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Scientology-Aussteiger im Gespräch:"Statt Medikamente bekommen die Kranken Säfte und vitaminreiche Kost"

Süddeutsche.de: Wie lief die Flucht?

Markus Stuckenbrock, Scientology

Bild aus glücklichen Tagen: Markus Stuckenbrock mit seinem Bruder Uwe.

(Foto: privat)

Stuckenbrock: Ich bekam die Aufgabe, in Ulm Menschen anzusprechen. Stattdessen bin ich zum Bahnhof gegangen habe mich in den Zug nach Friedrichshafen zu meiner Mutter gesetzt. Scientology hat dann noch oft angerufen, aber meine Mutter und meine Großmutter haben das alles abgeblockt.

Süddeutsche.de: Bei Ihnen ging die Geschichte einigermaßen glimpflich aus. Ihr älterer Bruder Uwe hat den Absprung nicht geschafft.

Stuckenbrock: Nein, er kam mit 16 Jahren in die Sea Org. Erst lebte und arbeitete er in Großbritannien und später im internationalen Scientology-Hauptquartier in den USA. Damit war er für die Familie verloren. Es war, als ob er in einem Schwarzen Loch im Weltall verschwunden wäre. Verpflanzt in die USA mit 17 Jahren. Dann wurde es noch schwieriger mit dem Kontakt. Wenn wir Uwe sprechen wollten, konnten wir bei der Sea Org in Los Angeles anrufen. Mit Glück hat mein Bruder dann Tage später zurückgerufen. Aber wirklich erhellend waren diese Gespräche nicht.

Süddeutsche.de: Wissen Sie, was seine Aufgabe bei Scientology war?

Stuckenbrock: Inzwischen ja. Er war im internationalen Hauptquartier, wo auch Scientology-Chef David Miscavige wohnt, tätig. Uwe war Sicherheitschef in diesem Hauptquartier. Dort arbeitet die oberste Elite.

Süddeutsche.de: Im Jahr 2008 meldete sich Scientology und teilte Ihnen mit, dass Ihr Bruder gestorben sei.

Stuckenbrock: Mein Vater rief mich an und erzählte es mir. Sechs Jahre zuvor hatte ich zum ersten Mal gehört, dass Uwe an Multipler Sklerose erkrankt war, aber mehr wusste ich damals nicht. Mit einem Kamerateam des SWR bin ich 2010 in die USA gegangen, um die Geschichte meines Bruders zu rekonstruieren. Dort erfuhr ich, dass bereits 1988 die ersten Symptome der Krankheit auftraten.

Süddeutsche.de: Und trotzdem arbeitete Ihr Bruder noch für die Sea Org?

Stuckenbrock: Ja. Als die Krankheit dann später ausbrach, kam er meinen Recherchen zufolge in ein Scientology-Straflager*. Ich glaube, dass mein Bruder als Sicherheitschef zu viel wusste. Außerdem habe ich erfahren, dass er mindestens einmal einen Fluchtversuch unternommen hat. Deshalb haben sie ihn da reingesteckt.

Süddeutsche.de: Was werfen Sie Scientology vor?

Stuckenbrock: Dass die Organisation mitverantwortlich am Tod meines Bruders ist. 1996 - acht Jahre, nachdem die ersten MS-Symptome auftraten - war er zum ersten Mal bei einem Arzt. Bei meinen Nachforschungen in den USA bin ich in den Besitz von Krankenunterlagen meines Bruders gelangt, die meinen Verdacht bestätigen, dass Uwe nicht die dringend nötige medizinische Versorgung erhalten hat.

*) Die ehemalige AG Scientology in der Hamburger Behörde für Inneres wirft Scientology vor, unter der Bezeichnung RPF (Rehabilitation Project Force) Programme zur Rehabilitation "abweichlerischer" Mitglieder zu betreiben. Hierbei soll es nach Recherchen der Behörde, die zu den Ergebnissen im Jahr 2000 eine Broschüre veröffentlichte, unter anderem zu Bestrafung und sozialer Isolierung gekommen sein. Die Broschüre ist noch auf den Internetseiten der Stadt Hamburg abrufbar. Scientology bestätigt auf einer offiziellen Internetseite die Existenz der RPF. Das "Projekt zur Rehabilitierung" sei "eine Möglichkeit der Wiederingliederung in den Orden nach schwerem Fehlverhalten", geschehe jedoch auf freiwilliger Basis und sei kein Gefängnis oder Straflager. In Deutschland gebe es eine solche Einrichtung nicht.