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Instabile Corona-Inzidenz:Schweinfurts Achterbahnfahrt

Neue Corona-Höchststände in Teilen Bayerns

Passanten laufen über die Bushaltestellen am Schweinfurter Roßmarkt. Mitte der Woche näherte man sich hier dem bedrohlichen Inzidenzwert 100.

(Foto: dpa)

In der 54 000-Einwohner-Stadt schwankt die Sieben-Tage-Inzidenz derart, dass manchem schwindelig werden könnte. Das "Patentrezept" für die Virus-Eindämmung fehle laut Stadt bis heute.

Von Olaf Przybilla, Schweinfurt

Mit oberflächlichem Blick betrachtet sah es am Donnerstag gar nicht gut aus für die Stadt Schweinfurt: als einzige deutsche Kommune unter den Stadt- und Landkreisen mit einem Sieben-Tage-Inzidenzwert über 50, da könnte man sich fühlen wie der einzige Schüler, dessen Lateinprüfung gerade mit mangelhaft bewertet worden ist. Bei genauerem Hinsehen aber herrschte in der unterfränkischen Industriestadt sogar Aufatmen.

Warum? Was die Inzidenzwerte betrifft, hat Schweinfurt in den vergangenen Monaten das größtmögliche Wechselbad der Gefühle hinter sich. Im März durfte Oberbürgermeister Sebastian Remelé (CSU) in der ZDF-Talkrunde bei "Lanz" über die wundersame Stadt mit dem geringsten Inzidenzwert der Republik Auskunft geben. Schweinfurt gewissermaßen als Insel der Seligen. Keine vier Monate später war man als vermeintlicher Musterknabe dann plötzlich unangefochtener Corona-Spitzenreiter. Die schlechtesten Werte bundesweit. Und während die Werte landes- und bundesweit stetig sinken zuletzt, stieg er in Schweinfurt sogar noch an, Stück für Stück.

Mitte der Woche näherte man sich bedrohlich dem Wert 100. Von da an hätten wieder die Regelungen der Bundesnotbremse gegolten. Der Albtraum für eine Stadt: Während im ganzen Land die Leute in die Biergärten strömen, hätten in Schweinfurt die Kneipen schließen müssen, Ausgangsbeschränkungen wären noch hinzugekommen. Was nun aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht eintreten wird. Denn der Wert fiel am Donnerstag rapide. Von 84,2 auf 56,2.

Kann es sein, dass eine Stadt im Februar fast alles richtig gemacht hat bei der Pandemiebekämpfung - und keine vier Monate später dann beinahe alles falsch? Man habe schon vor vier Monaten keineswegs den Eindruck gehabt, "ein Patentrezept" für die Virus-Eindämmung zu besitzen, sagt Stadtsprecherin Kristina Dietz. Das habe man auch so signalisiert - auch wenn man natürlich die Einladung in eine bundesweite Talkshow annehme. Denn würde man das nicht tun, so wäre dies ja erst recht kritikwürdig. Aber dem Rest der Republik erklären, wie das so funktioniert mit der Pandemiebekämpfung? Sei nie der Schweinfurter Ansatz gewesen.

Genauso wenig aber haben sie sich in Schweinfurt zuletzt den Schuh angezogen, in Sachen Pandemie zu versagen. Schweinfurt hat 54 000 Einwohner, viele davon wohnen auf engem Raum, sagt Andreas Lösch, Sprecher des Gesundheitsamtes. Schweinfurt ist also überschaubar groß, ähnelt von der Wohnstruktur als alte Industrie- und Garnisionskommune aber eher einer Großstadt. Auf engem Raum, das zeigen alle Erhebungen, verbreitet sich das Virus rasch. Und wo die Einwohnerzahl eher gering ist, schlagen einzelne infizierte Familien statistisch massiv ins Kontor. Im Wesentlichen auf "zwei größere Familienverbände" seien die Zahlen zurückzuführen, teilte die Stadt zu Wochenbeginn mit. Man tue alles, um Infektionsketten zu unterbrechen "und in solchen Familienverbänden noch besser aufzuklären", ließen Landrat Florian Töpper (SPD) und OB Remelé wissen.

Am Donnerstag sei dann ein Teil dieser Infektionen aus der erfassten Sieben-Tage-Inzidenz gefallen, erklärt nun ein Sprecher. Schon sinkt der Wert rapide. Mit der in Indien entdeckten und sich vermehrt auch in Deutschland ausbreitenden Delta-Variante hatten die hohen Schweinfurter Werte im Übrigen kaum etwas zu tun, wie man seit Donnerstag weiß. Lediglich ein Fall wurde in der Stadt registriert.

Keine 100 Kilometer von Schweinfurt entfernt liegt Bayreuth, dort sind sie im Januar in die Schlagzeilen geraten, einiger Infektionen im Klinikum wegen. Nun liegt die Stadt beim Inzidenzwert null, ebenso wie Straubing. Insgesamt sinken die Werte, in Bayern lag die Sieben-Tage-Inzidenz am Donnerstag bei 13,6. Aber es gibt auch Ausreißer: In Bamberg lag der Wert bei 37,5, während man sich eine Woche zuvor noch über Werte nahe der Null gefreut hatte. Unter den Regierungsbezirken hatte Schwaben am Donnerstag mit 19,3 den höchsten Wert, die Oberpfalz mit 8,4 den niedrigsten.

© SZ vom 18.06.2021/kafe
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