Süddeutsche Zeitung

Seehofer-Nachfolge:Der Massel

Staatskanzleichef Marcel Hubers bayerischer Spitzname deutet schon darauf hin: Der Mann hat Glück. In der CSU halten ihn etliche geeignet für den Job an der Spitze. Wenn er bloß nicht so brav wäre.

Von Wolfgang Wittl

Sein letzter Einsatz? In der Hagenau, einem kleinen Ortsteil von Ampfing, hatten Äste vor ein paar Wochen Feuer gefangen. "Ein Böschungsbrand, nichts Großes", sagt Marcel Huber. Aber er war zu Hause, also rückte er aus. 15 Jahre war Huber in seiner Heimatgemeinde Ampfing erster Feuerwehrkommandant, bis er keine Zeit mehr dafür hatte. Nur fünf Einsätze fuhr er in diesem Jahr. Viel zu wenig für einen wie ihn, der mit Leib und Seele Feuerwehrmann ist. Egal wo.

Die Frage nach dem letzten Einsatz? Marcel Huber hätte sie ebenso gut mit der Asylproblematik, Energiewende, dem Länderfinanzausgleich, Griechenland-Streit oder einem neuen Kulturprogramm für Bayern beantworten können. Selten war ein Chef der bayerischen Staatskanzlei so gefordert wie er. Wenn es brennt - und das ist im Moment oft der Fall -, muss der Feuerwehrmann Huber es richten.

Auch die Verhandlungen mit dem Bund für den G-7-Gipfel liefen über seinen Tisch, jedes noch so kleine Detail. Doch als Barack Obama endlich zum Weißwurst-Essen eintraf, waren es Politiker wie Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, die sich wie kleine Kinder freuend vor das Rathaus in Krün stellten. Huber hatte in München einen Termin mit Gästen aus Afrika.

Als Haderthauer nicht mehr zu halten war, musste Huber ran

Im Hintergrund zu arbeiten, während andere in die Öffentlichkeit drängen: "Das war die Stellenbeschreibung", sagt Huber. Er wusste, worauf er sich einlässt. Schon 2011 hatte er ein halbes Jahr die Staatskanzlei geleitet, ehe er Umweltminister wurde. Als Christine Haderthauer wegen der Modellbau-Affäre nicht mehr zu halten war, musste er wieder ran. Es war im vergangenen September, Huber radelte mit seiner Frau durch Österreich, als Ministerpräsident Horst Seehofer anrief. Er brauche ihn, es tue auch gar nicht weh, flötete Seehofer. Zwei Tage später saß Huber wieder an seinem alten Schreibtisch.

Ein Staatskanzleichef ist ein Manager der Macht, der Geschäftsführer der Regierung. Ein Ministerpräsident muss ihm persönlich vertrauen und jedes Problem anvertrauen können. Seehofer sagt nicht Marcel, wenn er über Huber spricht, sondern "Massel", wie das Wort für unverhofftes Glück: "Allzweckwaffe", "Inbegriff der Zuverlässigkeit", "die Diskretion in Person" - der Huber, der beherrsche alles, bloß "keine Intrigen", sagt Seehofer. Wer ihn je über andere Minister sprechen hörte, fragt sich unweigerlich, ob er mit diesem überschwänglichen Kompliment etwas im Schilde führt.

Seehofers großer Ehrgeiz ist es, nicht nur ein gut bestelltes Bayern zu übergeben, sondern einen geordneten Übergang hinzubekommen. Als Ministerpräsident will er bis zum Ende der Amtszeit 2018 regieren. Ob seine eigene Partei ihn lässt, ist angesichts der Erfahrungen der Vergangenheit zu bezweifeln: Max Streibl, Edmund Stoiber, Günther Beckstein - alle Vorgänger wurden vor ihrer Zeit gestürzt. Schon jetzt bringen sich mögliche Nachfolger in Stellung. Doch es gibt auch Leute in der CSU, die auf die Frage "Markus Söder oder Ilse Aigner?" mit Marcel Huber antworten. Huber winkt dann nur ab. Er habe genügend zu tun, als dass er sich über so einen Kram den Kopf zerbrechen könnte. "Wir müssen unsere Arbeit erledigen." Andere denken, mit 57 Jahren wäre er bereits zu alt für einen Generationswechsel.

Huber könnte Ministerpräsident. Aber entspricht das Amt seinem Naturell?

