Seehofer-Nachfolge:Huber könnte Ministerpräsident. Aber entspricht das Amt seinem Naturell?

Josef Lohmaier ist wohl etwas befangen, sobald die Sprache auf Marcel Huber kommt. Lohmaier war 15 Jahre Hubers Stellvertreter bei der Feuerwehr, nur wenige kennen den Minister wie er. Der Marcel, der lasse nicht Worte, sondern Taten sprechen. Als vor zwei Jahren das Hochwasser über Ostbayern hereinbrach, schichtete der Minister in seiner Heimat bis kurz vor Mitternacht Sandsäcke. Seinen Abschied entschuldigte er mit den Worten, er habe morgen leider einen strengen Tag vor sich.

Dieser sah dann womöglich so aus wie im überfluteten Passau. Sogar Kanzlerin Angela Merkel war angereist, um sich einen Eindruck von der Katastrophe zu verschaffen - umschwirrt von wichtigen und weniger wichtigen Politikern, die ins Fernsehbild drängten. Huber stand währenddessen ein paar Meter abseits und unterhielt sich mit Rettungskräften und einem Ladenbesitzer, dessen Geschäft abgesoffen war, über deren Nöte. Wegen Szenen wie dieser, glaubt Lohmaier, wäre ein Ministerpräsident Huber gut für den Freistaat: "Ihm kommt es auf die Menschen und die Sache an. Können würde er es." Aber entspricht es auch Hubers Naturell?

Hochwasser in Bayern

Anfang Juni 2013 beantwortete Huber als Umweltminister Fragen zur Hochwasserlage in Bayern, daheim in Passau schichtete er Sandsäcke bis in die Nacht.

(Foto: Andreas Gebert / dpa)

Im Grunde hat er politisch mehr erreicht, als er sich jemals vorgestellt hatte. Der dreifache Familienvater aus Oberbayern ist kein Vertreter der Generation Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal, er hatte ein Berufsleben vor der Politik. 22 Jahre arbeitete er als Tierarzt, Bauern haben bis heute seine Handynummer, die er nie geändert hat. Erst 2001 trat er in die CSU ein, in den Landtag kam er nur durch Zufall. Eigentlich hätte Huber Bürgermeister in Ampfing werden sollen. Doch weil der Amtsinhaber bei der Aufstellung zum Landrat durchfiel, wurde der Stuhl nie frei. Huber ist der klassische Seiteneinsteiger.

Derbleckt werden andere, Huber wirkt zu brav

Wenn auf dem Nockherberg mal wieder die Politiker derbleckt werden, ist Huber nicht dabei. Zu blass, zu brav, zu defensiv - das werfen ihm Kritiker vor. Und dass er zwar Probleme abräumen, aber kaum politische Akzente setzen könne, geschweige denn eine Strategie entwickeln. Als Umweltminister habe er wohl doch das Gegenteil bewiesen, entgegnet Huber dann: Grüne Gentechnik, Fracking, Hochwasserschutz, Mikroplastik und sanften Donauausbau habe er erst auf die Agenda gehoben. Wobei sich bis heute hartnäckig das Gerücht hält, der Impuls beim Donauausbau sei von Seehofer gekommen.

Sein Wirken täglich in mehreren Pressemitteilungen zu würdigen, ist Hubers Sache nicht. Aber das muss er als Staatskanzleichef auch nicht. "Überhaupt kein Problem" habe er mit der Arbeit im Hintergrund. Die Gestaltungsfreiheit als Fachminister musste er aufgeben, dafür darf er nun in jedes Ministerium eingreifen, sofern der Ministerpräsident es wünscht.

Das Ministerpräsidentenamt muss man sich in der CSU nehmen

Die Flüchtlingspolitik ist so ein Fall: Als die Zustände in der Münchner Bayernkaserne eskalierten und das Sozialministerium versagte, wurde Huber mit der Leitung des Krisenstabs beauftragt. Er schuf überfällige Strukturen für Erstaufnahmeunterkünfte, entwarf Notfallpläne und trommelte drei Wochen lang alle Menschen zusammen, die etwas zu entscheiden haben. Das alles auf eine Art, ohne die zuständige Ministerin Emilia Müller vorzuführen.

Hubers höchstes Gut ist seine Glaubwürdigkeit. In seinem Stimmkreis Mühldorf fährt er landesweit Rekordergebnisse ein. Wo seine Vorgängerin Haderthauer sogar bei banalen Themen mit Nachfragen bombardiert wurde, reicht bei Huber ein Satz. Ihm nimmt man ab, was er sagt.

Bisher wurde Huber für jedes Amt stets gefragt. Beim Ministerpräsidenten wäre das anders. Das muss man sich in der CSU traditionell nehmen. Ob er überhaupt aus der zweiten Reihe ganz nach vorne treten wolle? Einer allein könne sich das Amt nicht nehmen, sagt Huber. Sondern der, dem die meisten sagen, er solle es tun.

© SZ vom 13.06.2015/angu
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