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Tourismus in Bayern:"Auf keinen Fall ein Spektakel"

Neuschwanstein

Das Schloss Neuschwanstein geht zukünftig "jeden Abend schlafen": Um 23 Uhr wird die Beleuchtung ausgeschaltet.

(Foto: dpa)

Das Schloss Neuschwanstein bekommt eine neue Beleuchtung. Diese soll sparsamer, ökologischer und, wie Schwangaus Bürgermeister betont, bloß nicht knallig sein.

Von Florian Fuchs

Auf die Perspektive kommt es an, und da ist es der Bürgermeister der Gemeinde Schwangau am Fuße von Schloss Neuschwanstein schon gewohnt, ab und an mal etwas gerade rücken zu müssen. Es sei in der Gegend ja nicht so schön, sagt er dann beispielsweise, weil dort die Schlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau stehen. Vielmehr ist es genau anders herum: Die Wittelsbacher haben einst dort gebaut, eben weil die Gegend so schön ist.

Nun ist es aber trotzdem so, dass Schloss Neuschwanstein und nicht die umliegende Gegend in der Welt wie nur wenige andere Gebäude für den Freistaat Bayern steht, und deshalb hilft die Gemeinde natürlich gerne mit, eben dieses Bauwerk in bestem Licht erscheinen zu lassen. Was in dieser Woche wörtlich zu nehmen ist: Das Schloss bekommt eine neue Beleuchtung - bezahlt, geplant und installiert im Auftrag der Gemeinde Schwangau.

Aber auch dabei ist die Perspektive wieder wichtig. Die neue Beleuchtung, sagt Bürgermeister Stefan Rinke, soll keineswegs künftig noch mehr Touristen zum Schloss locken. Und auch wenn sie sich einige Lichteffekte für besondere Anlässe haben einfallen lassen, soll die neue Lichtanlage "auf keinen Fall ein Spektakel" werden. "Disneyland wollten wir nicht", stellt Rinke klar. Es sei einfach an der Zeit gewesen, und die Gemeinde ist schon auch stolz auf ihr Bauwerk, also wollte sie sich das Projekt etwas kosten lassen: 300 000 Euro hat Schwangau für die neue LED-Beleuchtung bezahlt; die Planungen dafür begannen im Jahr 2017.

Eigentlich hätte die neue Beleuchtung am 5. September 2019 zur 150. Grundsteinlegung von Schloss Neuschwanstein fertig werden sollen. Aber - Stichwort: Perspektive - es sollten dann auch alle Artenschutzvorgaben für Insekten berücksichtigt werden, und deshalb hat sich der Start für die Beleuchtung noch etwas verzögert. "Wir haben peinlich genau darauf geachtet, dass das Projekt auch ökologisch sinnvoll ist", sagt Rinke.

1961 hat die Gemeinde dem Schloss zum ersten Mal eine Beleuchtung spendiert, damals für 35 000 Deutsche Mark. Es gibt einen Vertrag zwischen der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung und Schwangau, in der die Zuständigkeit dafür geregelt ist. "1981 und 1982 haben wir das dann erneuert", sagt der Bürgermeister. Die alten Halogenlampen von damals kommen nun weg, was einiges an Energie und Kosten sparen wird. 47 LED-Strahler wird es künftig geben, Rinke erwartet im Vergleich zu den alten acht Halogenleuchtern eine Energieeinsparung von 9000 Watt in der Stunde.

Während die Außenmauern des Schlosses früher teils auch die ganze Nacht hindurch beleuchtet wurden, hat sich das immer weiter reduziert. Bis die Gemeinde im vergangenen Jahr umstellte: Jetzt ist um 23 Uhr Schluss. Insekten werden aber auch während der Beleuchtungszeit geschützt: Streulicht wird weitgehend vermieden und das Lichtspektrum liegt in einer Wellenlänge, in der es für Insektenaugen quasi Nacht bleibt - die Tiere bekommen von der Beleuchtung nichts mit.

Zwei Tage bleibt das Schloss nun abends komplett dunkel, die alten Halogenlampen werden gerade rückgebaut. Von Mittwoch an leuchten dann die neuen Strahler, die einzelne Gebäudeteile wie Balkone exakt anstrahlen können. So geht das Schloss künftig "jeden Abend schlafen", wie es Bürgermeister Rinke ausdrückt: Ein Gebäudeteil nach dem anderen versinkt über 15 Minuten hinweg im Dunkeln - bis das Bauwerk um 23 Uhr gar nicht mehr beleuchtet ist. Am Samstag dann kommt es zur ersten Effektbeleuchtung: Am Todestag von Ludwig II. am 13. Juni wird das Gebäude alljährlich etwas gedämpft angestrahlt, während es zum Geburtstag des Monarchen am 25. August oder anderen festlichen Anlässen wie Silvester heller erleuchtet werden kann.

"Die Lichtexperten hätten schon noch einige andere Knaller im Koffer gehabt, aber das wollten wir ja gerade nicht", sagt Rinke. Knallig, findet der Bürgermeister, passe nicht zu seinem Ort, der von Neuschwanstein eher den Tagestourismus und die Busreisenden abbekomme. "Neuschwansteinbesucher übernachten eher in anderen Orten", sagt Rinke. Er meint damit den Nachbarort Füssen.

Dass Neuschwanstein wegen Corona nun auch geschlossen hatte, habe Schwangau deshalb gar nicht so hart getroffen. "Unsere Übernachtungszahlen entwickeln sich schon wieder ganz gut", sagt Rinke. Die beiden Campingplätze seien gut gebucht, Ferienwohnungen ebenso, und auch die Hotels im Ort seien besser ausgelastet als anderswo. "Wir haben halt eine schöne Gegend hier." Wenn die neue Beleuchtung des berühmten Schlosses aber den ein oder anderen Touristen mehr in den Ort locken könnte, gerade in der gegenwärtigen Situation - dagegen hätte der Bürgermeister natürlich auch nichts einzuwenden.

© SZ vom 09.06.2020/kafe

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