Lawinenspezialist Thomas Feistl ist der Mann an der Schneefront

Der Lawinenlagebericht ist oft der einzige Gradmesser, an dem sich täglich Tausende Tourengeher, Freestyleskifahrer und Snowboarder orientieren.

(Foto: privat/oh)

Der 35-Jährige gibt den Lawinenlagebericht für ganz Bayern heraus. Er muss enorme Verantwortung tragen - gerade, wenn die Wetterverhältnisse wie jetzt kritisch sind.

Von Korbinian Eisenberger

Endlich, nach all diesen verhangenen Tagen: Kurz vorm Wochenende war der Blick auf die Garmischer Berge wieder frei. Vom Osterfelderkopf aus machte sich Thomas Feistl ein Bild von der Lage. In 2000 Metern Höhe buddelte er mit Kollegen vom Lawinenwarndienst einen Schneekeil in einen unberührten Hang. Beim Ausgraben ließen sie eine dünne Säule stehen, an der sich die Zusammensetzung der Schneeschicht erkennen lässt: Welche Schicht ist fest, welche könnte rutschen? Das Ergebnis aller Analysen war dann im Lawinenlagebericht zu lesen: Warnstufe drei, also erhebliche Lawinengefahr. Noch. Weil es am Sonntag wieder geregnet hat, sagt Feistl, bekam der Schnee neues Gewicht. "Dann wird es in den höheren Lagen gefährlich."

Es sind intensive Wochen, die Thomas Feistl in seiner noch jungen Karriere beim bayerischen Lawinenwarndienst (LWD) erlebt. Feistl, 35, ist seit knapp drei Jahren stellvertretender Leiter des LWD - und damit der Mann an der Schneefront. Eine Aufgabe, die ihn beneidenswert oft an die frische Bergluft bringt. Weniger beneidenswert ist die Verantwortung, die auf seinen Schultern lastet. Gerade jetzt, wo die Wetterverhältnisse kritisch sind. Er sagt: "Momentan ist die Situation bei uns sehr angespannt."

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Feistl gibt jeden Morgen den Lawinenlagebericht für ganz Bayern heraus, von den Allgäuer über die Ammergauer und Werdenfelser Alpen, die Bayerischen Voralpen bis zu den Chiemgauer und Berchtesgadener Alpen. Wenn der Hohenpeißenberger nicht selbst mit Rucksack und Lawinenausrüstung an irgendeinem Hang Schneeprofile erstellt, laufen bei ihm in der Münchner Zentrale Analysen aus dem ganzen Freistaat zusammen. Insgesamt 350 Mitglieder aus 33 bayerischen Kommunen mit potenziellen Lawinenhängen erstatten täglich Bericht. Feistl muss dann bewerten: Zwischen Warnstufe eins, gering, bis fünf, sehr groß. Der Lagebericht, eine Institution, die schon so manchen Bergfex vor einem waghalsigen Abenteuer abgehalten hat.

Schnee ist ein ambivalentes Element. Allzu einladend glänzte er am Wochenende wieder von den Gipfeln herunter. Es ist aber ein trügerischer Glanz, der im schlimmsten Fall Menschenleben kosten kann. Ein Unglück mit zehn Toten auf der Zugspitze gab im Jahr 1965 den Anstoß zur Gründung des LWD. Drei Jahre später erschien der erste Lawinenlagebericht. Ein halbes Jahrhundert ist seither vergangen, und mittlerweile sind die Menschen am Berg deutlich besser ausgerüstet. "Die meisten ziehen nur noch mit Suchgerät, Sonde und Lawinenschaufel im Hochgebirge los", sagt Feistl. Allerdings: Insgesamt steigt die Zahl der Sportler, darunter auch immer mehr unerfahrene.

So ist Feistls Bericht oft der einzige Gradmesser, an dem sich täglich Tausende Tourengeher, Freestyleskifahrer und Snowboarder orientieren. "Ich musste da reinwachsen", sagt er bei einem Telefonat. Feistl schrieb zwar seine Doktorarbeit über Lawinenkunde, kennt sich wie kaum ein Zweiter mit der physikalischen Zusammensetzung von Schnee aus und was das in der Theorie für die Lawinengefahr bedeutet. Im Labor durften seine Versuche danebengehen, das war keine große Sache. "Liege ich aber bei einem Lagebericht verkehrt, können die Auswirkungen groß sein."

Wie trifft man die richtige Entscheidung? Gibt es die überhaupt? Feistl überlegt kurz. "Es wird immer solche geben, die trotz einer Warnung in einen gefährlichen Hang reinfahren", sagt er. Diese Entscheidung triff nicht er. Seine Aufgabe ist es, den äußeren Stimmungen zu widerstehen. So wird er nicht automatisch Lawinenwarnstufe fünf ausrufen, nur weil Oberbayern im Weiß versinkt. "Dann würde man uns nicht mehr glauben", sagt er. Neuschnee bedeutet nicht zwingend hohe Lawinengefahr. Außerdem kommen in jedem Gebiet, für jeden Hang eigene Faktoren hinzu: der Wind, die Altschneeunterlage, Licht und Schatten - und der eigene Verstand.

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