Seilbahnunglück am Tegelberg Bergwacht rettet Gondel-Insassen nach 18 Stunden

Hundert Meter über dem Boden, 18 Stunden lang eingeschlossen: Für die Insassen einer Gondel wurde der Ausflug nahe dem Schloss Neuschwanstein im Allgäu zur Schreckensnacht. Ein Gleitschirmflieger hatte sich in den Seilen der Tegelbergbahn verfangen - und den Stillstand verursacht. Die 19 Touristen und der Gondelführer verbrachten die Nacht in der Gondel, ehe die Einsatzkräfte sie mit einem Hubschrauber retteten.

Von Ralf Tögel und Gökalp Babayigit

Erleichterung nach einer dramatischen Rettungsaktion im Allgäu: Nach einem Seilbahnunfall nahe dem Schloss Neuschwanstein sind alle 20 Menschen gerettet worden. Die mehr als 18 Stunden in einer Gondel eingeschlossenen Touristen und der Gondelführer wurden am frühen Samstagmorgen mit einer Winde nach oben in einen Hubschrauber gezogen und in Sicherheit gebracht.

Wie es genau zu dem Zwischenfall kam, ist noch nicht endgültig geklärt: Sicher ist nur, dass sich ein Gleitschirmflieger am Freitagnachmittag in den Seilen der Tegelbergbahn verhedderte und somit die Bahn zum Stillstand brachte. Christian Owsinksi, Sprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd-West, sagte: "Wir haben noch keine belastbaren Erkenntnisse. Möglicherweise steht der Unfall im Zusammenhang mit Filmaufnahmen."

Insgesamt dauerte die Rettungsaktion knappe zwei Stunden, da der Hubschrauber immer nur zwei Passagiere gleichzeitig ins Tal fliegen konnte. Die Bergretter mussten neun Mal fliegen, ehe alle Touristen aus der Gondel in Sicherheit waren.

Unter den Betroffenen, die die ganze Nacht in der Gondel in etwa 100 Metern Höhe ausharren mussten, waren fünf Kinder. Die 19 Passagiere zwischen vier und 75 Jahren kamen aus Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hessen. Zwei Touristen waren den Angaben zufolge aus Osteuropa. Die Bergung hatte um 6.00 Uhr begonnen, nachdem der Einsatz in der Nacht abgebrochen werden musste.

Der Sprecher der Bergwacht, Roland Ampenberger, sagte: "Das große Problem war die Komplexität des Einsatzes, wir kamen in eine Nachtsituation und es war schlechtes Flugwetter." Die Insassen waren für die Nacht mit Decken und Lebensmittel sowie mit Spielzeug und Malsachen für die Kinder versorgt worden. Zudem war ein Bergretter über Nacht in der zwölf Quadratmeter großen Gondel geblieben. Außerdem hielt sich die ganze Nacht über ein Notarzt auf der Seilbahnstütze oberhalb der Gondel für Notfälle bereit.

Insgesamt waren mehr als 200 Einsatzkräfte der Bergwacht, der Feuerwehr, des THW sowie der Feuerwehr und der Polizei vor Ort. Zunächst war darüber nachgedacht worden, die 20 Insassen der Gondel auf den Boden abzuseilen. Deshalb hatten sich 80 Bergretter an den Unfallort begeben. Wegen des verbesserten Flugwetters entschied sich die Einsatzleitung dann aber dafür, mit einem Hubschrauber die Insassen einzeln aus der Gondel zu holen. Hierfür seilte sich ein Bergretter zur Gondel hinab und brachte die Passagiere in den Hubschrauber in Sicherheit.

Die Geretteten wurden in einem Zelt medizinisch betreut. Alle seien den Umständen entsprechend wohlauf, sagte Bergwachtsprecher Ampenberger. Die 30 Passagiere aus einer weiteren, talseitigen Gondel waren bereits am frühen Freitagabend geborgen worden. Von 182 Betroffenen, die auf die Abfahrt ins Tal warteten, wurden 132 per Luftrettung ins Tal gebracht.

Nun gilt es für die Polizei, den Unfallhergang zu klären. Es ist gesichert, dass es sich bei dem Gleitschirmflieger um einen 54-jährigen Deutschen mit Wohnsitz in der Schweiz handelt, der über 17 Jahre Flugerfahrung verfügt. Wie die Polizei weiter mitteilte, handelte es sich bei dem Passagier des Tandemflugs um einen 35-jährigen Münchner. Gegen die beiden wurden nun Ermittlungen wegen eines gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr sowie wegen fahrlässiger Körperverletzung aufgenommen. Möglicherweise müssen sie auch mit Schadenersatzforderungen rechnen.

Geschäftsführer fürchtet wirtschaftlichen Schaden

Franz Bucher, Geschäftsführer der Tegelbergbahn, zeigte sich am Samstag empört: "Der Pilot hat sich grob fahrlässig verhalten. Die Flieger wissen, dass sie die Bahn dort nicht queren, sondern nur parallel zu den Seilen fliegen dürfen." Doch genau dies habe der Pilot getan, so dass sich sein Schirm mit den Trag-, Zug- und Rettungsseilen der Bergbahn auf einer Länge von 30 Metern verhedderte. Sobald sich Trag- und Rettungsseile berühren, so Bucher, erfolge eine automatische Abschaltung der Bahn - und damit der Stillstand.

Wieso der erfahrene Flieger die Seilbahn verbotenerweise queren wollte, darüber gab es am Samstag nur Spekulationen. Angeblich wollte er für Filmaufnahmen hinüber zu den malerischen Königsschlössern fliegen. Gerüchten zufolge wurde er dabei sogar von einem zweiten Gleitschirmflieger begleitet - und gefilmt. "Die haben ein Riesenmassel, dass sie noch leben", sagte Bucher.

Nach der erfolgreichen Rettungsaktion fürchtet der Geschäftsführer der Tegelbergbahn nun den wirtschaftlichen Schaden: "Wenn das Zugseil, das wir erst vor kurzem ersetzt haben, kaputt ist, dann stehen wir zwei Monate still." Was das bedeute, könne man sich ausrechnen. "Jetzt ist unsere Hauptzeit mit 2000 Gästen pro Tag." Im Laufe des Tages soll ein Spezialist aus Italien nach Schwangau kommen und den Schaden begutachten. Dies werde mehrere Tage dauern. Die Bahn bleibt bis auf weiteres geschlossen.