Seen in Bayern "Geh lieber mal in die Segelschule!"

Segeln bei herrlichem Wetter auf dem Starnberger See, daran finden offenbar immer mehr Menschen gefallen - die Segelschulen jedenfalls sind gefragt.

(Foto: Arlet Ulfers)

Wer Segel setzen will, braucht dafür keinen Schein. Weil die Sportart immer beliebter wird, wird das zum Sicherheitsproblem.

Von Karl Forster

Kein Anzeichen von Stress oder Ärger, nirgendwo. Die "Triangel", diese schon etwas betagte kleine Yacht der 806-Klasse, gleitet auf dem Starnberger See bei rauem Südwind von Bernried rüber Richtung Ammerland. Es kann ja auch nichts passieren, denn im Lee, der windabgewandten Seite, ist kein Schiff, das einem die Vorfahrt nehmen könnte, das Großsegel steht backbord, also in Fahrtrichtung links, was ebenfalls Vorrecht bedeutet vor Booten mit dem Groß auf der anderen, der Steuerbordseite.

Also kann sich der Skipper in aller Ruhe eine Zigarette drehen und das Leben genießen. Denkt er. Bis plötzlich ein Schrei ertönt: "Raum! Du Arschloch! Schleich dich!" Und weiter: "Schon mal was von rechts vor links gehört?!" Oh je, ein Anfänger! Denkt der 806-Segler. Es gibt für solche Fälle das sogenannte Manöver des letzten Augenblicks, er drückt also die Pinne scharf nach steuerbord, der Bug dreht nach Norden, und eine Kollision mit dem Schiff des schreienden Menschen, Typ Kaffeesegler, findet um wenige Zentimeter nicht statt. Und er ruft freundlich rüber zum anderen Boot: "Rechts vor links, mein Freund, das gilt im Straßenverkehr. Beim Segeln heißt das links vor rechts. Geh lieber mal in die Segelschule!"

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Solche Fälle häufen sich. Denn Segeln wird, wie so viele Freizeitsportarten, immer beliebter, vor allem bei Menschen aus der Stadt. Und wird damit zum Sicherheitsproblem. Denn: Es ist ein zweischneidiges Privileg, das Segler auf Bayerns Seen genießen. Hier herrscht keine Scheinpflicht, was bedeutet, dass jeder, der glaubt, eine Pinne halten und ein Segel führen zu können, auch segeln darf, egal, ob er das Wetter lesen kann, ob er weiß, was eine Halse ist oder, siehe oben, die Vorfahrtsregeln kennt. Oder eben nicht.

Vielleicht liegt's an der Vernunft, oder daran, dass Segelbootsverleiher doch gerne irgendeinen Nachweis für Segelgrundkenntnisse verlangen. Jedenfalls brummt das Geschäft der Segelschulen an den Seen im Münchner Einzugsgebiet. Und es ist dies auch eine kleine Auswirkung des großen gesellschaftlichen Trends, der da heißt: Landflucht. Immer mehr Menschen zieht es in die Stadt. Doch das Leben in der Stadt weckt wiederum die Sehnsucht nach Erholung auf dem Land und an seinen Seen, nicht nur zum Bräunen am Strand, sondern verbunden mit Aktivitäten. Und da steht das Segeln weit oben auf der Beliebtheitsskala.

"Die Leute wollen was tun, wollen die Freiheit dieser Freizeit genießen", sagt Hans-Georg Schunck, Leiter der Chiemsee Yachtschule Gollenshausen und Präsident des Verbandes deutscher Sportbootschulen (VDS). Mountainbiken und Wandern in den Bergen; Stand-up-Paddeling und Kajakfahren auf dem Wasser. Oder eben Segeln. "Aber das muss man halt lernen." Nicht nur die Vorfahrtsregel Backbord- vor Steuerbordbug (links vor rechts); das Vorfahrtsrecht Lee vor Luv (hart am Wind hat Vorfahrt). Zum Segeln gehört aber auch das Verständnis von Wetter, Wind und Wasser. Das ist gerade für Menschen aus der Stadt deutlich komplizierter als das Wegerecht, auch wenn es gerade andersrum läuft als auf der Straße.

