Leise, heißt es in einem der bekanntesten deutschen Weihnachtslieder, rieselt der Schnee. Leise wird auch der Theaterschnee auf die Bühne des Markgrafentheaters rieseln. Und zwar unablässig, während der ganzen Aufführung von „Brauner Schnee über Franken“. Regisseur Matthias Köhler und Dramaturgin Natalie Baudy, die auch die Verfasser des Stücks sind, haben dieses Motiv bewusst zum ästhetischen Ausgangspunkt ihrer Inszenierung gemacht. „So leise wie der Schnee rieselt, genauso leise rieselt eine Gesinnung auf eine ganze Gesellschaft herunter“, erklärt Köhler ihren Ansatz im Gespräch.
Im Mittelpunkt des Theaterabends steht das Gewaltverbrechen, dem am 19. Dezember 1980 Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke in Erlangen zum Opfer gefallen sind. Der 69-jährige Verleger, Rabbiner und ehemalige Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg und die Witwe des früheren Erlanger Oberbürgermeisters wurden in ihrem Haus in der Ebrardstraße 20 mit acht Schüssen ermordet. Das mehrbändige „Handbuch des Antisemitismus“ nennt die Tat den „ersten politisch motivierten Judenmord in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945“.

Erlangen:Hätte der Mord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke verhindert werden können?
Ein bislang unbekanntes Dokument zeigt: Sechs Tage vor der Tat traf ein V-Mann des Bayerischen Verfassungsschutzes Mitglieder der Wehrsportgruppe Hoffmann, als diese Schalldämpfer für eine Waffe fertigten. Die SPD fordert Aufklärung von der Staatsregierung.
Bis auf den heutigen Tag liegen die genauen Hintergründe teilweise im Dunkeln. Als mutmaßlicher Täter gilt der Angehörige der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann, Uwe Behrendt, der laut Aussagen von Zeugen jedoch im Herbst 1981 im Libanon Selbstmord begangen haben soll. „Da sein Tod angenommen wird“, informiert das Erlanger Programmheft, das aufgrund der Vielschichtigkeit des Themas diesmal um einiges umfangreicher ausgefallen ist als üblich, „gibt es bis heute, über 45 Jahre nach der Tat, keine Verurteilung wegen des Doppelmordes an Shlomo Lewin und Frida Poeschke“.
Dazu muss man wissen, dass mit Karl-Heinz Hoffmann, dem Initiator der fränkischen Wehrsportgruppe, und seiner Partnerin Franziska Birkmann, aufgrund von Spuren, wie einer am Tatort zurückgelassenen Damensonnenbrille, noch weitere Verdächtige ins Visier der Ermittler gerieten. Der Prozess gegen sie wegen möglicher Tatbeteiligung fand ab September 1984 im Saal 600 des Nürnberger Justizpalasts statt – jenem Ort also, an dem sich im „Hauptkriegsverbrecherprozess“ gut 40 Jahre zuvor führende Vertreter des NS-Regimes zu verantworten hatten. Er endete nach 186 Verhandlungstagen in diesem Anklagepunkt jedoch mit einem Freispruch. Dass kein einziges Mal „die Worte rechtsextrem, radikal oder Terrorismus im Urteil in den Mund genommen worden sind“, nennt Matthias Köhler „empörend“.
Unmittelbar nach den Morden gingen Presse und Behörden zunächst davon aus, dass der oder die Täter im privaten beziehungsweise beruflichen Umfeld Lewins zu finden sein müssten. Eine Überschrift der Nürnberger Nachrichten/Erlanger Nachrichten von damals lautete: „Viele Fragezeichen im Leben des Shlomo Lewin“. Was den Münchner Publizisten Ulrich Chaussy, einen der besten Kenner der Materie, in seiner Monographie „Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen“ kritisch zurückblicken und feststellen lässt: „Beim Erlanger Doppelmord ist schon vorweggenommen, was sich dreißig Jahre später bei den NSU-Ermittlungen in Serie wiederholt: Das Opfer, dem ein rassistisch oder antisemitisch grundierter schlechter Ruf zugeschrieben ist, wird zum Opfer zweiter Klasse.“

Die wissenschaftliche Erforschung der Erlanger Morde, wie sie gerade in den vergangenen Jahren etwa von Chaussy und dem Historiker Uffa Jensen geleistet wurde, ist in das Stück von Baudy/Köhler eingeflossen. Dazu trafen sich die beiden Theaterschaffenden, die mit dem neuen Intendanten Jonas Knecht vor anderthalb Jahren nach Erlangen gekommen sind, mit Chaussy in München zum Gespräch. Gleichzeitig suchte man den Kontakt zur 2019 in Erlangen gegründeten „Initiative Kritisches Gedenken“, die sich der Aufarbeitung des Verbrechens verschrieben und im letzten Jahr die Ausstellung „Was bleibt, wenn es gewesen ist?“ organisiert hat.
