Süddeutsche Zeitung

Schulpolitik:Jetzt will sogar die Junge Union zum G 9 zurück

  • Die Junge Union lehnt die Pläne zu einer Parallelführung von G 8 und G 9 strikt ab.
  • "In Bayern darf es nur ein Gymnasium geben", fordert die JU in einem Beschluss.
  • Damit stellt sich der CSU-Nachwuchs gegen einen Kabinettsbeschluss aus dem vergangenen Sommer.

Es passiert nicht oft, dass Horst Seehofer eine verbale Tapferkeitsmedaille spendiert, doch ausgerechnet jetzt ist kein Abnehmer in der Nähe. Hans Reichhart, der Landeschef der Jungen Union in Bayern, wird erst in ein paar Sekunden zur CSU-Vorstandssitzung eintreffen. Und ein anderer Adressat bietet sich nicht an. Also verhallt Seehofers Lob am Montagmorgen zunächst ungehört. Es sei ja bekannt, was er von anonymen Wortmeldungen halte, sie seien für ihn "nicht existent". Die JU dagegen sei "tapfer" und "mutig" gewesen, die nämlich habe ihren Vorschlag in die Debatte zum acht- oder neunstufigen Gymnasium mit "offenem Visier" eingebracht.

In gewisser Weise darf auch Seehofer Tapferkeit für sich in Anspruch nehmen. Denn obwohl besagter Vorschlag der JU seinen eigenen Vorstellungen gründlich zuwiderläuft, verzieht er keine Miene. Am Wochenende hat sich der CSU-Nachwuchs für eine komplette Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium ausgesprochen - und damit für einen Status, wie er vor sämtlichen Reformen unter dem damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber gültig war. "In Bayern darf es nur ein Gymnasium geben", fordert die JU in einem Beschluss.

Seehofers Plan, sowohl ein G 8 als auch ein G 9 anzubieten und die Schulen selbst die Laufzeit bestimmen zu lassen, lehnt die JU kategorisch ab. "Wir brauchen Ruhe in der Schullandschaft - und wir brauchen einheitliche Gymnasien", sagt deren Chef Reichhart, das sei der Ausgangspunkt der internen Debatte gewesen. Statt des G 8 bevorzugt die JU offenkundig die komplette Rückkehr zum G 9.

"Zwei parallel bestehende Laufzeiten (. . .) würden das bayerische Schulsystem unnötig verkomplizieren und zu einem erheblichen finanziellen und organisatorischen Mehraufwand beitragen", steht in dem Papier. Zugleich fordert die JU hohe Standards: Die Verlängerung der Lernzeit müsse "zwingend mit weiteren qualitativen Aufwertungen verbunden sein", eine Rückkehr zum G 9 "unter Beibehaltung des derzeitigen Lehrplans lehnen wir deshalb ab". Medienkompetenz, Digitalisierung, IT-Grundlagen, aber auch praxisbezogene Kenntnisse zu Wirtschaft und Politik sollen nach Wunsch der Jungen Union künftig mehr unterrichtet werden.

Kultusminister Ludwig Spaenle sagt, er nehme den Vorschlag "sehr, sehr ernst". Aus seiner Sicht kommen nur zwei Lösungen infrage: Das von Seehofer und ihm bei der Kabinettsklausur im Sommer vorgeschlagene zweigleisige Optionsmodell - oder ein reines G 9. Wie Seehofer verweist auch Spaenle auf weitere Gespräche, vor allem mit der eigenen CSU-Landtagsfraktion. Dort werde man den Dialogprozess ins Ziel führen, sagt der Kultusminister.

Doch welche Vorstellungen die Fraktion genau hat und ob diese mit den derzeit kursierenden Vorschlägen vereinbar sind, das weiß im Moment kaum jemand. Von Fraktionschef Thomas Kreuzer ist zum einen bekannt, dass er grundsätzlich zu den Freunden des G 8 gehörte. Und zum anderen, dass er des ständigen Hin und Her in der Bildungspolitik leid ist. Einen weiteren Schnellschuss lehnt Kreuzer ab, die nächste Lösung müsse von Dauer sein, das sagte er immer wieder. In der derzeitigen Debatte hält er sich lieber öffentlich zurück.

"Bis auf ein paar CSUler in der Fraktion will keiner mehr das G 8"

Womöglich ist sich die CSU-Spitze selbst nicht mehr ganz sicher, wie die Fraktion beim Gymnasium inzwischen tickt. Einzelne Abgeordnete wie der Schwabe Peter Tomaschko sprechen sich bereits so deutlich für ein einheitliches G 9 aus wie die JU. Selbst G-8-Verfechter sollen sich bereits kompromissbereit zeigen. Aus der Deckung wagt sich kaum jemand. Die Strategie der Verbände scheint jedenfalls aufzugehen: Sie hatten alle Schulleiter aufgefordert, gezielt auf Wahlkreisabgeordnete zuzugehen und ihnen die Stimmung an den Gymnasien zu erklären. So wollen sie die Meinung der CSU umkrempeln. "Die Gymnasien haben sich ohnehin alle schon positioniert", sagt Walter Baier, der Vorsitzende der Gymnasiumsdirektoren. Nicht nur in Schwaben, auch in den anderen Bezirken wollten nahezu alle Schulen zum G 9 zurückkehren - ohne Parallelbetrieb.

Michael Schwägerl, der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbands, wertet den Vorstoß der JU als Zeichen, dass der Widerstand in der CSU-Fraktion bröckelt. "Insgesamt bewegt sich etwas", sagt er, viele Schulen fühlten sich durch das Warten wie gelähmt. Einen Widerspruch zum eigenen Konzept eines neunjährigen Gymnasiums mit einer Überholspur für sehr begabte Schüler sieht Schwägerl nicht unbedingt. Auch Lehrer, Eltern und kommunale Spitzenverbände fordern eine klare Entscheidung der Politik, von einem Parallelbetrieb halten die meisten nur wenig.

SPD und Grüne fühlen sich bestärkt. "Es ist klar: Bis auf ein paar CSUler in der Fraktion will keiner mehr das G 8 - und trotzdem geht absolut nichts voran im Bildungsbereich", sagt Thomas Gehring (Grüne). Martin Güll (SPD) lobt den JU-Vorschlag. "Die CSU muss jetzt schnell handeln und diesen auch umsetzen." Neben der CSU halten nur noch die Freien Wähler an einer Wahl zwischen acht und neun Jahren fest. Seehofer wollte sich am Montag nicht festlegen. Der Vorschlag der JU ist für ihn ein weiterer "Bestandteil des Dialogprozesses" - nicht weniger, aber auch nicht mehr.

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SZ vom 31.01.2017/kbl
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