Serie: Made in Bayern Mit Sinn für die Kunst

  • Vor dem Ersten Weltkrieg gab es in Nürnberg 30 Pinselfabriken, heute sind es noch sechs. Da Vinci fertigt in Europa als letzter Betrieb in der Heimat.
  • In der Manufaktur werden Pinsel noch so hergestellt wie vor Jahrzehnten: 20 Frauen sitzen an Tischen mit Apotheker-Waagen, Büscheln von Tierhaaren und Messingbüchsen.
  • Gerade im Make-up-Bereich wächst die Nachfrage nach veganen Utensilien. Den Unterschied merkt ein Laie kaum.
Von Anna Günther

Firma da Vinci - Nürnberg - Hersteller von Pinseln Malerpinsel - Make up Pinsel - Künstlerbedarf - Echthaarpinsel - Foto: da Vinci

(Foto: Frank Boxler)

Hansfried Defet kommt mit 88 noch jeden Tag in seine Firma. Er sitzt dann auch mal zwischen seinen Angestellten in der Halle der da Vinci Künstlerpinselfabrik, vor sich Kisten mit Pinselköpfen. "Die Serie Maestro kontrolliere ich noch persönlich", sagt Defet. Mittags fährt er nach Hause und spielt Klavier. Ein bisschen kürzer zu treten, erlaubt er sich nach 69 Jahren Betrieb dann doch.

Mit 19 musste er die Nürnberger Fabrik der Familie übernehmen. Er kehrte aus dem Krieg zurück, sein Vater nicht. Nach Wünschen fragte niemand. 1945 ging es darum, alles wieder aufzubauen, sagt Defet. Er lernte in dritter Generation das Handwerk des Pinselmachers, stellte Bürsten und Pinsel für Heizungen, Anstreicher oder Barbiere her. Dann traf er die Malereistudentin Marianne. Mit ihr kam die Kunst in sein Leben.

Die Erfolge der Japaner rafften viele Betriebe dahin

Auf Anregung seiner Frau spezialisierte sich Defet 1948 als erster Fabrikant Deutschlands auf Künstlerpinsel. Seit Beginn der Fünfzigerjahre vermarktet er die Produkte unter dem Namen Leonardo da Vincis. 1952 meldeten die Defets das Patent Nummer 621 377 an. "Da Vinci Künstlerpinsel" darf nur heißen, was in der Nürnberger Fabrik hergestellt wird. "Da Vinci hat dazu beigetragen, dass wir sehr schnell im Ausland bekannt wurden", sagt Defet.

Die Konzentration auf die eigene Marke brachte die Firma über die Jahrzehnte. Dabei gilt Mittelfranken und besonders die Gegend um Bechhofen bis heute als Zentrum der deutschen Pinsel- und Bürstenindustrie. Die Tradition dort geht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es in Nürnberg 30 Pinselfabriken, heute sind es noch sechs. Besonders die Erfolge der Japaner in den Sechzigern, aus Nylon und Perlon der Natur ähnliche Synthetikpinsel herzustellen, raffte viele Betriebe dahin.

Da Vinci hat weltweit die größte Kollektion an Künstlerpinseln im Programm und fertigt in Europa als letzter Betrieb in der Heimat. Etwa 2000 Produkte umfasst das Sortiment, sechs Millionen Pinsel entstehen jedes Jahr in Nürnberg. Mehr als die Hälfte geht in den Export. Die Firma macht zehn Millionen Euro Umsatz im Jahr, 70 Prozent generieren die Künstlerpinsel.

Der Favorit war inkompatibel

Seit den Achtzigern wächst der Anteil an Make-up-Utensilien, auch das war eine Idee von Marianne Defet. Dazu kommen Pinsel für die Gestaltung von Fingernägeln oder Zähnen. 120 Menschen arbeiten für Defet und seinen Geschäftspartner Hermann Meyer. Sie wollen das Wissen der Pinsel-Region erhalten, bilden Lehrlinge aus und zogen vor drei Jahren in ein größeres Gebäude.

Seit 1985 arbeitet Meyer bei da Vinci, seit 25 Jahren ist er Gesellschafter. Die Defets suchten einen Junior-Partner, Kinder haben sie nicht. Meyer bewarb sich nach seinem BWL-Studium, war fasziniert vom Produkt und sah Perspektiven. Man war sich sympathisch, aber die Defets bevorzugten einen anderen. Bis zum grafologischen Gutachten: Der Favorit war inkompatibel.

Also doch Meyer. Grafologie zur Nachfolger-Kür? Erstaunte Blicke irritieren Hansfried Defet nicht im geringsten. "Mein Steuerberater hat ein Faible dafür", sagt er amüsiert, und der habe recht behalten. Die Zusammenarbeit sei harmonisch. Und tatsächlich, die Ähnlichkeit der Schwünge ist verblüffend. Trotzdem sind beide noch per Sie. Der 55-Jährige kümmert sich um den Verkauf und vertritt "da Vinci Künstlerpinsel" auf Messen.

Made in Bayern

Familienbetriebe, deren Produkte über Bayerns Grenzen hinaus bekannt sind

Tock tock, tock tock, tock tock

In der Manufaktur im Obergeschoss werden Pinsel noch so hergestellt wie vor Jahrzehnten: 20 Frauen sitzen an Tischen mit Apotheker-Waagen, Büscheln von Tierhaaren und Messingbüchsen. Tock tock, tock tock, tock tock tönt es durch den Saal. Durch das Klopfen der Büchsen auf der Tischplatte rutschen die Haare in die spätere Pinselform. Herausstehende Fasern ziehen die Mitarbeiterinnen vorsichtig aus dem Bündel, binden es mit weißem Faden zusammen und fixieren die untere Hälfte in der Metallzwinge.