Außerdem redeten sie mit Vertretern der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg sowie der Vorsitzenden der Jüdischen Kultusgemeinde Erlangen, Ester Limburg-Klaus. Von ihnen erfuhren die Theaterleute, welch wichtige Rolle der 1911 geborene Shlomo Lewin für das jüdische Leben in Franken nach dem Zweiten Weltkrieg gespielt hat. Vor allem der Kampf gegen den Antisemitismus und die Versöhnung zwischen Christen und Juden lagen diesem besonders am Herzen.
„Brauner Schnee über Franken“ nimmt also nicht nur die grausame Tat als solche in den Blick, sondern gibt auch dem Leben ihrer Opfer breiten Raum. Will also nicht nur True Crime-Format, sondern auch Dokumentartheater sein mit dem Ziel, „ein weiterer Mosaikstein in der Gedenkarbeit zu sein, den wir als Theaterschaffende beitragen können“, sagt Natalie Baudy.
Dafür stehen beispielhaft zwei Reden, die Lewin gehalten hat und die von den Schauspielern in voller Länge wiedergegeben werden. Dazu sieht man zwei Fotos auf der bis auf den stetig herabrieselnden Schnee ganz in Schwarz gehaltenen Bühne. Sie sollen den Zuschauern den engagierten Verleger und Rabbiner leibhaftig vor Augen führen und seine wichtigsten Auftritte quasi noch einmal dokumentarisch verifizieren.
Das Stück thematisiert auch den Umgang der Stadt Erlangen mit den Morden
Im Jahr 1977 war Lewin aus Anlass des sogenannten Auschwitz-Kongresses, einer Versammlung von Holocaust-Leugnern, Hauptredner einer Gegendemonstration auf dem Nürnberger Hauptmarkt. Dabei fragte er: „Was können das für Kreaturen, für Unmenschen sein, die Mord und Vernichtung einfach unter den Tisch wischen wollen?“ Und endet mit dem Ruf: „Wehret diesen Anfängen, damit wir nicht wieder einen Faschismus in unserem demokratischen Deutschland bekommen.“ Seine am 8. März 1979 im Markgrafentheater gehaltene Ansprache wiederum forderte Toleranz ein. „Sie sollte uns so stark durchdringen“, so Lewin energisch, „dass wir gewappnet werden gegen Zwist und feindliche Auseinandersetzung, gegen Vorurteil und Überheblichkeit, gegen Hass und Neid“.
Zuletzt thematisiert das Theaterstück den Umgang der Stadt Erlangen mit dem antisemitischen Mord. In den ersten Jahren gedachte man der Tat noch mit Kranzniederlegungen, danach verblasste jedoch die Erinnerung immer mehr. 2010 benannte man immerhin eine Grünanlage nach Shlomo Lewin und Frida Poeschke, ergänzt um eine Gedenkplakette fünf Jahre später. Mit der Selbstenttarnung des NSU und einem wachsenden Bewusstsein für die Bedrohungen von rechts war die Erinnerung wieder richtig wach und gipfelte in einem von der „Initiative Kritisches Gedenken“ ins Leben gerufenen Gedenkmarsch am 19. Dezember 2019, der seitdem jedes Jahr in der Innenstadt wiederholt wird. In diese Tradition fügt sich jetzt „Brauner Schnee über Franken“ ein.
Brauner Schnee über Franken, von Natalie Baudy und Matthias Köhler, Premiere Samstag, 28. Februar, 19.30 Uhr, Markgrafentheater Erlangen, Großes Haus, weitere Termine unter schauspiel-erlangen.de

