Chiemsee, Tegernsee, Eibsee, vielleicht auch noch der Walchensee – die Namen dieser Gewässer haben die meisten parat, wenn sie nach bayerischen Seen gefragt werden. Aber wer kennt schon den Drachensee oder den Alpsee? Abhilfe schafft ein Buch, das der Viechtacher Lichtung Verlag vor Kurzem herausgegeben hat. Darin stellt er 18 südostbayerische Seen vor, die Klassiker genauso wie die eher unbekannten Gewässer. Ein Geheimtipp ist keiner mehr, auch wenn für einen Oberbayern ein See in Niederbayern oder im Allgäu fast als solcher wirken mag. Aber darum geht es nicht in diesem Buch.
Der Verlag hat 18 Autoren gesucht, die einen persönlichen Bezug zum jeweiligen See haben. Ihre Erzählungen, oft ausgelöst durch Kindheitserinnerungen, verknüpfen die Autoren mit Freizeitaktivitäten. Manche umrunden wandernd „ihren See“, andere bevorzugen das Radl, gepaddelt wird auch. Dazu unterhalten sie sich mit „See-Spezialisten“ – das kann ein Fischer sein oder ein Vogelkundiger, ein Seilbahn-Geschäftsführer oder ein „Römerexperte“. Zu einem sehr guten Freizeitführer machen das Buch aber die gelben Seiten mit konkreten Tipps. Da geht es etwa um die Anfahrtswege – nicht nur mit dem Auto, sondern auch mit Bus und Bahn. Vorgestellt werden Sehenswürdigkeiten oder Einkehrmöglichkeiten in der Nähe, kurz alles, was man unbedingt wissen muss, um einen Tag am See zu verbringen. Eine kleine Auswahl der porträtierten Seen stellen wir hier vor.
Chiemsee

Mit seinen 64 Kilometern Uferlänge ist der See für eine Umrundung zu Fuß fast zu groß, unmöglich ist sie nicht. Bernhard Straßer bevorzugt das Radl, auch weil er vor Jahren seinem Vater einen Chiemsee-Radl-Umrundungs-Gutschein zum Geburtstag geschenkt hat. Zu dessen Einlösung kam es nie, der Vater ist inzwischen gestorben. Der Sohn will das nun allein nachholen. Straßer lebt in Traunstein. Also startet er dort und wählt die nördliche Route um den See, damit diejenige, die nicht in großen Teilen neben der A8 verläuft. Da man auf dieser Strecke in der Hauptsaison nicht allein unterwegs ist, empfiehlt sich ein früher Start. Sonst wisse man bald nicht mehr, ob man am Stachus oder am Chiemsee radle, schreibt Straßer.
Erste Station ist die Chieminger Uferpromenade, nicht nur, weil es dort einen sympathischen Eisverkäufer, einen gemütlichen Biergarten und dazwischen einen riesigen Spielplatz gibt. Chieming ist auch das einzige Dorf in Bayern, in dem zeitweise gleich zwei Ingeborg-Bachmann-Preisträger lebten: Norbert Niemann und Sten Nadolny. Nächster Halt ist in Seebruck, zu Römerzeiten die Stadt Bedaium, an der strategisch wichtigen Handelsstraße zwischen Salzburg und Augsburg gelegen und entsprechend frequentiert, fast „wie in einer Shopping-Mall“. Weiter geht es nach Gstadt, Breitbrunn und schließlich Prien. Hier endet Strassers Fahrt, die Umrundung hat er nicht geschafft. Jetzt plant er einen neuen Versuch. Genügend Zeit hat er noch, auch wenn es den größten See Bayerns „zumindest aus Erdzeitaltersicht“ nicht ewig geben wird. Aufgrund des ständig von der Tiroler Ache in den See transportierten Gerölls wird er verlanden. Aber das dauert noch ungefähr 10 000 Jahre.
Arberseen

