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Sekten-Aussteiger über "Zwölf Stämme":Gedrillt zu willenlosen Jüngern Gottes

Robert Pleyer, 45, schlug bei den Zwölf Stämmen sowohl seine eigenen als auch fremde Kinder. Heute sagt er: "Ich schäme mich."

(Foto: Heider-Sawall/Verlag)

Robert Pleyer war Mitglied der Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme". In einem Buch berichtet der Aussteiger, wie Kinder misshandelt werden. Es geht auch um seine eigene Tochter.

Von Stefan Mayr, Augsburg

Als Robert Pleyers Tochter Asarah acht Monate alt ist, misshandelt er sie zum ersten Mal. Sie sitzt auf seinem Schoß, er hält ihre Hände fest und befiehlt ihr: "Sei ruhig und sitz still!" Das Kind schaut seinen Vater erschrocken an. Es windet sich und beginnt zu zappeln. Pleyer hält es noch fester und sagt: "Nein, still sitzen!" Asarah beginnt zu schreien. Sie biegt sich nach hinten. Streckt den Rücken durch. Sie wehrt sich. Sie hat keine Chance. Ihr Vater drückt ihren Kopf mit der Hand auf ihre Brust. Sie brüllt. Auf ihren roten Wangen platzen Äderchen. Die Tortur heißt Restraint, Pleyer zieht sie eineinhalb Stunden lang durch. Heute, zehn Jahre später, schreibt er in seinem Buch "Der Satan schläft nie": "Ich habe Asarah niedergerungen, sie innerlich gebrochen."

Robert Pleyer, 45, lebt 20 Jahre lang in der urchristlichen Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme". Dabei gehört er auch zum erweiterten Führungszirkel und ist verantwortlich für den deutschen Schulunterricht. 2011 steigt er aus der Sekte aus. In seinem Buch berichtet er, wie die Kinder in Klosterzimmern (Kreis Donau-Ries) und Wörnitz (Kreis Ansbach) physisch und psychisch misshandelt und zu willenlosen Jüngern Gottes gedrillt werden.

Auf den 265 aufwühlenden Seiten beschreibt er seine Untaten an seinen eigenen vier Kindern, aber auch an den Kindern der anderen Sekten-Mitglieder, die von ihm als Lehrer verlangen, ihre Kinder zu züchtigen. Pleyer bestätigt die Rutenschläge auf den nackten Po, über die seit der Inobhutnahme von 40 Kindern vor einem Jahr umfangreich berichtet wurde. Pleyer erzählt aber auch, wie die Erwachsenen der Zwölf Stämme miteinander umgehen. Von einem friedlichen, harmonischen Zusammenleben kann dabei nicht die Rede sein. "Gleich den Kindern sind auch die Erwachsenen einem riesigen Bestrafungsapparat unterworfen", schreibt Pleyer. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung sagt er: "Entweder man ordnet sich 100 Prozent unter oder man hat ein Problem."

"Meine Pranken waren wie Schraubstöcke"

So werde auch das Restraint von allen Eltern verlangt. "Meine Pranken waren wie Schraubstöcke", berichtet Pleyer. "Danach habe ich mich selbst gehasst und hemmungslos geweint." Doch er lässt sich von seinen "Brüdern und Schwestern" überreden, es wieder und wieder zu tun. Der Gruppenzwang ist zu groß. Pleyer ist nicht stark genug, um ihm zu widerstehen. "Ich schäme mich dafür, was ich in meinen Kindern zerstört habe", sagt er heute. Damals habe er gespürt, "dass im Inneren des kleinen Menschen etwas zerbricht."

Dieser Aussage würden die Jünger wohl nicht widersprechen, denn genau das ist laut Sekten-Vater Eugene Spriggs Sinn der Sache: "Das wichtigste Ziel der Erziehung ist es, die Kinder unter Kontrolle zu bringen und die Kontrolle beizubehalten, bis das Ziel erreicht ist", heißt es in einem Erziehungsratgeber. Welches Ziel? Die Zwölf Stämme meinen vielleicht die Erlösung. Robert Pleyer sagt: "Einziges Ziel ist die bedingungslose Unterordnung." Allen Kindern werde gesagt: "Vergiss, was du willst und vertraue auf Gott." Ihm als Erwachsenen habe ein Ältester gesagt: "Wahre Jünger haben keine Meinung, sie unterstützen einfach."

