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Nachteile des Homeschooling:Die Lernzeit ist deutlich zurückgegangen

Klaus Zierer, 44, leitet an der Uni Augsburg den Lehrstuhl für Schulpädagogik. Er erforscht, welche pädagogischen Methoden wirken und wie Kinder nachweislich besser lernen. Dafür wertete er mit dem Australier John Hattie Hunderte Studien aus.

(Foto: privat)

Die Digitalisierung hat den Alltag von Schülerinnen und Schülern in vielerlei Hinsicht verändert - doch ein Mehr an Technik führt nicht zwangsläufig zu einem Mehr an Bildung.

Kommentar von Klaus Zierer

Das Schulsystem steht im neuen Schuljahr vor einer besonderen Herausforderung: Wie kann der Bildungs- und Erziehungsauftrag angesichts der Corona-Pandemie erfolgreich umgesetzt werden? Während bildungspolitisch schnell auf virologische Ratschläge reagiert und Szenarien für verschiedene Infektionsgeschehen definiert wurden, sind pädagogische Überlegungen Mangelware. Allein der Ruf nach mehr Digitalisierung ist laut.

Bei aller Euphorie, die Empirie darf nicht vergessen werden. Gerade das vergangene Schuljahr hat das gezeigt: Für Lernende hat Homeschooling nicht immer geklappt. Studien zeigen, dass die Lernzeit im Vergleich zum Normalbetrieb deutlich zurückgegangen ist, während die Zeit, in der digitale Medien außerschulisch genutzt wurden, gestiegen ist. Beides zusammen führt zu einer Reduzierung des Lernerfolges. "Active on Facebook and failing at school?" fragt daher eine Meta-Analyse mehrerer Studien.

Auch Eltern hat Homeschooling Probleme bereitet. In vielen Familien führte das Lernen zu Hause zu Spannungen. Die Zufriedenheit der Eltern mit den Schulen ist auf einem Tiefstwert. Besonders problematisch: Homeschooling schadet vor allem Schülern aus bildungsfernen Milieus. Und wie sieht es mit dem digitalen Unterricht selbst aus? Die Empirie zeigt: Technik ist nicht nur positiv, sie kann sogar schaden. Beispielsweise belegt die Studie "The Pen is mightier than the keyboard", dass Mitschriften auf Papier lernwirksamer sind als am Computer. In der Meta-Analyse "Don't throw away your printed books" wird berichtet, dass analoges Lesen dem digitalen überlegen ist, wenn es ums Lernen geht.

Und was passiert, wenn in Schulen Byod zum Normalfall wird, also - bring your own device - das Arbeiten in der Schule mit dem eigenen Gerät, zeigt die Studie "Brain Drain": Allein die räumliche Nähe des Smartphones führt zu einem Abfall von Aufmerksamkeitsfähigkeit und Leistungsvermögen. Dass bei einigen Kindern selbst das Wegsperren des Smartphones nicht mehr hilft, belegt die Studie "Out of sight is not out of mind": Sie werden noch unkonzentrierter.

Seit 30, 40 Jahren wird die digitale Bildungsrevolution versprochen. Aber ein Mehr an Technik führt nicht zwangsläufig zu einem Mehr an Bildung. Dies gilt auch für die viel diskutierten Ansätze des Fernunterrichts, des Blended Learning oder des Flipped Classroom. Auch sie können nur überzeugen, wenn dahinter ein durchdachtes pädagogisches Konzept steht - und selbst dann können sie einem guten Präsenzunterricht nicht das Wasser reichen. Wer als pädagogische Maßnahme der Stunde fordert, allen Schülern ein Tablet zu geben, verkennt die Empirie. Allein Pädagogik vermag, die Technik zum Leben zu erwecken. Fehlt die Pädagogik, droht eine digitale Bildungsdeformation.

Zum Schulanfang ist nun ein Masterplan vonnöten, der die virologisch definierten Szenarien mit pädagogischen Überlegungen füllt. Dieser Masterplan ist keine Hexerei: Lernen bleibt Lernen, und es verändert sich nicht, nur weil Corona weltweit um sich greift. Zentral sind flächendeckende Lernstandserhebungen zu Beginn des Schuljahres. Nur so lässt sich feststellen, was Kinder können und was im neuen Schuljahr sinnvoll ist. Dabei ist nicht nur über Lehrplanrevisionen nachzudenken, sondern auch über organisatorische Maßnahmen, wie die Anpassung der Unterrichts- und Ferienzeiten. Anders lässt sich verlorene Lernzeit nicht aufholen. Dass ein Digitalisierungsturbo das schafft, ist ein Irrglaube. Es ist die Stunde der Bildungspolitik und der Lehrpersonen.

© SZ vom 05.09.2020/kafe
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