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Schulpolitik:Immer mehr Kinder haben Förderbedarf

Inklusion führe sogar eher dazu, dass mehr Sonderpädagogen gebraucht werden, sagt Johann Lohmüller, der auch Vorsitzender des Sonderpädagogenverbands ist. Denn die Zahl der Kinder mit Förderbedarf steige, und seit Jahren gebe es nicht genug speziell ausgebildete Lehrer. Bis 2021 fehlten bis zu 800 Sonderpädagogen. Lohmüller versucht, seine Schüler so zu unterstützen, dass diese bald an Grund- oder Mittelschulen weiterlernen können. Nur müssten die Schüler dort genauso gut betreut werden wie im Förderzentrum. "Nur dann ist es Inklusion und eine echte Wahlmöglichkeit", sagt Lohmüller. Ohne zusätzliche Förderlehrer sei das nicht zu leisten.

Alle Kinder profitieren, wenn in einer Klasse mit 30 Schülern zwei Lehrer unterrichten. Aber viele Sonderpädagogen sind nur stundenweise in den Klassen, und die meisten anderen Lehrer haben den Umgang mit behinderten Kindern nie gelernt. Die Opposition und der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband beklagen regelmäßig, dass Stellen und Fortbildungen fehlen. Viele Pädagogen fühlen sich überfordert und scheuen sich, Inklusionskinder aufzunehmen.

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Zwar ist Inklusion seit 2013 Teil des Examens und es gibt Aufbaustudien sowie Umschulungen für Grundschullehrer, aber der Opposition reicht das nicht. Die Förderzentren müssten mehr Fachwissen teilen, aber die Regelschullehrer müssten auch offen dafür sein und dort hospitieren, sagt Margit Wild (SPD). Das Problem bleibe das Denken in Schularten. Thomas Gehring (Grüne) sieht auch strukturelle Mängel: Abstimmungsprobleme zwischen Sozial- und Kultusministerium bremsten oft Ideen aus. Die Inklusion müsse ein Posten im Kultusetat sein, die Förderzentren sollten das Budget für ihre Region verwalten.

Wild kommt wie Günther Felbinger (Freie Wähler) aus der Sonderpädagogik. Sie sieht eine Schulart für alle als Lösung. Felbinger will das gegliederte System behalten, fordert aber deutlich mehr Lehrer, um die individuelle Förderung zu verbessern. An zwei Lehrern pro Klasse oder einem Lehrer mit pädagogischem Assistenten führe kein Weg vorbei, finden die Oppositionspolitiker. Statt immer neue Profilschulen auszurufen, sollte das Ministerium lieber in die Qualität investieren.

Das Profil Inklusion ein reines Etikett zu nennen, würde den Schulen unrecht tun, die sich seit Jahren für Inklusion engagieren, sagt der Verbandsvorsitzende Lohmüller. "Aber wer prüft die Konzepte und wer kontrolliert die Umsetzung?" Das Ministerium verweist auf die zuständige Schulaufsicht und wirbt um Verständnis, denn auch die Profilschulen seien "auf einem Weg". Und der ist offenbar noch weit.

Förderschüler sind oft mit einem Stigma behaftet

Denn wer sich umhört, stößt auch auf Geschichten von Schulleitern, die Sonderpädagogen in Vertretungsstunden schicken, oder hört von Eltern, die kein Inklusionskind in der Klasse wollen, weil dieses den Fortschritt der anderen Schüler hemme. Diese Angst zeigt auch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Für das Sozialverhalten sei der Kontakt ja gut, aber bitte nicht, wenn es auf den Übertritt zugeht.

In diese Phase schickt auch Lohmüller kaum Schüler zurück. Einfacher sei es in der ersten, zweiten oder fünften Klasse. Mit der Ergoldinger Mittelschule arbeitet das Förderzentrum seit 15 Jahren zusammen, mittlerweile hat auch diese das Profil Inklusion, Mittel- und Förderschüler lernen gemeinsam.

Tillman Brückner überlegte mehrmals zu wechseln und entschied sich doch dagegen. Seine Noten sind gut, er hat das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ohne Tabletten im Griff. "Aber ich wollte meine Freunde nicht verlassen", sagt der 15-Jährige. Auch das Stigma Förderschüler habe eine Rolle gespielt, gibt Brückner zu. Das spüre er trotz allen Bemühungen. Seinen Abschluss macht er im Förderzentrum, vielleicht auch noch den Quali. "Manchmal ist der längere Weg halt einfach der beste", sagt Brückner.

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