare, die sie kurz trägt. Ihre Lesebrille baumelt am Hals. "Ich mag das, das mit den Menschen", sagt sie in oberpfälzischem Dialekt. Ihre blau-grauen Augen strahlen herzlich.

Früher war die 46-Jährige Fleischereiverkäuferin, seit fünf Jahren steht sie im Dienst des privaten Unternehmens "Die Länderbahn", ist im Liniennetz Alex unterwegs. Eine Zeitungsannonce hat sie darauf gebracht. Als Quereinsteigerin musste sie vier Monate Ausbildung absolvieren, dann durfte sie als Zugführerin arbeiten. Schaffner kontrollieren vorrangig Fahrkarten, ein Zugführer übernimmt auch betriebliche Aufgaben. Er checkt die Bremsen, hilft beim Rangieren und sollte die Wagentechnik kennen. Oberste Priorität: die Sicherheit der Fahrgäste. Und immer öfter geht es auch um die eigene Sicherheit. Der aktuelle Bericht der Deutschen Bahn (DB) drückt in Zahlen aus, was die Angestellten erleben. 420 Mal sind DB-Mitarbeiter 2016 in Bayern angegriffen worden, 60 Mal mehr als im Jahr 2015. Eigene Zahlen der Privatbahn Alex gibt es nicht, aber die Verhältnisse hier sind genauso schlimm.

Sturm selbst ist zwar noch nie angegriffen worden, sie kennt aber die Geschichten von Kollegen, denen es schon passiert ist. Haltestelle Regensburg, eineinhalb Stunden später. Das Personal wechselt hier. Sturm, eine Kollegin und der Lokführer machen eine Pause, bevor es zurück nach München geht. Sie steigen vom Bahnsteig runter, überqueren ein Gleis und setzen sich in einen leeren Waggon, ein Bordbistro aus den Sechzigerjahren. Pause. Die Wände sind aus Holz, in den Velourssesseln spürt man die Metallfederung. Kleine Stehlampen auf jedem Tisch tauchen den Waggon in warmes Licht, während der Regen an die Fenster prasselt.

"Angies Willkommenskultur", sagt er, "seitdem wird's schlimmer"

Warum gibt es immer mehr Übergriffe auf das Zugpersonal? Lokführer Bernhard Zeitler, ein kleiner Mann mit Schnauzbart, rührt in seinem Kaffeebecher. "Angies Willkommenskultur", sagt er, "seitdem wird's schlimmer. 75 Prozent der Übergriffe verursachen Flüchtlinge." Sturm nickt, füllt weiter akribisch die Wagenliste aus. Statistiken, die diese Vermutung belegen, gibt es freilich nicht. "Beleidigt oder angefasst zu werden, ist an der Tagesordnung" sagt Sturm, "und die in der ersten Klasse halten uns sowieso für eine Art Butler."

Richtig unangenehm werde es nach Fußballspielen und zur Wiesnzeit, wenn die Fahrgäste betrunken sind. "Da fasst mal einer an den Hintern oder ans Dekolleté, mei. Wenn wir das immer beanstanden würden, dann kämen wir ja keine hundert Meter weit", sagt Lokführer Zeitler und lacht. Sturm stimmt zu, lacht mit. "Man braucht schon eine dicke Haut für den Job. Und Humor," sagt sie. Aber nicht alles sei schlimm. "Es macht mir Spaß. Täglich gibt es neue Herausforderungen. In welchem Job hast du das?"

Rückfahrt nach München. Sturm macht nach der Fahrkartenkontrolle im Bordbistro eine Pause. Ein Mann kommt an ihren Tisch und beschwert sich, weil sein Sandwich feucht gewesen sei. Er verlangt ein neues. Mit mütterlicher Fürsorge greift sie dem Mann kurz an den Arm, sagt: "Ja freilich", und holt ihm ein frisches.

Der fehlende Respekt stört sie

Nach acht Stunden Arbeit ist sie immer noch nett und höflich, und dennoch keine, die kuscht. Ihre Bilanz dieses Tages: Während der Fahrkartenkontrolle erwischte sie einen Mann beim Rauchen im Zug. Mit zwanzig Euro Strafe und ein bisschen Angst kam er davon: "Da gehen normalerweise sofort die lauten Sirenen der Feuermelder los", redete sie dem Mann ein. Einen anderen hat sie aus der ersten Klasse verwiesen, weil er kein Ticket dafür hatte. Bis auf die Wagenpanne gab es also keine großen Probleme. Aber selbst wenn, nach Feierabend ist für Sturm der Tag abgehakt. "Das ginge ja gar nicht. Ich kann das doch nicht zu meiner Familie mitbringen."

Kurz vor der Ankunft in München. Sturm und eine Kollegin stehen hinter dem Tresen des Bistros. Sie reicht einem Fahrgast heißes Wasser für die Milchflasche seines Babys. "Wir sind Therapeuten, leisten Erste Hilfe, schlichten Streit, versorgen die Gäste", fasst ihre Kollegin die Aufgaben zusammen. Das Bild des Schaffners, der bloß Tickets abzwickt, trifft auf Sturm und ihre Crew nicht zu. Der fehlende Respekt stört sie, das merkt man ihr an. Ein bisschen nostalgisch sagt sie: "Früher war eine Zugreise für die Fahrgäste ein Erlebnis." Heute ist es eher eins für das Personal. Und nicht immer ein einfaches.

© SZ vom 24.04.2017/eca
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