Die Oberfranken sind dem Klischee zufolge zurückhaltend und bescheiden und erdulden still die Dominanz der Altbayern. Was freilich leichter fällt in der stillen Gewissheit, dass diese zwar eine gewisse Überlegenheit annehmen, die Franken allerdings längst ihren Vorteil darin erkennen, dass bei ihnen das Leben günstiger ist, das Angebot von Brauereien und Metzgereien weit vielfältiger und seit dem Amtsantritt eines sehr selbstbewussten Franken als Ministerpräsident selbst der Dialekt bis in die abendlichen Talkshows vorgedrungen ist.
Wobei es für die Liebe zur eigenen Mundart keinen Franken in München braucht. Schon 2015 begann der Bezirk Oberfranken – als einziger – damit, alljährlich das oberfränkische Wort des Jahres auszuzeichnen. Zur Premiere wurde das „Wischkästla“ gekürt, der Jury zufolge die oberfränkische Bezeichnung für Smartphone, wenngleich sich das aus eigener Anhörung der Redaktion nicht verifizieren lässt. Dennoch, die Auszeichnung hat sich etabliert, der „Fregger“ (Schlingel) wurde damit schon dekoriert und im vergangenen Jahr das schöne Wort „Meichela“ für ein Kopftuch.
Diesmal ist es der „Schnerbfl“. Das ist der Mitteilung des Bezirks zufolge „das abgebundene Endstück der Wurst, das abgebundene obere Ende eines Sackes, der Bettzipfel oder der Ausgießschnabel an Topf oder Kanne“. Da die Wurst in Oberfranken eine besondere Rolle spielt, ist es charmant, einmal nicht die Beschaffenheit der Füllung oder die Zubereitungsart, sondern schlicht das Ende der Wurst zu würdigen. Ob der „Schnerbfl“ nun appetitlicher klingt als der im Bairischen vergleichbare „Zipfe“, ist vermutlich eine Geschmacksfrage oder zumindest eine der Hörgewohnheiten.
Beide Begriffe sollen im Übrigen umgangssprachlich auch für das männliche Geschlechtsteil verwendet werden und zudem als Schimpfwort. Allerdings eignet sich der „Zipfe“ wegen des Zischlautes und der harten Konsonanten dafür deutlich besser als der weichklingende „Schnerbfl“.
Wohl deswegen hat sich der „Zipfeklatscher“ als ausdrucksstarke Bezeichnung für einen, nun ja, einfältigen Menschen bewährt. Als „Schnerbflklatscher“ beschimpft zu werden, hinterließe dagegen mutmaßlich einen weniger nachhaltigen Eindruck. Was nicht heißt, dass die Franken nicht schimpfen könnten. Eine „dumma Sulln“ beispielsweise ist keine Liebkosung und der „Haumdaucha“ auch nicht. Aber, noch mal vorgelesen – klingt, dank Dialekt, doch nur halb so wild.

