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Scientology-Aussteiger im Gespräch:"Mein Bruder war im Straflager"

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Da waren sie noch ein Herz und eine Seele: Tom Cruise und Katie Holmes im Juni 2010.

(Foto: AFP)

Süddeutsche.de: Warum ist Ihr Bruder nicht früher zum Arzt gegangen?

Stuckenbrock: Ich glaube, es wurde ihm verboten. Scientology-Gründer L. Ron Hubbard hat behauptet, 90 Prozent aller Krankheiten lassen sich durch Auditing in den Griff bekommen. Statt Medikamente bekommen die Kranken Säfte und vitaminreiche Kost. Aber mein Bruder hat diesen Lehren ja auch selbst geglaubt. Wir haben versucht, ihm aus Deutschland Medikamente zu schicken. Ohne Erfolg.

Süddeutsche.de: Multiple Sklerose ist nicht heilbar.

Stuckenbrock: Das stimmt. Aber meine Mutter war in der Behindertenpflege tätig und ich selbst arbeite ebenfalls im sozialen Bereich. Wenn wir früher von der Krankheit meines Bruders früher erfahren, hätten wir ihn in Deutschland pflegen können. In den USA hat er unnötig leiden müssen. Wir hätten alles dafür getan, ihn nach Hause zu holen.

Süddeutsche.de: Nach Ihren Recherchen haben Sie in den USA einen Anwalt eingeschaltet, um den Fall juristisch aufzuarbeiten. Was kam dabei heraus?

Stuckenbrock: Ich war in Kontakt mit einem Anwalt. Aber letztlich ist die Sache am Geld gescheitert. Ich habe hier in Deutschland eine Familie, die mir wichtiger ist und wollte deshalb nicht den finanziellen Ruin riskieren. Vielleicht hätte sich Scientology am Ende doch wieder rausgewunden.

Süddeutsche.de: Scientology hat sich zu Ihrem Fall geäußert. Die deutsche Vizepräsidentin Sabine Weber hat zu Jetzt.de gesagt, Ihr Bruder habe eine "intensive medizinische Betreuung" erhalten.

Stuckenbrock: Ich kann Ihnen schildern, wie diese intensive medizinische Betreuung aussah. Der erste nachweisbare Kontakt zum Arzt fand 1996 statt, acht Jahre nachdem die ersten Symptome auftraten. Dieser Arzt sagte, man müsse einen Plan aufstellen, um die Krankheit zu bekämpfen. Nichts geschah. 2002 war Uwe noch einmal beim Arzt. Der hat ihm eine Wassertherapie verordnet. Das ist diese medizinische Betreuung. Medikamente wurden abgelehnt, das weiß ich über meine Mutter. Es wurde immer nur der alternative Weg beschritten und dazu Auditing.

Süddeutsche.de: Scientology sagt auch, Ihr Bruder sei nie in einem Straflager gewesen.

Stuckenbrock: Auch dafür gibt es zahlreiche Zeugen. Einige erzählen davon in der SWR-Reportage "Die Seelenfänger". Mein Bruder war definitiv im Straflager.

Süddeutsche.de: Ihr Vater hat Ihre Familie damals an Scientology herangeführt. Werfen Sie ihm das heute vor?

Stuckenbrock: Das ist eine schwierige Frage. Natürlich werfe ich es ihm vor. Anderseits weiß ich auch, wie anfällig er damals war. Ich hätte gerne Kontakt zu meinem Vater. Aber er hat diesen Kontakt nach der Ausstrahlung der SWR-Dokumentation, die Uwes Geschichte erzählte, im Jahr 2010 komplett abgebrochen.

Süddeutsche.de: Sie haben selbst auch für Scientology gearbeitet und Menschen für die Organisation angeworben. Wie geht es Ihnen damit?

Stuckenbrock: Mein Job war ja vergleichsweise harmlos. Ich war in der Öffentlichkeitsarbeit und gab Kommunikationskurse. Kürzlich jedoch habe ich in Ulm einen Scientology-Stand gesehen. Ich ging hin und wollte mit den Leuten über die Geschichte meines Bruders sprechen. Die Frau, mit der ich sprach, kam mir bekannt vor. Dann erkannte ich, dass sie eine ehemalige Studentin von mir ist. Jetzt ist sie eine überzeugte Scientologin. Diese Erkenntnis hat mir sehr wehgetan, weil ich sie damals in die Klauen dieser Organisation gelockt habe.

© Süddeutsche.de/bica/bavo

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