Josef Lohmaier ist wohl etwas befangen, sobald die Sprache auf Marcel Huber kommt. Lohmaier war 15 Jahre Hubers Stellvertreter bei der Feuerwehr, nur wenige kennen den Minister wie er. Der Marcel, der lasse nicht Worte, sondern Taten sprechen. Als vor zwei Jahren das Hochwasser über Ostbayern hereinbrach, schichtete der Minister in seiner Heimat bis kurz vor Mitternacht Sandsäcke. Seinen Abschied entschuldigte er mit den Worten, er habe morgen leider einen strengen Tag vor sich.

Dieser sah dann womöglich so aus wie im überfluteten Passau. Sogar Kanzlerin Angela Merkel war angereist, um sich einen Eindruck von der Katastrophe zu verschaffen - umschwirrt von wichtigen und weniger wichtigen Politikern, die ins Fernsehbild drängten. Huber stand währenddessen ein paar Meter abseits und unterhielt sich mit Rettungskräften und einem Ladenbesitzer, dessen Geschäft abgesoffen war, über deren Nöte. Wegen Szenen wie dieser, glaubt Lohmaier, wäre ein Ministerpräsident Huber gut für den Freistaat: "Ihm kommt es auf die Menschen und die Sache an. Können würde er es." Aber entspricht es auch Hubers Naturell?

Im Grunde hat er politisch mehr erreicht, als er sich jemals vorgestellt hatte. Der dreifache Familienvater aus Oberbayern ist kein Vertreter der Generation Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal, er hatte ein Berufsleben vor der Politik. 22 Jahre arbeitete er als Tierarzt, Bauern haben bis heute seine Handynummer, die er nie geändert hat. Erst 2001 trat er in die CSU ein, in den Landtag kam er nur durch Zufall. Eigentlich hätte Huber Bürgermeister in Ampfing werden sollen. Doch weil der Amtsinhaber bei der Aufstellung zum Landrat durchfiel, wurde der Stuhl nie frei. Huber ist der klassische Seiteneinsteiger.

Derbleckt werden andere, Huber wirkt zu brav

Wenn auf dem Nockherberg mal wieder die Politiker derbleckt werden, ist Huber nicht dabei. Zu blass, zu brav, zu defensiv - das werfen ihm Kritiker vor. Und dass er zwar Probleme abräumen, aber kaum politische Akzente setzen könne, geschweige denn eine Strategie entwickeln. Als Umweltminister habe er wohl doch das Gegenteil bewiesen, entgegnet Huber dann: Grüne Gentechnik, Fracking, Hochwasserschutz, Mikroplastik und sanften Donauausbau habe er erst auf die Agenda gehoben. Wobei sich bis heute hartnäckig das Gerücht hält, der Impuls beim Donauausbau sei von Seehofer gekommen.

Sein Wirken täglich in mehreren Pressemitteilungen zu würdigen, ist Hubers Sache nicht. Aber das muss er als Staatskanzleichef auch nicht. "Überhaupt kein Problem" habe er mit der Arbeit im Hintergrund. Die Gestaltungsfreiheit als Fachminister musste er aufgeben, dafür darf er nun in jedes Ministerium eingreifen, sofern der Ministerpräsident es wünscht.

Das Ministerpräsidentenamt muss man sich in der CSU nehmen

Die Flüchtlingspolitik ist so ein Fall: Als die Zustände in der Münchner Bayernkaserne eskalierten und das Sozialministerium versagte, wurde Huber mit der Leitung des Krisenstabs beauftragt. Er schuf überfällige Strukturen für Erstaufnahmeunterkünfte, entwarf Notfallpläne und trommelte drei Wochen lang alle Menschen zusammen, die etwas zu entscheiden haben. Das alles auf eine Art, ohne die zuständige Ministerin Emilia Müller vorzuführen.

Hubers höchstes Gut ist seine Glaubwürdigkeit. In seinem Stimmkreis Mühldorf fährt er landesweit Rekordergebnisse ein. Wo seine Vorgängerin Haderthauer sogar bei banalen Themen mit Nachfragen bombardiert wurde, reicht bei Huber ein Satz. Ihm nimmt man ab, was er sagt.

Bisher wurde Huber für jedes Amt stets gefragt. Beim Ministerpräsidenten wäre das anders. Das muss man sich in der CSU traditionell nehmen. Ob er überhaupt aus der zweiten Reihe ganz nach vorne treten wolle? Einer allein könne sich das Amt nicht nehmen, sagt Huber. Sondern der, dem die meisten sagen, er solle es tun.

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Quelle:
SZ vom 13.06.2015/angu
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