Ausbildung von Flüchtlingen:Die Angst des Meisters vor der Abschiebung

Ausbildung von Flüchtlingen: Der aus Afghanistan stammende Ali Murat Azimi arbeitet in der Herrenabteilung des Schwabmünchner Modehauses Schöffel.

Der aus Afghanistan stammende Ali Murat Azimi arbeitet in der Herrenabteilung des Schwabmünchner Modehauses Schöffel.

(Foto: oh)
  • Die IHK München und die Handwerkskammer Oberbayern wollen junge Flüchtlinge für Ausbildungsplätze gewinnen.
  • Für viele Betriebe ist die Einstellung eines Flüchtlings problematisch, da er abgeschoben werden könnte.
  • Staatskanzleichef Marcel Huber hat einen runden Tisch zu diesem Thema mit den Wirtschaftsverbänden angekündigt.

Von S. Mayr, F. Müller, W. Wittl

Ali Murat Azimi war 15, als er vor drei Jahren aus Afghanistan nach Bayern flüchtete. "Mit ein paar Kumpels", wie er sagt, "aber ohne Eltern." Er kannte keinen Menschen und konnte kein Wort Deutsch. Heute steht er im Modehaus Schöffel in Schwabmünchen und berät Kunden - auch jene, die tiefstes Schwäbisch sprechen. "Ich mache hier alles, was die anderen auch machen." Azimi arbeitet in seinem zweiten Lehrjahr als Verkäufer. Später will er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann machen. "Mal schauen, was aus mir noch wird", sagt er.

Sein Chef Niko Stammel räumt ein, dass er anfangs Hemmungen hatte, einen jungen Mann einzustellen, der nur gebrochen Deutsch spricht. "Gerade im Verkauf ist das ja wichtig", sagt der Geschäftsführer. "Aber Ali war so freundlich und zuvorkommend, das hat die Mängel in der Sprache wettgemacht, auch wenn die Sätze manchmal gestockt haben."

Azimi wurde ihm von einem Mitarbeiter empfohlen, der ihn aus dem Sportverein kannte. "Er war modisch gekleidet, und der erste Probetag war sehr gut", sagt Stammel. Heute, zwei Jahre später, habe Ali Murat Azimi große Fortschritte beim Sprechen gemacht. Demnächst wird er seinen Abschluss als Verkäufer ablegen. Danach könne er auch noch den Einzelhandelskaufmann draufsatteln.

Ausbildung von Flüchtlingen als "Win-win-Situation"

Von solchen Beispielen würde Margarete Bause gerne noch viel öfter hören. Seit Monaten setzt sich die Fraktionschefin der Landtags-Grünen dafür ein, die Ausbildung von Flüchtlingen zu erleichtern. "Eine Win-win-Situation", wie Bause sagt. Die Rechnung ist einfach: Junge Flüchtlinge werden durch eine Arbeitsstelle integriert, die Wirtschaft wiederum kann so ihren Mangel an Fachkräften beheben. Doch um die Chancen zu nutzen, die in der Zuwanderung liegen, brauche es ein breites gesellschaftliches Bündnis, sagt Bause.

Die Verbündeten an diesem Tag heißen Peter Driessen und Lothar Semper, Hauptgeschäftsführer der IHK München sowie der Handwerkskammer (HWK) Oberbayern. Allein im bayerischen Handwerk seien im vergangenen Jahr 4700 Ausbildungsstellen unbesetzt geblieben, sagt Semper, "Tendenz steigend". Driessen geht sogar von insgesamt 20 000 offenen Ausbildungsplätzen im gesamten Freistaat aus. Jetzt gehe es darum, junge Flüchtlinge für eine Ausbildung zu gewinnen.

Viele der Forderungen, die Grüne und die bayerische Wirtschaft aufstellen, sind erstaunlich deckungsgleich. Das A und O sei die Förderung der Flüchtlinge durch Sprachkurse. Auch die Ermessensspielräume, die ein Bundesland beim Bleiberecht habe, müssten von der bayerischen Staatsregierung besser genutzt werden. Die bayerische Wirtschaft setzt sich vehement für das sogenannte Drei-plus-zwei-Modell ein: eine dreijährige Ausbildungszeit und weitere zwei Jahre Berufspraxis für Flüchtlinge - "die jungen Leute brauchen Sicherheit", sagt Driessen.

Aber was, wenn er plötzlich abgeschoben wird?

In Schwaben etwa gehen IHK und HWK in die Integrationsklassen der Berufsschulen, um Kontakt mit Flüchtlingen aufzunehmen. "Einer hat sich im Irak seit dem elften Lebensjahr in Bäckereien über Wasser gehalten", berichtet eine Sprecherin: Der Bäckermeister im Allgäu habe sofort gesehen, dass der junge Mann eine Ahnung habe. Aber was, wenn er plötzlich abgeschoben wird?

Staatskanzleichef Marcel Huber (CSU) räumt ein, dass die Verfahren vor allem für kleine Betriebe "zugegebenermaßen sehr kompliziert und fast unzumutbar" seien. Allerdings gebe es keinen einzigen Fall eines aus der Ausbildung abgeschobenen Flüchtlings. Dennoch solle es einen runden Tisch mit der Wirtschaft geben, kündigte Huber an. Aber "ohne Grüne".

Für Ali Murat Azimi sind solche politischen Scharmützel weit weg. Er wohnt seit seiner Ankunft in einem Jugendheim in Großaitingen, bald wird er ausziehen, Platz machen für neue Flüchtlinge. Er sagt, er freue sich darauf. Sein Chef Niko Stammel bereut die Entscheidung, einen Flüchtling eingestellt zu haben, auch zwei Jahre nach Vertragsunterzeichnung nicht: "Ali ist perfekt, weil er so sympathisch ist."

© SZ vom 29.04.2015/axi
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB