bedeckt München 20°

Seeon in Oberbayern:Am Grab der angeblichen Zarentochter

Seeon am See

Auch Georg von Leuchtenberg, ein direkter Verwandter der russischen Zarenfamilie, ist in Seeon begraben.

(Foto: Maximilian Beck)

Aus ihrer Geschichte wurde sogar ein Hollywoodfilm: Anastasia Manahan behauptete ihr Leben lang, die jüngste Tochter des letzten Zaren zu sein. Ihre letzte Ruhe fand sie in im tiefsten Oberbayern. Dort hoffen sie, dass daraus einmal eine touristische Sensation wird.

Von Heiner Effern, Seeon

Es sind die Kreuze, die sofort auffallen. Genauer gesagt: die Querbalken. Drei an der Zahl, der unterste ist zudem nicht im gewohnten rechten Winkel befestigt, er hängt bewusst schief. Über acht der etwa 15 Gräber wachen diese Kreuze, in die zugehörigen Steine und Tafeln sind Namen in kyrillischen Buchstaben gemeißelt. Es sind russisch-orthodoxe Ruhestätten, die sich um die kleine katholische Kirche St. Walburgis im tiefsten Oberbayern scharen. Auf dem Friedhof steht der Eigentümer des Ensembles, der Seeoner Bürgermeister Bernd Ruth, und sagt: "Kaum eine Gemeinde in Bayern dürfte jemals ein solches Geschenk erhalten haben."

Vor 45 Jahren übertrug die Adelsfamilie der Leuchtenbergs das Eigentum an der Kirche und am Friedhof auf die Gemeinde. Die russisch-orthodoxen Gräber sind heute stumme Zeugen einer Zeit, als die Weltgeschichte dem kleinen Bauerndorf Seeon einen Streifschuss verpasste. Die Herzöge Georg und Nikolaus liegen hier begraben, direkte Verwandte der russischen Zarenfamilie. Und nur wenige Meter entfernt von ihnen ist Anastasia Manahan beerdigt, die sogar Hollywood zu einem Kinostreifen mit Ingrid Bergman in der Hauptrolle inspirierte. Die in Seeon im Jahr 1927 wohnhafte Frau hatte ihr Leben lang angegeben, die jüngste Tochter des letzten Zaren Nikolaus II. zu sein.

Eine kleine touristische Attraktion

Bürgermeister Bernd Ruth kennt all diese Geschichten, seit seiner Wahl im März 2014 muss er sich auch beruflich damit beschäftigen. Denn seine Gemeinde musste sich im Gegenzug für das Geschenk per notariellem Vertrag verpflichten, die Kirche und die russisch-orthodoxen Gräber als Erbe der russischen Zeit Seeons zu erhalten. Das sei aber kein Problem, sagt er. Denn die Kirche St. Walburgis wurde zwischen 2002 und 2006 für eine Million Euro aufwendig saniert und gilt heute als Kleinod der Malerei des Manierismus. Und die russisch-orthodoxen Gräber pflegt einfach der Bauhof mit. "So haben wir sogar eine kleine touristische Attraktion", sagt Bürgermeister Ruth, "die aber nur gemeinsam mit ihrem großen Bruder funktioniert."

Georg und sein Bruder Nikolaus von Leuchtenberg (Vierter und Fünfter von links) zählten zur engsten Familie des Zaren Nikolaus II. (Dritter von rechts).

(Foto: privat)

Der große Bruder ist das frühere Kloster Seeon. Fast 800 Jahre lebten auf der Insel im malerischen See die Benediktiner. 1803 wurde das Kloster säkularisiert und an einen Münchner Bäcker verkauft, der ein Heilbad daraus machte. Seine Familie verkaufte das Anwesen im Jahr 1852 an die Leuchtenbergs. Heute gehört das Kloster dem Bezirk Oberbayern, die darin ein Bildungszentrum betreibt. Auf dem Weg vom Parkplatz dorthin erhebt sich hinter einer Mauer versteckt das frei zugängliche Kirchlein St. Walburgis, das einst zu einem angeschlossenen Frauenkloster gehörte. Von den Gräbern ist nur das hohe Dach der Ruhestätte von Herzog Georg von Leuchtenberg zu sehen, auf der das russisch-orthodoxe Kreuz steht.

Etwa 80 Jahre gehörte das Kloster den Leuchtenbergs. Einer Adelsfamilie, die im historischen Vergleich heftig, aber nur kurz blühte. Vielleicht geriet sie deshalb so in Vergessenheit, dass sie mancherorts für ausgestorben erklärt wurde. "Bitte lassen Sie mich am Leben", sagt deshalb Nicolaus von Leuchtenberg als Erstes. Er will das Erbe seiner Familie wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein bringen, auf seine Initiative hin traf sich am Sonntag ein Freundeskreis von Geschichtsinteressierten und Bürgermeistern aus den Orten, in denen die Leuchtenbergs lebten und wirkten. In Petersburg sei der Name Leuchtenberg wieder ein Begriff, sagt Nicolaus. "In Bayern gilt es, die Mosaiksteinchen zusammenzusetzen, die ein vollständiges Bild abgeben."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema