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Sensationsfund:Udos erster Auftritt

Bildhauer Stephan Potengowski hat Udo rekonstruiert - aus Repliken der Knochen und Ton vom Fundort.

(Foto: Henz)

Die Überreste des ältesten aufrecht gehenden Menschenaffen stammen zwar aus Bayern. Präsentiert wird "Danuvius guggenmosi" nun aber in Tübingen

Seit Madelaine Böhme ihren aufsehenerregenden Fund des ältesten aufrecht gehenden Menschenaffen publiziert hat, ist das Interesse groß, den Danuvius guggenmosi, den Forscher in der Allgäuer Tongrube Hammerschmiede ausgegrabenen und Udo genannt haben, einmal selbst zu sehen. Vor allem von Allgäuern und Bayern sei sie immer wieder gefragt worden, wann sie die Fossilien öffentlich zeige, sagt die Tübinger Professorin. Nun gibt es eine erste Ausstellung - allerdings nicht in Bayern, sondern im württembergischen Tübingen. Einer der Gründe ist, dass die Paläontologin Böhme am dortigen Museum der Universität quasi im Kollegenkreis ein Team aus Fachleuten zur Verfügung steht, das Erfahrung damit hat, wissenschaftliche Erkenntnisse für ein breites Publikum aufzuarbeiten. Innerhalb von nur vier Wochen geschieht das allerdings normalerweise auch dort nicht. "Wir haben noch nie so schnell eine Ausstellung gemacht", sagt Ernst Seidl, Direktor des Museums bei einer Vorbesichtigung am Dienstag. "Doch für uns ist ganz entscheidend, dass wir die aktuelle Forschung auch kommunizieren."

Als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder die Ausgrabungsstelle im November vergangenen Jahres besuchte, hatten Landrätin Maria Zinnecker und Bürgermeister Herbert Hofer, in dessen Gemeinde Pforzen sich die Tongrube Hammerschmiede befindet, von einem Museum oder Besucherzentrum geträumt. Und Söder hat sogleich einen Zuschuss vom Freistaat in Aussicht gestellt.

Dass Udos Originalknochen jemals in Pforzen ausgestellt werden, ist jedoch unwahrscheinlich. Sie sind jetzt nämlich Teil der paläontologischen Sammlung der Universität Tübingen. Und an ihnen soll auch weiter geforscht werden. Bei ihrer Veröffentlichung im Herbst habe es sich ja erst um einen "ersten Aufschlag" gehandelt, erklärt Böhme. "Es gibt noch tausend Fragen." Mit forensischen Untersuchungen des Zahnschmelzes will sie zum Beispiel etwas über die Kindheit des aufrecht gehenden Menschenaffen erfahren, der vor 11,6 Millionen Jahren im Allgäu gelebt hat.

Auch im Tübinger Museum sind die Knochen nicht im Original zu sehen. In einer beleuchteten Vitrine liegen lediglich gut gemachte Repliken von den 21 Knochen und Fragmenten, die Böhme Udo zugeordnet hat. Die Ausstellung ist kompakt und ebenfalls als eine Art erster Aufschlag zu betrachten. Es handelt sich um wenige Schautafeln mit einigen Fotos und sieben kurzen Textblöcken, die zusammenfassen, wie der Fund innerhalb der bisherigen Forschung über die Entstehung des aufrechten Gangs einzuordnen ist. Außerdem Informationen über die Ausgrabungsstelle Hammerschmiede im Allgäu und zwei Filme, in denen Böhme die Bedeutung des Fundes erläutert. Mittelpunkt ist eine lebensgroße Rekonstruktion des Menschenaffen, die vom Tübinger Bildhauer Stephan Potengowski angefertigt wurde. Er hat sie nach Böhmes Vorgaben gestaltet und Repliken der vier größten Knochen und Fragmente eingearbeitet. Für die Skulptur hat Potengowski hellen Ton aus der Hammerschmiede verwendet und dabei bewusst nicht naturalistisch gearbeitet. "Ich wollte nicht zu konkret werden."

Das übersichtliche Ausstellungsformat ist laut Böhme nicht nur der Zeit geschuldet. "Wir wollten die Menschen nicht erschlagen mit Fossilien und Informationen." Möglich wär's gewesen. Böhme hat in den vergangenen Jahren im Allgäu mehr als 15 000 Fossilien von 117 verschiedenen Wirbeltierarten gefunden. Aus Sicht der Universität Tübingen ist die Hammerschmiede einer der bedeutendsten Orte für paläontologische Entdeckungen in Deutschland.

Selbst wenn Udo selbst nicht in Pforzen gezeigt werden kann, gäbe es angesichts der Vielzahl der Funde also vielleicht Alternativen. Gemeinde und Landkreis haben jedenfalls bereits Geld im Haushalt reserviert, um die Idee von einem Besucherzentrum oder Museum näher untersuchen zu lassen. Böhme rät zu Geduld: Möglicherweise werde ihr Team in zehn Jahren schon zehn Individuen des Danuvius guggenmosi gefunden haben. Die Paläontologin schätzt das große Interesse aus Bayern an ihrem Fund. Sie würde sich aber wünschen, dass es zunächst in die Bemühungen fließt, jenen Teil der Tongrube, in dem die meisten Fossilien entdeckt wurden, unter Naturschutz zu stellen. Dann dürfte an dieser Stelle erst wieder Ton abgebaut werden, wenn die Ausgrabungen beendet sind. Bisher sind die Wissenschaftler auf das Entgegenkommen des Eigentümers der Grube angewiesen.

Lohnt sich für bayerische Frühgeschichtsfans nun der Weg auf das Schloss Hohentübingen? Nur wenn sie ohnehin vorhaben, die Universitätsstadt am Neckar zu besuchen. Für alle anderen soll demnächst eine noch etwas kompaktere Kopie der Ausstellung im Landkreis Ostallgäu auf Wanderschaft gehen. Sie werde vom Museum in Kooperation mit der Gemeinde Pforzen geplant, kündigt Museumsleiter Seidl an.

"Udo - Der erste Fußgänger. Sensationsfund Danuvius guggenmosi zum ersten Mal ausgestellt", Museum der Universität Tübingen, Schloss Hohentübingen, 31. Januar bis 31. Mai.

© SZ vom 29.01.2020
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