Wer in der Stadt lebt, kommt mit der Natur, mit den Elementen kaum mehr direkt in Kontakt. Okay, es regnet, dann bleibt man halt zu Hause. Okay, es gibt ein Gewitter, dann ist man froh, dass Blitze in der Regel woanders einschlagen. Okay, es herrscht Föhn, dann hat man halt Kopfweh; muss sich aber keine Gedanken darüber machen, dass der Wind binnen weniger Minuten von einem Beaufort auf deren sechs oder sieben auffrischen kann, was dann eventuell zur Kenterung des Segelbootes führen kann. Menschen in der Stadt glauben vielleicht nicht mehr, dass Kühe lila sind. Aber das Gefühl für die Natur mit den dazugehörenden Wetterereignissen ist bei den meisten doch stark geschwunden.

Lieber kurze und häufigere Kurse als einen langen für die städtischen Kunden

Und wenn dann einer, der gerade mal eine Woche am Ammersee, am Starnberger See oder dem Chiemsee ein bisschen gelernt hat, wie man eine Schot bedient, wenn dann so einer im Leihboot bei Sturmwarnung schnellstmöglich zurück in den Hafen segeln will, hat er vielleicht ein Problem, wenn im Westen schon eine fette, dunkle Charly Bravo steht, also eine echte Gewitterwolke vom Typ Cumulonimbus. Weil er solche Gefahrensituationen nicht kommen sah und nicht verinnerlicht hat.

Viele Segelschulen folgen deswegen dem Beispiel von Hans-Georg Schunck und seiner Segelschule und passen das Schulungsprogramm den aktuellen Bedürfnissen an. Das heißt: Nicht der Erwerb eines offiziellen Segelscheins mit all dem theoretischen Ballast ist erstes Ziel, sondern der Erwerb praktischer Kenntnisse. "Und das immer weniger mit Zwei-Wochen-Kursen, sondern lieber kürzer und öfter", sagt Schunck, das komme den Bedürfnissen der städtischen Kunden eher entgegen. Bei ihm können die Segeleleven auch ein Zertifikat erwerben, "aber ohne großes Brimborium und Prüfungskomitee".

Ein Trend, der sich langsam durchsetzt. Während also beispielsweise die Münchner Segelschule Weiß Blau (Dependance im Hafen von Bernried am Starnberger See) ihre Kunden mit Theorie und Motorpraxis möglichst salzwasser- und chartertauglich machen möchte, sehen Schunck & Co. ihre Chance in der Devise: so viel Theorie wie nötig, so viel Praxis wie möglich. Ein Weg, den französische Segelschulen schon seit Jahrzehnten erfolgreich gehen. Beispielhaft dafür ist schon lange die Segelschule der LMU in Starnberg am Westufer, wo Studenten und Beschäftigte von LMU und TUM auf Piraten Segeln lernen. Auch die Segelschule Tutzing arbeitet nach ähnlichem Muster. Hier lernt man ebenfalls auf Zweimann-Jollen den richtigen Umgang mit Wind und Welle. Auf Wunsch gibt es Einzelunterricht bis hin zur Regattatauglichkeit, was dann allerdings auch mit ein bisschen Zusatztheorie verbunden ist, weil man wissen sollte, in welchem Radius rund um eine Boje Überholen auf der Luv-Seite verboten ist.

Eines aber haben alle Segelschulen auf der Agenda: Den Respekt vor Wind und Welle, vor dem Wetter und seinen in Bayern oft tückischen Ausprägungen. Und noch was zum Wegerecht: Die Schiffe der weißblauen Flotte tragen einen orangen Wimpel. Sie haben immer Vorfahrt!

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