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Schliersee:Abgemagert und verwahrlost?

Die "Seniorenresidenz Schliersee": Dort sollen Menschen verhungert sein.

Die Staatsanwaltschaft München II hat wegen Körperverletzungsdelikten und Todesfällen in der "Seniorenresidenz Schliersee" die Ermittlungen aufgenommen. Eine ehemalige Mitarbeiterin des Gesundheitsamts Miesbach schilderte katastrophale Zustände in dem Heim.

Von Lisa Schnell, Miesbach/München

Stark unterernährte Heimbewohner, die offene Wunden haben und Windeln, die nicht gewechselt wurden, alkoholisierte Pfleger, falsche Medikamente - so beschreibt die Staatsanwaltschaft München II die Zustände in einem Altenheim in Schliersee, Landkreis Miesbach. Seit Mai 2020 ermittelt sie gegen die "Seniorenresidenz Schliersee" wegen Körperverletzungsdelikten bei 88 Bewohnern und überprüft bei 17 Todesfällen die Todesursache, sowie die Frage, ob Fremdverschulden vorlag. Beschuldigt werden die frühere Heimleitung sowie zwei ehemalige oder aktuelle Mitarbeiter und eine Person, zu der die Staatsanwaltschaft "aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes" keine Angaben macht. Auch ein Corona-Ausbruch im April 2020 wird untersucht.

Eine ehemalige Mitarbeiterin des Gesundheitsamts Miesbach schilderte dem Bayerischen Rundfunk, was sie in dem Altenheim erlebt habe. Sie berichtet von offenen Wunden, "da tropfte Eiter und Blut auf den Teppichboden", und von einer Frau, die nur noch Haut und Knochen gewesen sein soll: "Ich hätte diese Frau am liebsten mit beiden Händen aus dem Heim getragen." Die Begehungen fanden nach einem Corona-Ausbruch im April 2020 statt. Von Anfang an habe man Mängel in der Einrichtung festgestellt, sagt eine Sprecherin des Landratsamt, das bei der Staatsanwaltschaft Anzeige einreichte. Seit dem Corona-Ausbruch habe es nahezu durchgehend Kontrollen unter anderem durch das Gesundheitsamt gegeben. Mitte Mai half die Bundeswehr aus, da Gefahr für Leib und Leben bestanden habe. Auch danach habe es 22 Kontrollen gegeben, auch unangekündigte.

Zu den festgestellten Mängeln gehörte, dass Trinkprotokolle nicht lückenlos geführt wurden oder Medikamente falsch verabreicht wurden. Außerdem waren Personallisten unvollständig. Sie wolle nicht ausschließen, dass Heimbewohner auch unterernährt waren, mit Kot beschmiert oder offene Wunden hatten, sagt die Sprecherin. Die Frage sei, "ob das systemisch ist". Diesen Vorwurf könne das Landratsamt nicht bestätigen. Die Mängel seien "konsequent dokumentiert und geahndet" worden, etwa mit Zwangsgeldern im mittleren fünfstelligen Bereich. Weitere Kontrollen sollten sicherstellen, dass Verbesserungen eintreten. Dabei sei es "leider" meist so gewesen, "dass das angemahnte Problem bis zur nächsten Kontrolle abgestellt oder zumindest deutlich verbessert wurde. Bei der übernächsten Kontrolle zeigte sich das Problem dann wieder", sagt die Sprecherin. Eine Schließung sei nur möglich gewesen, wenn eine "Gefahr für Leib und Leben" bestanden hätte. Dies sei nach dem Einsatz der Bundeswehr nicht mehr der Fall gewesen. Zudem hätten Experten versichert, dass mindestens ein Drittel der Bewohner eine Verlegung "nicht überlebt hätten".

Der Landrat verhängte einen Aufnahmestopp für das Seniorenheim. Nach dem bayerischen Pflegegesetz kann ein Heim geschlossen werden, wenn Anordnungen nicht innerhalb der gesetzten Frist umgesetzt werden. Dies traf aus Sicht des Landratsamts offenbar nicht zu. Dabei soll es über Jahre Beschwerden gegeben haben, wie das Amt bestätigt. Das Problem: Für alle Maßnahmen, auch für eine Schließung, ist nur der aktuelle Träger ausschlaggebend, Versäumnisse aus den Jahren davor zählten nicht. Wegen der vielen Betreiberwechsel schaffe es die Heimaufsicht nicht, "Mängel kontinuierlich beseitigen zu lassen. Sie muss immer wieder bei null anfangen". Der jetzige Betreiber übernahm im Mai 2019. Landrat Olaf von Löwis (CSU) fordert, dass die Behörden mehr Instrumentarien in die Hand bekommen. "Die Hürden für eine Betriebsuntersagung sind so hoch angesetzt, dass sie quasi unerreichbar sind. Das ist doch ein Fehler im System", sagt die Sprecherin des Landratsamts.

"Traurig" findet sie, dass die meisten Angehörigen, die sich beim Landratsamt beschweren, sich nicht an den Zuständen im Heim stoßen, sondern daran, dass das Amt gedroht habe, es zu schließen.

Im Juli 2020 stand das Heim noch im Fokus, weil ein Bewohner eine Seniorin sexuell missbraucht und schwer verletzt haben soll. Laut Staatsanwaltschaft soll er in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden. Aufsichtsverstöße etwa der Heimleitung konnten nicht festgestellt werden.

© SZ vom 25.03.2021/sbeh, van
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