Süddeutsche Zeitung

Sexuell auffälliger Junge aus Rosenheim:12-Jähriger muss in geschlossene Therapie

Lesezeit: 4 min

Seine Mutter sitzt im Knast, der Vater ist nach Drogengeschäften untergetaucht: Ein 12-jähriger Junge aus Rosenheim, der als sexuell auffällig gilt, ist in einer geschlossenen Therapieeinrichtung untergebracht worden - fast 700 Kilometer entfernt von seiner Oma, der einzigen Bezugsperson in seinem Leben. Eine überzogene Maßnahme - oder reagiert hier das Jugendamt endlich einmal rechtzeitig, um einen potentiellen Sexualstraftäter zu therapieren?

Heiner Effern

Der zwölf Jahre alte Manuel sieht nicht so aus, als ob er für sich oder andere gefährlich sein könnte: blondes Haar, Brille, für sein Alter eher klein und zierlich gewachsen. Auf einem Foto umarmt er seinen Urgroßvater, auf einem anderen gibt er beim Baden den coolen Macker, mit nach oben ausgestreckten Armen wie ein Fußballstar. Seine Großmutter Erika ( beide Namen von der Redaktion geändert) zeigt in ihrer Münchner Wohnung einen ganzen Stapel Bilder von den letzten gemeinsamen Unternehmungen, denn sie kann ihren Enkel derzeit nicht besuchen. Niemand kann das.

Manuel ist seit etwa drei Wochen "untergebracht", wie es im Juristen-Deutsch heißt: Der Bub lebt in einer geschlossenen Therapieeinrichtung für Jugendliche von zwölf bis 18 Jahren, die "sexuelle Auffälligkeiten" zeigen. Diese Einrichtung liegt in Nottuln bei Münster, fast 700 Kilometer von seiner Oma, 54, entfernt, der einzigen Bezugsperson in seinem Leben. Die Zimmer dort sind nachts verschlossen.

Das Amtsgericht Rosenheim hat das am 21. Juli 2011 so verfügt, in einer einstweiligen Anordnung ohne mündliche Verhandlung, wegen "Gefahr im Verzug". Das Jugendamt der Stadt München, dem Manuel unterstellt ist, hatte dies beantragt, in Rücksprache mit dem Heim im Raum Rosenheim, in dem Manuel die vergangenen vier Jahre lebte.

Die Großmutter beauftragte den Anwalt Rainer Wiedermann, dagegen vorzugehen. In der kommenden Woche wird das Amtsgericht Rosenheim nun über die Zukunft von Manuel mündlich verhandeln. Es wird wohl zumindest festlegen, ob der vorerst auf die Zeit bis zum 1. September 2011 verfügte Aufenthalt im geschlossenen Heim bei Münster verlängert wird.

Dass Manuel einer Therapie bedarf, darin sind sich alle Beteiligten einig. Wie es dazu kommen konnte, dass das Leben in wenigen Jahren solch harte Spuren in Manuels Psyche hinterließ, kann nur seine Großmutter berichten. Er hat sonst niemanden mehr. Der Vater wird, sagt Oma Erika, wegen Drogen verhaftet, als Manuel noch nicht mal ein Jahr alt ist. Als die Mutter einen neuen Freund findet, soll er ein paar schöne Jahre gehabt haben, in denen die Mutter arbeitete und ihn die Großmutter regelmäßig betreute.

Als Manuel fünf war, "ging die Hölle los", sagt Erika. Die Mutter wechselt den Freund, Drogen beherrschen ihr Leben. Der Vater wird entlassen, soll mit dem Kind Horrorfilme und Porno-Magazine angesehen haben. Als Manuels Mutter von der Oma kein Geld mehr bekommt, bricht sie mit ihr, Erika darf ihren Enkel nicht mehr sehen. Der Bub spielt, so erzählt er später Therapeuten, den ganzen Tag PC oder Gameboy.

Wenig später greift das Jugendamt ein, Manuel wird seiner Mutter entzogen. Sie sei 2009 wegen Drogenhandels verurteilt worden, sagt Großmutter Erika, erst 2013 werde sie entlassen. Der Vater habe wohl wegen neuer Drogengeschichten untertauchen müssen.

Dass Manuel selbst Opfer sexueller Gewalt gewesen sein könnte, davon will Großmutter Erika nichts wissen, auch wenn sie von den Betreuern im letzten Heim darauf angesprochen wurde. Schon als Achtjähriger soll Manuel über detailliertes sexuelles Wissen verfügt haben, heißt es in einem Arztbericht der Heckscher-Klinik in München vom Dezember 2007. Dazu kämen vulgäre Sprüche zum Thema Sex und eindeutige Angebote an ältere Mädchen.

