Am Dienstagabend haben sich die Studierendenvertreter mit dem Hochschulpräsidenten Jean Meyer getroffen, so machen sie das regelmäßig an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt (THWS), zweimal im Semester. Die Sitzung war eine reguläre – und trotzdem von außerordentlicher Bedeutung. Denn auf der Tagesordnung stand ein für die Hochschule eher unangenehmes Thema: ein Professor und seine Kandidatur für die AfD.
Im November hat der Schweinfurter AfD-Kreisverband den Maschinenbau-Professor Thomas Felsner von der THWS als Kandidat für die Oberbürgermeister-Wahl am 8. März nominiert – ausweislich eines flankierenden Facebook-Posts: einstimmig.
Der 44-Jährige, ehemaliger Ingenieur bei einem international tätigen Konzern im Automobilbau, bringe „endlich echte Industrie-Kompetenz ins Rathaus“, heißt es im gemäßigten Part der Mitteilung. Gleich danach schlägt Felsner, qua Beruf Mann der Wissenschaft, schärfere Töne an und fordert laut des Posts unter anderem ein „Schluss mit Denkverboten – besonders bei Migration“. Und er verspricht „Vernunft statt Ideologie. Schwarz-Rot-Gold statt Impfvideos vom Oberbürgermeister!“

Dass ihr Professor für die AfD antritt – die Partei ist nach Einschätzung des bayerischen Verfassungsschutzes ein Verdachtsfall für Rechtsextremismus – habe sich unter den Studierenden schnell über Whatsapp-Gruppen verbreitet, sagt Jan-Christopher Langner, Vorsitzender des studentischen Sprecherinnen- und Sprecherrats an der THWS. „Sehr aufgewühlt“ sei die Stimmung anfangs gewesen. Keiner habe damit gerechnet.
Langner spricht hier, das ist ihm wichtig, nicht als Vertreter seines Gremiums. Sondern als Student, an den Meinungen und Sorgen herangetragen wurden. Die Studierendenvertretung hat zum AfD-Professor noch keine spruchreife eigene Haltung entwickelt, das soll nach Langners Worten bei ihrer nächsten Sitzung im Januar geschehen. Dem wolle er nicht vorgreifen.
Er selbst kennt den Hochschulsport-Beauftragten Felsner etwa aus der Organisation von Fußballturnieren. Bei derlei Sportveranstaltungen sei der Professor präsent, „eigentlich immer nett, zuvorkommend, um das Wohl der Studierenden besorgt“, sagt Langner.
Felsners Engagement für die AfD hält er für „umso verblüffender“, weil die Hochschule eine mit vielen internationalen Studierenden ist. Besonders diese seien nun verunsichert. Und stellten sich Fragen: Ob Felsners Kandidatur für die AfD Einfluss darauf habe, wie er sie – Ausländer – bewertet? Ob sich etwas unternehmen lasse gegen Felsner? Und was dessen politische Überzeugung eigentlich über die Hochschule aussage?
Thomas Felsner selbst reagiert auf zwei schriftliche Bitten der SZ um ein Gespräch nicht. Die THWS lässt über eine Sprecherin mitteilen, sie stehe für Toleranz, Vielfalt und die Wahrung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, lehne jede Form von Diskriminierung, Antisemitismus oder Extremismus entschieden ab. Es bestünden etablierte, niedrigschwellige Beschwerdewege, an die sich Studierende und Mitarbeitende jederzeit wenden könnten.
Diese Punkte habe die Hochschulleitung auch bei dem Treffen am Dienstagabend vorgetragen, berichtet Langner. Angespannt sei die Stimmung nicht gewesen – sondern sachlich, wie immer.
Beschwerden zu Felsners Vorlesungen hätten ihn bislang nicht erreicht, sagt der Studierendenvertreter. Die THWS-Sprecherin teilt mit, als staatliche Hochschule sei man zur politischen Neutralität verpflichtet. Dienstliche Aufgaben und Lehre seien „frei von politischer Einflussnahme zu halten“, politisches Engagement von Hochschulangehörigen erfolge „grundsätzlich im privaten Rahmen“.

