Schwimmen:Der unsinkbare Franz

Schwimmen: Franz Wiesholler, Chieming

Franz Wiesholler, Chieming

(Foto: privat)

Mit 87 Jahren krault ein ehemaliger Bademeister noch kilometerweit durch den Chiemsee zur Fraueninsel. Ein Treffen mit dem 100 Kilo schweren Modellathleten.

Von Hans Kratzer, Chieming

Franz Wiesholler könnte zurzeit Bäume ausreißen, und das ist eine sehr gute Nachricht. Wenn das schöne Sommerwetter herhält, will er nämlich am Wochenende vom Seehäusl-Ufer bei Chieming bis zur Fraueninsel schwimmen, immerhin eine Strecke von acht Kilometern. Schon für einen jungen Schwimmer wäre das eine passable Herausforderung. Franz Wiesholler aber steht bereits im 88. Lebensjahr. Die Zahl derer, die in diesem Alter den Chiemsee durchkraulen, ist recht überschaubar.

Als wohl ältester Chiemseeschwimmer der Welt wirkt Wiesholler freilich wie ein agiles Relikt der US-Rettungsschwimmer-Serie Baywatch. Er steht am Strand des "Cheamsees", wie er zum Chiemsee sagt, seine kräftigen Arme, seine tief gebräunten Beine und sein flacher Bauch zeigen, welche Vitalität regelmäßiges Schwimmen dem Menschen zu schenken vermag. Nur hören tut er schlecht.

Fast jedes Jahr krault Wiesholler hinüber zur Fraueninsel. Wenn er nach gut drei Stunden auf der Insel ankommt, erwarten ihn bereits die Gratulanten mit einer Mass Bier, einem Schnaps und einer Brotzeit. Auch diesmal wird ihn ein alter Freund von der Wasserwacht mit einem Boot begleiten. Im Chiemsee lauern schließlich Unwägbarkeiten. Ein Krampf im Wasser, eine kurze Schwächephase, ein kreuzendes Segelboot. "Einmal ist ein Segler nur knapp an mir vorbeigerauscht", erinnert sich Wiesholler, er hatte ihn einfach nicht gesehen.

Franz Wiesholler muss sich sowieso schon mit gesundheitlichen Handicaps herumschlagen. Nach einem langen Arbeits- und Sportlerleben schmerzt seine linke Schulter, und auch die Bizepssehne ist gerissen. Ein kräftiger Armzug beim Kraulen ist damit nicht mehr möglich. Um neue Kräfte zu tanken, legt sich Wiesholler deshalb im See immer wieder mal auf den Rücken.

Die Frage, warum er diese Strapaze auf sich nimmt, stellt sich für Wiesholler nicht. "Es macht mir große Freude", sagt er, und es ist für ihn der beste Beweis, dass er noch leistungsfähig ist. Er wirkt erstaunlich kräftig und muskulös, ein 100 Kilo schwerer Modellathlet im Greisenalter. Wenn er mit Lederhose und Gamsbart durch ein Bierzelt geht, zieht er immer noch viele Blicke auf sich. Jeden Morgen absolviert er hundert Liegestütze und hundert Kniebeugen. Überhaupt hat seine Familie gute Gene. Seine Brüder sind bei bester Gesundheit 97 und 94 Jahre alt, zwei weitere Brüder sind im Krieg gefallen.

Trotzdem, von Chieming zur Fraueninsel schwimmt man nicht einfach aus Jux. Die dafür nötige Fitness holt sich Wiesholler nicht nur durch regelmäßiges Schwimmen. Im Alltag fährt er fast jede Strecke mit dem Radl, er geht regelmäßig in die Berge und er ist nach wie vor ein leidenschaftlicher Segler. Das ganze Mittelmeer hat er schon durchkreuzt, und auch im Atlantik segelte er schon ausgiebig herum. Bald will er wieder zu einem Segeltörn von Las Palmas nach St. Lucia aufbrechen, in die Karibik.

Wiesholler ist ein zaacher Bursche, wie man im Chiemgau sagt, zäh und ausdauernd. An körperliche Belastungen ist er schon seit der Jugendzeit gewöhnt. Nach der Kindheit auf einem Bauernhof erlernte er den Beruf des Zimmerers. Es verschlug ihn ins Ruhrgebiet, wo er sich beruflich hocharbeitete und wo er eine Familie gründete. Der Sport hat ihn immer begleitet. "Als Fußballer hab ich nix taugt", erzählt er lachend. Umso mehr Erfolge erzielte er als Ringer in Witten, wo er es bis an die deutsche Spitze schaffte.

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