Griffe an Brüste von Mädchen, in den Schritt von Buben

Im Herbst 2007 zieht Manuel in ein therapeutisches Heim im Raum Rosenheim. Er lebt dort fast vier Jahre, zum 31. Juli 2011 will ihn die Leitung nicht mehr haben. In einem Schreiben ans Stadtjugendamt lässt sie durchblicken, dass sie Manuel für sexuell gefährlich für andere Heimkinder und Mitschüler hält. Als Beleg folgt eine Aufzählung von sogenannten Übergriffen: Griffe an Po und Brüste von Mädchen, in den Schritt von Buben, Nachahmung eines Geschlechtsaktes, halb auf einem anderen Jungen liegend, Fotografieren des Penis eines Jungen und das Herumzeigen der Bilder, aber auch Vorfälle wie ein Trampolinspringen, bei dem er die Hose hinten am Po runtergezogen hat.

Zudem mehrten sich Anzeichen, dass Manuel weit mehr sexuelle Grenzverletzungen begangen hat als bisher bekannt, heißt es in einem Schreiben des Heims ans Jugendamt. Gegenüber dem Gericht sprechen sich Heimmitarbeiter für eine geschlossene Unterbringung aus.

Reagiert hier das Jugendamt endlich einmal rechtzeitig, um einen potentiellen Sexualstraftäter in einem Alter zu therapieren, in dem es noch etwas weiterhilft? Das Jugendamt, das Heim und auch der Anwalt, den der Bub für das Verfahren zugeteilt bekommen hat, sagen dazu nichts. Sie verweisen auf den Datenschutz. Doch ihre Zustimmung, Manuel in die Einrichtung nahe Münster einzuweisen, deuten auf eine solche Meinung hin.

Doch es gibt auch die andere Seite, die nicht nur aus der Großmutter und ihrem Anwalt besteht. Dem Gericht werden kommende Woche die Aussagen zweier Therapeuten vorliegen, die Manuel betreut haben, einer von ihnen bis zuletzt. Sein erster Psychotherapeut bescheinigte Manuel im Dezember 2008 eine erfolgreiche Therapie und eine gute Prognose.

Der zweite kritisiert in einem Schreiben von diesem August die Unterbringung in einer geschlossenen Einrichtung als zu früh und nicht verhältnismäßig. Der so erzwungene Abbruch der Beziehung zu seiner Oma sei tragisch und werde Spuren hinterlassen. Er könne sich für eine Testphase von einem Dreivierteljahr sogar vorstellen, Manuel bei seiner Oma wohnen zu lassen und ihn nur ambulant zu therapieren.

Keine gute Perspektive für Manuel

Erikas Anwalt Rainer Wiedermann, der häufig am Familiengericht tätig ist, sagt: "So einen Fall habe ich noch nie erlebt." Damit bezieht er sich nicht auf Manuels Verhalten, sondern dessen Einweisung. Natürlich seien die Vorfälle ernst zu nehmen und zu therapieren, doch nicht, "indem man ein zwölfjähriges Kind einem Schwerverbrecher gleichstellt. Diese Stigmatisierung wird er niemals los". Man könne Manuel als künftigen Sexualtäter darstellen, was die andere Seite unter Aufbietung aller Möglichkeiten versucht habe. Doch ebenso könne man das Bild eines Buben malen, der eine Therapie wegen sexueller Auffälligkeiten benötige, aber für die Gesellschaft noch lange keine Gefahr sei.

Viele der beschriebenen Übergriffe würden bei anderen Jugendlichen kaum zu solchen Schlussfolgerungen führen. Anwalt und Großmutter haben zudem den Verdacht, dass Manuel nur in der Anstalt bei Münster gelandet ist, weil es versäumt wurde, in ähnlichen Einrichtungen einen Platz für ihn zu suchen. Offenbar war tatsächlich angedacht, Manuel in einem Augsburger Heim unterzubringen, wie aus einem Schreiben seiner Rosenheimer Einrichtung hervorgeht.

Das Jugendamt äußert sich auch dazu nicht, Valentin Rothbucher, der Geschäftsführer der Einrichtung in Augsburg, sagt zum konkreten Fall ebenfalls nichts, weist aber auf das Problem hin, dass es viel zu wenige Angebote dieser Art in Bayern gebe. "Wir haben sehr viele Anfragen, aber unsere Plätze sind vergeben." Keine gute Perspektive für Manuel, wenn der Richter für ihn nicht eine weniger strenge Therapie beschließt.

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Quelle:
SZ vom 16.08.2011
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