Glaubt man dem Landratsamt Wunsiedel, dann ist das Fichtelgebirge ein idealer Platz für Menschen mit ungewöhnlichen Plänen. „Freiraum für Macher“ gebe es dort und „Möglichkeiten zur Entfaltung eigener Ideen“, liest man auf der Webseite. Außergewöhnliche Vorschläge, wie man die Region voranbringen könnte, hat auch ein junger OB-Kandidat aus dem Landkreis. Er will die Bundeswehr zur Rettung des örtlichen Krankenhausstandorts rufen.
Patrick Zeidler, 31 Jahre, studierter Physiker, kandidiert für die SPD in Selb – „im äußersten Osten Bayerns, direkt an der Grenze zur Tschechischen Republik“, wie er selbst betont. Selb hatte bis vor knapp zwei Jahren ein eigenes Krankenhaus, das ehemalige Klinikum Fichtelgebirge mit Standorten in Marktredwitz und Selb. Aus Finanznot musste sich der Standort Selb zuletzt in eine Art Tagesklinik wandeln, den sogenannten Medizin Campus Selb.
Die Ärzte aus dem Nachbarkrankenhaus Marktredwitz halten dort Sprechstunden und niedergelassene Ärzte sind mit Praxen eingezogen. OB-Kandidat Zeidler ist das zu wenig. Er möchte wieder ein Krankenhaus mit Notaufnahme vor Ort. Verschaffen soll ihm das die Bundeswehr, der er Selb als Standort für ein militärisch-ziviles Katastrophenzentrum vorschlägt.
Der Gedanke dahinter: Die Bundeswehr soll in den kommenden Jahren stark wachsen. Damit wird sie auch weitere Truppenärzte und Sanitätszentren benötigen. Wo aber wären die besser angesiedelt als in Selb? Aus Bayern gesehen, mag die Stadt am äußersten Rand liegen. Geostrategisch gedacht aber befindet sie im „erweiterten Ostflankenraum der Nato“, sagt Zeidler. Ein Trumpf, den er in einem Brief an Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius ausspielt.
In Zeiten einer sicherheitspolitischen Neuausrichtung der Nato stehe man auch in Selb vor der Frage, „wie wir vor Ort zur Resilienz unseres Landes beitragen können“, schreibt er. Selb nehme mit seiner Nähe zu Tschechien und dem größten Truppenübungsplatz des Landes bei Karlovy Vary eine „herausragende strategische Lage ein“. Auch die Oberfranken-Kaserne in Hof sei keine halbe Stunde Autofahrt entfernt. Das Krankenhaus Selb verfüge über schnell reaktivierbare OP-Räume. Einmal wieder in Gang gesetzt, könnten diese der Bundeswehr und der Bevölkerung gleichermaßen segensreich dienen. Noch Fragen?
Anruf im Freiraum für Macher, beim Landratsamt Wunsiedel. Dort sieht man sich genötigt, die Euphorie ein wenig zu bremsen. Man sei selbst auch in Gesprächen mit der Bundeswehr, sagt Landrat Peter Berek (CSU). Nur: Selbst wenn das Krankenhaus für die Bundeswehr infrage komme, hätte das einen „ganz großen Vorlauf“. Kurzfristig aber gelte es, die Bevölkerung zu versorgen und möglichst viele Fachrichtungen für sie vorzuhalten – ein Kraftakt in einer ländlichen Region, in der ein Krankenhaus naturgemäß schlechter ausgelastet sei. Der neue Medizin Campus biete da einen finanzierbaren, guten Weg.
Im Verteidigungsministerium reagiert man ebenfalls verhalten: Man sieht zwar, dass eine wachsende Bundeswehr zusätzliche medizinische Versorgungszentren benötigen könnte. Allerdings prüfe man zunächst, ob sich dafür nicht eine der 200 bundeseigenen Liegenschaften eigne. Erst danach würden externe Optionen angeschaut. Das kann dauern. Im Fichtelgebirge, dem Freiraum der Macher, wird man sich also gedulden müssen. Ungewöhnliche Ideen sind dort trotzdem willkommen.

