Süddeutsche Zeitung

Schneekanonen in Bayern:Wettrüsten in Weiß

Von München bis nach Peking: So lang wäre ein Streifen aus dem gesammelten Kunstschnee in Bayern. Der Freistaat investiert Millionen in die Schneekanonen - aller Kritik zum Trotz. Denn für den Tourismus geht es ums Überleben.

Heiner Effern

Die bayerischen Skigebiete sind so gut mit Schneekanonen ausgestattet wie noch nie, trotzdem vermiesen die Frühlingstemperaturen und der Regen der vergangenen Woche besonders kleinen Liften das Weihnachtsgeschäft. Plusgrade lassen das Erzeugen von Kunstschnee derzeit - wie so oft in diesem Winter - nicht zu. Auf den grün-weiß gesprenkelten Pisten der Ödberglifte am Tegernsee ist zum Beispiel in diesen Tagen kein Schwung möglich. Auch die Kandahar-Abfahrt in Garmisch ist nicht bis ins Tal befahrbar. Dennoch sehen Staatsregierung und Liftbetreiber in Schneekanonen mittelfristig die einzige Garantie für das Überleben des Skisports in Bayern.

"Ohne Beschneiung hätten wir derzeit keine einzige Talabfahrt. Und auch an den Pisten oben im Gebiet könnte man nur eingeschränkt fahren", sagt Karl Dirnhofer, Chef des Classic-Gebiets in Garmisch-Partenkirchen. Allein für die alpine Ski-Weltmeisterschaft im Februar 2011 waren dort Beschneiungsanlagen für 14 Millionen Euro veranschlagt, die vom Freistaat und Bund kräftig bezuschusst wurden. Daneben gibt es seit März 2009 in Bayern ein Förderprogramm für kleine Skigebiete, Langlaufloipen und auch Schanzen.

Seither flossen daraus 3,75 Millionen Euro in Beschneiungsanlagen, weitere gut sechs Millionen in Lifte und Bahnen. "Eine Unabhängigkeit der bayerischen Wintersportorte vom Schnee ist nicht von heute auf morgen erreichbar", sagt eine Sprecherin von Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP). Das Programm soll Ende 2013 allerdings auslaufen, weil das Ministerium den größten Modernisierungsbedarf gedeckt sieht.

Wenn alle Skigebiete Bayerns ihre Kanonen voll laufen lassen könnten, dürften 711 Hektar Wiesen mit Kunstschnee zugedeckt werden. Würde man damit eine einen Meter breite Piste anlegen, könnte man darauf von München fast bis nach Peking fahren. Allein von 2009 bis 2011 wurden 14 neue Beschneiungsanlagen und die Belegung von 125 Hektar mit Kunstschnee genehmigt. Der Wintertourismus sei insbesondere entlang der Alpenkette ein überlebenswichtiger Wirtschaftszweig, an dem unzählige Arbeitsplätze und Existenzen hingen, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium.

Die Schneekanonen-Offensive stößt bei den Grünen nach wie vor auf harsche Kritik. Jeder in Kunstschnee investierte Euro sei in Zeiten des Klimawandels "rückwärtsgewandt", sagt der Landtagsabgeordnete Ludwig Hartmann. Er hat die Zahlen zur Beschneiung vom Wirtschaftsministerium abgefragt. Dort konzentriere man sich auf die Beschneiung der Pisten, anstatt ein Tourismuskonzept für die Alpen vorzulegen, sagt er.

Kanonen "besser nie gekauft"

Gerade der Wassermangel im November und die hohen Temperaturen im Januar zeigten, dass Wetterextreme durch Schneekanonen nicht zu bekämpfen seien. "Die Politik sollte den Mut haben, kleineren Gebieten auch mal das Zusperren zu empfehlen und die Region über Alternativen zu beraten, denn die Investition in Schneekanonen bedeutet für die Betreiber oftmals ein gewaltiges finanzielles Risiko." Das Wettrüsten müsse aufhören.

Der Tourismusexperte der Landtags-CSU, Klaus Stöttner, kann "das Gelabere der Grünen über Alternativkonzepte" nicht mehr hören. "Die sollen nicht nur immer darüber reden, sondern auch mal konkret werden", sagt er. Das Förderprogramm gerade für die kleinen Gebiete habe "die richtigen Impulse gesetzt". Denn "ohne Schneesicherheit ist eine Investition in die Technik keine runde Sache". Die Modernisierung der Gebiete sei auch ökologisch sinnvoll, da sie die weiten Anfahrten nach Österreich ersparten.

Allerdings müsse eine Beschneiungsanlage mit Sorgfalt geplant werden, sagt Christian Weiler, Pisten-Designer im Tiroler Planungsbüro Klenkhart. Eine Anlage könne sich grundsätzlich bis auf eine Seehöhe von 400 Meter hinab lohnen, wenn sie gut sei. Wer aber zum Beispiel bei der Wasserversorgung pfuscht und sich darauf verlässt, den Rohstoff aus dem benachbarten Bach abzuzapfen, der hätte seine Kanonen "besser nie gekauft".

Während die Politiker immer noch ihren Grundsatzstreit austragen, heißt in den Skigebieten das neue Credo längst "Schlagkraft". Die Garmischer machten es vor, als sie für die Ski-WM eine der stärksten Beschneiungsanlagen Mitteleuropas installierten. In sechs ausreichend kalten Tagen und Nächten kann der Classic-Chef Dirnhofer alle fünf Talabfahrten beschneien lassen. Wenn es denn endlich kalt genug wäre, bisher konnte nur die Hälfte des Speicherwassers in Schnee umgewandelt werden.

Aber auch Michael Zehentmaier, Betriebsleiter der Ödberglifte, spricht von "Schlagkraft". Allerdings von der fehlenden, denn seine Lifte stehen gerade still. "Wir haben den ganzen Winter bisher nur drei Tage beschneien können, fünf hätten wir gebraucht."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1250029
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 04.01.2012/bica
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.