Ganz logisch ist es ja nicht, dass der Große Arbersee kleiner ist als der Kleine Arbersee. Die Namen ergeben sich aber aus der Lage unter den jeweiligen Gipfeln des Arbers. Das Areal rund um den „König des Bayerischen Waldes“, wie der 1456 Meter hohe Berg auch genannt wird, wurde bereits 1939 zum Naturschutzgebiet erklärt. Von seinem Gipfelplateau aus kann man auch beide Seen entdecken, jedenfalls dann, wenn man weiß, wo man stehen muss. Touristen gibt es dort schon lang, wie Autor Gregor Wolf. Bereits 1904 ging die erste Version des Arberseehauses im Schweizer-Stil in Betrieb. Der neue Holzbau, 2018 eröffnet, orientiert sich am Vorgängerbau. Der große Arbersee, der meistbesuchte See im Bayerischen Wald, kann problemlos von allen Naturliebhabern umrundet werden. Ein breiter barrierearmer Weg erleichtert den 1,6 Kilometer langen Spaziergang.
Am nördlichen Arberhang, fünf Kilometer von der Ortschaft Lohberg entfernt, liegt der Kleine Arbersee, ebenfalls inmitten eines Naturschutzgebietes. Schwimmen und Baden sind wie beim großen Bruder hier nicht erlaubt. Der Rundweg, eineinhalb Kilometer lang, ist tatsächlich noch naturbelassen. Also Achtung: Es gibt wurzelige und steinige Passagen.
Staffelsee
Deutlich länger dauert es, den Staffelsee zu umrunden. 21 Kilometer lang ist die Strecke, die auch hinein ins berühmte Murnauer Moos führt. Autorin Veronika Mahnkopf kommt jedenfalls ganz schön ins Schwitzen, während sie über das Blaue Land und seine Maler nachdenkt. Start ist entweder in Seehausen oder in Uffing. Dort finden sich Parkplätze, dort hält auch die Bahn. Die Umrundung ist natürlich auch per Schiff möglich. Auch wenn der See sieben Inseln hat – gehalten wird bei der Rundfahrt nur an einer: der Camping-Insel Buchau. Wer den Staffelsee von oben sehen will, wandert von Bad Kohlgrub aus aufs Hörnle. Oder er nimmt den fabelhaft altmodischen Sessellift.
Blaibacher See, Höllenstein See

Fällt der Name Blaibach, denken die meisten ans Konzerthaus. Dass es dort keine fünf Autominuten entfernt auch einen See gibt, ist weniger bekannt. Und dass wenige Kilometer weiter gleich noch ein zweiter ist, der Höllensteinsee, noch weniger. Gelegen in den Landkreisen Regen und Cham in einer waldreichen Gegend sind die beiden verbunden durch den Schwarzen Regen, aus dessen Wasser sie aufgestaut werden. Die unmittelbarste Art, den Fluss und die Seen zu erleben, ist eine Paddeltour. Findet jedenfalls Autor Harald Dobler. Er schätzt es, dass die abgelegene Gegend kein Ziel des Massentourismus ist, dafür sind die Ufer oft zu steil und auch unzugänglich, die Wander- und Radwege manchmal nicht geteert und holprig. Passt schon, dass die Tourismuswerbung für das Gebiet am Regen den Ausdruck „Bayerisch Kanada“ gefunden hat.
Der ältere der beiden Seen ist übrigens der Höllensteinsee. Seine Staumauer, 74 Meter lang und mehr als 19 Meter hoch, war 1926, im Jahr der Inbetriebnahme, die größte Talsperre Bayerns. Die Kanu-Fahrt ist übrigens stellenweise ziemlich anstrengend. Da die Strömung eher schwach ist, muss Dobler kräftig paddeln. Doch die Blasen an den Händen nimmt er gelassen hin.
Ismaninger Speichersee

