Schule Leitfaden für "Mein Kampf"

Das Institut für Zeitgeschichte hat Anfang dieses Jahres eine historisch-kritische Ausgabe von "Mein Kampf" herausgebracht.

(Foto: Johannes Simon/Getty)

Ein Brief aus dem Bildungsministerium soll Schulleitern beim Umgang mit Hitlers Hetzschrift eine erste Orientierung geben. Der Landtagsopposition kommt das zu spät - und sie will mehr

Von Anna Günther

Jahrzehnte lang hat der Freistaat Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" unter Verschluss gehalten. Seit Anfang dieses Jahres ist das Urheberrecht, das 1945 an den Freistaat übertragen wurde, erloschen und die Diskussion um die Auseinandersetzung mit diesem Buch wieder aufs Neue entfacht. Nachdrucken wäre rechtlich möglich, an den Schulen bleibt das Buch ohne kritischen Kommentar aber weiterhin verboten. Nur die historisch-kritische Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) darf auch im Unterricht behandelt werden. Beim Wie gehen die Meinungen aber auseinander. Lehrerverbände und Opposition sind dafür, dass die kritische "Mein Kampf"-Ausgabe thematisiert wird, das Ministerium bleibt skeptisch. Damit die Lehrer eine kleine Orientierung in der aktuellen Diskussion haben, verschickte Ministerialdirektor Herbert Püls nun einen Brief mit Rahmenbedingungen an die Schulleiter aller weiterführenden Schulen. Darin rät er grundsätzlich von "der Behandlung der Ganzschrift im Unterricht, auch in Form von Referaten" ab und verweist auf zwei neue Leitlinien.

Demnach hat das Original ohne wissenschaftliche Einordnung nichts an Schulen zu suchen. Und im Lehrplan ist die vertiefte Behandlung von "Mein Kampf" als Schrift nicht vorgesehen, als eine Quelle von vielen dagegen schon. Allerdings nur, wenn die Auszüge aus der historisch-kritischen IfZ-Ausgabe benutzt werden und diese mit anderen Quellen zur NS-Ideologie, den geistigen Wurzeln, Hintergründen und verheerenden Folgen in Kontext gestellt werden. "Mein Kampf" zu große Bedeutung zu geben, würde die Schulen in den "Hitlerzentrismus der Sechzigerjahre" zurückwerfen, sagte ein Ministeriumssprecher. Das sei sogar Tenor der Wissenschaftler bei der Präsentation der kritischen Ausgabe gewesen. Das Buch habe mehr als 1000 Seiten, ein sinnvolles Referat nur darüber sei quasi nicht möglich. Wichtiger ist dem Ministerium, die Ideologie als Ganzes im Unterricht zu behandeln. "Letztlich gilt aber die pädagogische Freiheit. Wie Unterricht abläuft, entscheidet jeder Lehrer selbst", sagte der Sprecher.

Der Brief an die Schulen soll eine erste Orientierung geben. Das IfZ arbeitet derzeit an einem Konzept, das den Lehrern einen Leitfaden für den Umgang mit "Mein Kampf" geben soll. Darin sollen Themenschwerpunkte und Unterrichtsbeispiele aufgeführt werden, die in einer ersten Fortbildungsreihe mit Lehrern erarbeitet werden. Die Kurse an der Dillinger Akademie sollen im April beginnen, die Handreichung zum neuen Schuljahr fertig sein. Außerdem werden sukzessive Geschichts- und Sozialkundelehrer fortgebildet.

Damit will sich die Opposition nicht zufriedengeben: Mit vier Anträgen von Grünen, Freien Wählern und SPD wird sich der Bildungsausschuss an diesem Donnerstag beschäftigen. Gemeinsam ist allen die Forderung nach einer umfassenden Strategie des Ministeriums zum Umgang mit "Mein Kampf" in Schulen, intensive Lehrerfortbildungen und zusätzliche Materialien für den Unterricht. Dass die nicht längst vorliegen, kritisieren besonders die Grünen. Denn schon 2012 gab es einen gemeinsamen Antrag aller Fraktionen, der ein entsprechendes Konzept fordert, die Arbeit wurde aber 2013 zurückgestellt.

Unterschiede finden sich in den neuen Forderungen eher in Details, etwa ob es Zuschüsse für die Anschaffung der Ausgabe gibt (Grüne), ob die Kultusministerkonferenz Empfehlungen hat oder welche Rolle die Hochschulen bei der politischen Bildungsarbeit übernehmen (Freie Wähler). Wenn es nach Michael Piazolo, Hochschulexperte der FW, geht, sollen die Unis selbst entscheiden, wie sie mit der kritischen Ausgabe arbeiten. Piazolo hätte sich gewünscht, dass Opposition und CSU einen gemeinsamen Antrag zum Umgang mit der historisch-kritischen Ausgabe formuliert hätten: "Gerade beim Thema Nationalsozialismus sollten alle Parteien im Landtag zusammenarbeiten." Erste Gespräche waren gescheitert. Georg Rosenthal (SPD) wertet den Brief des Ministeriums schon als kleinen Erfolg: "Es ist interessant, dass Bewegung reinkommt. Bisher hieß es immer, das brauchen wir nicht." Dabei sei es aktuell besonders wichtig, die Ideologie Hitlers zu demaskieren und Kindern wie auch Erwachsenen klarzumachen, wie Feinde der Demokratie zu erkennen sind.