Nur die Pinselmacher-Meisterin arbeitet auch am PC. Sie teilt das tägliche Soll zu und Beispiel-Pinsel aus. Im nächsten Saal riecht es nach Leim und Gummi Arabicum. Dort werden Holzstiele in Zwingen gepresst und Pinselköpfe in den Akaziensaft getaucht, damit die Haare in Form bleiben. Stempel drauf, fertig.

Im anderen Flügel stellen eigens konstruierte Maschinen und Roboter Synthetikpinsel her. Das Verfahren ist gleich, geht nur schneller. Mittlerweile besteht das Sortiment zu 70 Prozent aus Kunstfasern, vor 30 Jahren war das noch andersrum. Das Material werde aber immer besser, sagt Hermann Meyer, "für die große Masse ist Synthetik heute eine gute Alternative".

Nachfrage nach veganen Utensilien

Als erster Fabrikant Deutschlands hat Hansfried Defet (rechts neben Geschäftspartner Hermann Meyer) sich auf Künstlerpinsel spezialisiert.

(Foto: Da Vinci)

Gerade im Make-up-Bereich wächst die Nachfrage nach veganen Utensilien. Den Unterschied merkt ein Laie kaum. Kunstmaler, Restauratoren und Vergolder können aber kaum auf Tierhaar verzichten, die Struktur ist einfach anders. "Haare sind ein Kunstwerk, das andere ist Plastik."

Die Aquarell-Pinsel der Maestro-Linie etwa sind aus dem Winterschweif des sibirischen Kolinsky-Rotmarders, Defet nennt das "Nonplusultra". Das Haar sei buschig mit sehr feiner Spitze. Die von Leonardo da Vinci entdeckte Kapillarwirkung funktioniere auch in den Haaren: Wasserfarbe steigt in den engen Hohlräumen nach oben und tropft nicht aufs Papier. Synthetik könne das nicht. Porzellan-Maler und Vergolder verwenden Haar vom Schweif des russischen Kasaner Feh, einer Eichhörnchen-Art.

Die flachen Anschusspinsel, mit denen Vergolder hauchdünne Gold-Blättchen vom Papier heben, laden sich elektrostatisch auf, wenn man über die Haut streicht. So bleibt das Blattgold am Pinsel haften. "Diese Eigenschaft kann man nicht kopieren", sagt Hansfried Defet und streicht über seinen Handrücken. Schweineborsten sollen besonders viel Farbe aufnehmen und werden für Acryl-, Öl- und Temperamalerei benutzt. Mit Pinseln aus Marderfell oder den Haaren von Rinderohrspitzen verewigten schon die Porträtmaler des 17. Jahrhunderts Herrscher und Musen.

Eine Glaubensfrage

Attacken von Tierschutzorganisationen habe er noch nicht erlebt, sagt Meyer, aber Nachfragen gebe es häufig. "Wir sagen offen, dass das Haar von toten Tieren stammt." Bedenken hat er keine, das Bundesamt für Naturschutz überwacht die Herkunft der Felle. Der Fang werde zertifiziert, "aber was ist für die Umwelt besser? Organisches Material oder Plastik, das sehr viel Wasser und Energie in der Herstellung kostet und nie verrottet?", fragt Meyer. Eine Glaubensfrage.

Im Erdgeschoss stapeln sich die verpackten Pinsel in Regalen bis zur Decke. Besonders stolz ist Hansfried Defet auf ein 1,5 Meter langes Konstrukt mit Knubbeln am Stiel. Der Künstler Gotthard Graubner malte mit dieser Sonderanfertigung im Schloss Bellevue zwei wandgroße Gemälde für den Großen Saal. Das Ende des Stiels klemmte unter seiner Achsel, an den Knubbeln führte er den Pinsel. Lädt der Bundespräsident zum Bankett, essen Gäste zwischen Graubners "Begegnungen".

Kunst war ihr Lebensinhalt

Geschichten wie diese kann Defet viele erzählen, jedes Bild birgt eine Anekdote. Und überall ist Kunst: Flure und Büros hängen voll mit Drucken, Collagen, Grafiken, Sinnsprüchen und Bildern zeitgenössischer Künstler. "Das alles hätte ich mir als junger Mann nie träumen lassen, ich wollte eigentlich Chemie studieren", sagt Hansfried Defet und blickt die Wände entlang.

Mit Fingerspitzengefühl: Die Pinsel werden in der Manufaktur stets per Hand gefertigt.

(Foto: Frank Boxler)

Kunst ist omnipräsent, und mit ihr seine Frau. 2008 starb Marianne Defet. Ihr Porträt hängt im Aufenthaltsraum, ihrer speziellen Pinsel-Sammlung gegenüber. Verklebt, zerrupft, zerkaut - oft nur noch Stummel. "Sie hat sich in jedem Atelier einen Pinsel erbeten und dafür einen neuen verschenkt", sagt Defet.

Kunst war ihr Lebensinhalt. Das Paar baute die alte Fabrik zu Ateliers, Galerien und einer Kindermalschule um. Nach dem Tod seiner Frau gründete er eine Stiftung zur Unterstützung junger Maler - nicht ganz uneigennützig, mit befreundeten Künstlern entwickelte Defet so manchen Pinsel.