Die Causa Felsner überrascht freilich nicht nur an der Hochschule. Ein OB-Kandidat der AfD? Da hatten viele auf den AfD-Bezirksvorsitzenden Richard Graupner getippt, Polizeihauptkommissar a.D., Schweinfurter Stadtrat und Landtagsabgeordneter. Graupner weiß das, hält es aber für strategisch geschickt, mit Felsner ein kommunalpolitisch komplett unbeschriebenes Blatt ins Rennen zu schicken. Einer, der nicht zum Stadt-Establishment gerechnet werden kann – und das schon deshalb, weil ihn kaum jemand kennt.
Was Graupner gar nicht bestreitet. An den Ständen der Partei im Bundestagswahlkampf habe der Professor zwar mitgewirkt, sei aber kaum als AfD-Parteigänger erkannt worden. Zumal mancher Passant den Hochschullehrer wohl nicht recht habe zuordnen können. Zumindest rein phänotypisch sei Felsner eben kein „klassischer AfD-Mann“, sagt Graupner. Dass sich der Mann mit dem eher Partei-untypischen Habitus während der Corona-Zeit der AfD angenähert habe, treffe zu.
Selbstverständlich habe man ihn willkommen geheißen. Und ein Professoren-Titel? Kann ja im Wahlkampf auch nicht schaden. Ein politisch Unbekannter taugt, so sehen sie das in der Partei, im Zweifelsfall perfekt als Projektionsfläche. Womöglich ist so auch zu verstehen, warum sich der OB-Kandidat auf kein Gespräch mit der SZ einlässt.
Nicht nur Graupner traut dem AfD-Mann zu, zumindest in die Stichwahl zu kommen. Mindestens sieben Bewerber werden in Schweinfurt antreten für die Nachfolge von Amtsinhaber Sebastian Remelé (CSU). In der politischen Szene der Stadt halten viele eine Stichwahl zwischen SPD-Bewerber Ralf Hofmann und CSU-Mann Oliver Schulte für die wahrscheinlichste Variante. Ausschließen aber, dass einer der beiden tatsächlich durch einen AfD-Mann verdrängt wird – will kaum jemand mehr.
Immerhin stand die Industriestadt Schweinfurt schon bei der vergangenen Kommunalwahl im Fokus – und da waren die politischen Vorzeichen noch ganz andere. Der AfD gelang es, vier von 44 Stadtratssitzen zu erringen, in Bayern war das ein Spitzenwert. Im Freistaat dürfte es auf 40 Kilometern Entfernung inzwischen kaum irgendwo so große kommunalpolitische Unterschiede zwischen zwei herausgehobenen Städten geben wie zwischen Würzburg und Schweinfurt – jenen beiden Kommunen also aus der Konstruktion „Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt“.

In der Uni-Stadt Würzburg sind die Grünen stärkste Fraktion im Stadtrat. Vor sieben Monaten wurde dort der erste Grünen-Oberbürgermeister in Bayern gewählt. In Teilen Schweinfurts dagegen musste die CSU bei vergangenen Wahlen darum kämpfen, stärkste Kraft bleiben zu können. In bestimmten, sogenannten prekären Stadtquartieren sei die AfD bei der Bundestagswahl sogar als Siegerin hervorgegangen, sagt CSU-Bewerber Schulte.
Straßenwahlkampf in Würzburg, bestätigt AfD-Mann Graupner, sei für die AfD schwer durchführbar, so massiv sind dort die Proteste. In Schweinfurt dagegen? Erfahre man „enorm viel Zuspruch“.
Bedingungen, die den Schweinfurter CSU-Mann Schulte nicht einschüchtern. An Wahlständen in AfD-affinen Stadtteilen habe er zuletzt mehrfach Bemerkungen gehört wie: „Denkzettel auf Bundesebene – ja“. Einen AfD-Mann aber als Stadtchef? „Keinesfalls.“ Auch SPD-Bewerber Hofmann bleibt zuversichtlich, dass der Professor von der AfD zumindest nicht in die Stichwahl kommt. Immerhin sei nicht nur die Hochschule, sondern auch die Stadt als Industriezentrum „auf Internationalität angewiesen“ – und dem stehe die AfD diametral entgegen. Andernfalls fürchtet Hofmann einen „Imageschaden“ für Schweinfurt.
An der Hochschule werden sie den Wahlausgang mit Spannung verfolgen. Bis auf Weiteres dürfte Felsner seine Vorlesungen fortführen, arbeitsrechtliche Konsequenzen sind unwahrscheinlich. Um Stellungnahme gebeten, will sich das bayerische Wissenschaftsministerium nicht äußern, man verweist stattdessen auf die Hochschule. Die teilt mit, Fragen der Verfassungstreue würden – wie bei allen Beschäftigten im öffentlichen Dienst – nach den gesetzlichen Vorgaben durch die zuständigen Behörden geprüft. Man bitte um Verständnis, „dass wir zu personenbezogenen oder internen dienstrechtlichen Angelegenheiten keine weiteren Auskünfte geben können“.
Das ist zwar wenig aufschlussreich, zur Einordnung kann man sich aber den Fall von Hans-Thomas Tillschneider in Erinnerung rufen. Der 47-Jährige sitzt seit 2016 für die in Sachsen-Anhalt gesichert rechtsextremistische AfD im Magdeburger Landtag – und ist, wie eine Sprecherin bestätigt, nach wie vor Dozent für Islamwissenschaften an der Universität Bayreuth.