Nicht weit entfernt von München, aber den meisten doch eher fremd ist der Ismaninger Speichersee. Er ist eines der wichtigsten Habitate für Wasservögel in Europa. Auf ihren Flugrouten legen bis zu 200 000 Vögel hier einen Stopp ein. Platz haben sie genug. Der See ist mit seinen 7,3 Kilometern Länge fast so groß wie der Tegernsee. Und weil er in einer eher monotonen Landschaft liegt und keine touristische Attraktion darstellt – Baden, Boot fahren oder andere Wassersportarten sind verboten – stört die Wasservögel auch niemand. Nahrung finden sie genug, das Wasser ist nährstoffreich. Am besten lässt sich das Gebiet von Unterföhring aus mit dem Radl erkunden, schreibt Caroline Eichhorn. 30 Kilometer, der Weg führt aber nicht immer am Ufer entlang. Die Ornithologische Gesellschaft in Bayern und die Münchner Volkshochschule bieten auch regelmäßig Führungen an. Ihre Gemeinsamkeit: Man muss sehr früh aufstehen.
Königssee

Nach wie vor ist der Königsee eine „Topdestination“ für Touristen, obwohl Wassersport mitten im Nationalpark Berchtesgaden verboten ist. Dafür gibt es jede Menge Souvenirläden. Autor Wolfgang Sréter beschreibt ganz wunderbar deren Angebot, das von Bergkristallen bis Kuhglocken reicht – der Almabtrieb Anfang Oktober ist schließlich weltberühmt. Trotz der Touristenmassen bleibt der See, 190 Meter tief und umgeben von den steilen, teilweise tausend Meter hohen Felswänden des Watzmann, eine Wucht. Die Bootsfahrt von der Seelände bei Schönau hinüber zur Wallfahrtskirche St. Bartholomä ist für die meisten Besucher ein Muss, auch wegen des berühmten Königsee-Echos, das ertönt, wenn die Bootbegleiter mit Flügelhorn oder Trompete eine Melodie gegen die Felswand blasen. Es lohnt sich laut Sréter übrigens, bis zur Endstation, der Saletalm, zu fahren und von dort zum Obersee zu spazieren. Wer aber keine Lust hat, in der Schlange für eine Bootsfahrt anzustehen, dem empfiehlt der Autor den knapp vier Kilometer langen Maler-Winkel-Rundgang.
Der Forggensee und seine Nachbarn
Füssen ist mit den Königsschlössern sowieso ein Touristenmagnet. Dazu kommt noch den Forggensee, flächenmäßig der größte Stausee Deutschlands, gespeist durch den Lech. „Alles ein wenig zu perfekt, ein wenig zu Bayern“, wie Autor Mirko Boysen lang fand. Andrerseits ist es dann doch praktisch, auswärtigen Gästen so weltberühmte Sehenswürdigkeiten vorführen zu können. Dabei ist der Forggensee nur einer der vielen Seen in der Gegend.
König Ludwig II. verbrachte in seiner Kindheit viel Zeit hier, war ein ausgezeichneter Schwimmer. Laut Schlosschronik von Hohenschwangau schwamm er in zwölf Minuten durch den Alpsee, einem See gleich unterhalb von Schloss Neuschwanstein. Gespeist von natürlichen Quellen gilt er als einer der saubersten Seen Bayerns. Ein weiterer See in der Nachbarschaft ist der Schwansee, deutlich schattiger gelegen als der Alpsee, aber mit „wildem Charme“. Der Hopfensee am Ort Hopfen wird der langen Uferpromenaden wegen auch die „Riviera des Allgäus“ genannt. Fehlt nur noch der Alatsee, bekannt auch als „Blutender See“. Die Farbe verdankt sich Purpur-Schwefelbakterien, die das Wasser ab einer Tiefe von 15 Metern färben. Kein Wunder, dass das Allgäuer Autorenduo Volker Klüpfl und Michael Kobr den See im Roman „Seegrund“ längst verewigt haben.
Seen. Unterwegs an Seen in Südostbayern. Edition Lichtung Viechtach, 240 Seiten mit Fotos, Preis: 26 Euro, lichtung-verlag.de