Telefonieren nur unter Aufsicht

Entsprechend sieht der Alltag der Jünger aus: Sie dürfen keinen eigenen Computer haben. Das Telefon steht an einem Ort, der stets beaufsichtigt ist. Sie dürfen nicht entscheiden, wann und wohin sie reisen und wann sie ihre Familien sehen. Sie müssen 16 Stunden am Tag arbeiten, bekommen aber keinen Lohn. Sie haben Konten, aber nur zum Empfang des Kindergeldes. Alle EC-Karten behält der Ältestenrat. Jene, die den Hauptschulabschluss haben, bekommen das Zeugnis nicht ausgehändigt. "Sie machen ihre Kinder geistig und emotional unfähig, in ihrem Leben jemals eigene Entscheidungen zu treffen", schreibt Pleyer, "es ist ihnen verboten, jederzeit das Wort zu ergreifen und zu sagen, was sie denken." Jeder Widerspruch werde abgetan mit der Aussage: "Wer den Ältesten widerspricht, widerspricht Gott."

Einjährige "Probezeit" vor der Hochzeit

Der Ältestenrat ist nicht demokratisch gewählt, aber er mischt sich in alle Privatangelegenheiten ein. Laut Pleyer können die Jünger nicht einmal frei entscheiden, wen sie heiraten. Er selbst habe 13 Jahre lang warten müssen, bis ihm eine Frau zugeteilt wurde. Doch vor der Hochzeit muss er eine einjährige "Probezeit" absolvieren. Inklusive wöchentlichem Kreuzverhör. Pleyer: "Das war demütigend". Weil sich die Verlobten auf einer Busfahrt zu nahe kommen, darf Pleyer seine Braut sechs Wochen lang nicht sehen. Auch Jahre nach der Heirat spricht der Ältestenrat seine Strafen aus: "Wenn die Ältesten zu dem Schluss kommen, dass ich ein schlechter Vater bin, nehmen sie mir meine Kinder weg und bringen sie in einer anderen Familie unter", berichtet Pleyer. Zweimal muss er sechs Monate lang in Isolation leben, ehe er seine Familie wieder sehen darf.

Als Lehrer züchtigt Pleyer seine Schüler "jeden Tag" in den "Disziplinierräumen" mit Weidenruten auf den Po. Er hat einiges zu tun: "Manchmal bildet sich am Treppenabsatz zum Keller ein kleiner Stau, weil der Raum noch nicht frei ist. Betäubt und routiniert hören die Kinder die Schreie ihrer Vorgänger und zählen die peitschenden Schläge, die ihre Freunde erhalten."

Nach oben sind die Sektenmitglieder willenlos, nach unten brutal. 2011 schafft Pleyer den Ausstieg. Er nimmt Ehefrau und Kinder mit. Seine Frau kehrt wenig später wieder zurück. Die Scheidung läuft. Vor den Familiengerichten in Nördlingen und Ansbach laufen zudem die Verfahren um das Sorgerecht jener Kinder, die seit der Razzia im September 2013 bei Pflegefamilien oder in Heimen untergebracht sind. Die Eltern werfen den Behörden "staatliche Willkür" vor und fühlen sich von den Gerichten ungerecht behandelt. Robert Pleyers Darstellungen weisen sie als unzutreffend zurück. "Er malt ein Bild, das nicht stimmt", sagt Klaus Schüle. Robert Pleyer sagt: "Ich hoffe, dass mehr Mitglieder nachdenken und aussteigen. Ich würde ihnen gerne helfen."

Robert Pleyer: Der Satan schläft nie, Knaur Taschenbuch, 14,99 Euro

© SZ vom 21.10.2014/infu
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