Vor ein paar Jahren wurde das Leben von Christine Schotes erstem Patienten von einer Sekunde auf die andere beendet. Zumindest das Leben, das er bisher kannte. Nach seinem Schlaganfall litt der Ansbacher unter Schlafstörungen, konnte nicht mehr richtig laufen, kein Auto mehr fahren, war plötzlich arbeitsunfähig. Von den medizinischen Hilfen, die ihm zustanden, wusste er nichts, das Beamtendeutsch brachte ihn an seine Grenzen.
Als das Krankengeld aufgebraucht war, lebte er in Armut mit seiner Partnerin in der gemeinsamen Eineinhalb-Zimmer-Wohnung. Das war der Moment, als Schote, eine von 87 ehrenamtlichen Schlaganfall-Helfern in Ansbach, in sein Leben trat – und ihn wieder auf die Beine stellte, wie sie erzählt.
Über ein Jahr lang kämpfte sie sich durch die Bürokratie, schrieb E-Mails, hing stundenlang in Warteschleifen fest, legte Widerspruch gegen eine falsche Einstufung des Pflegegrads ein, beantragte Wohngeld sowie Pflegeleistungen. Sie fuhr den schwer kranken Mann zu Ärzten und organisierte Therapien, damit er und seine Partnerin wieder Stabilität bekamen.

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Der Ansbacher ist einer von rund 1000 Menschen, die in Stadt und Landkreis Ansbach, die zusammen circa 220 000 Einwohner zählen, jährlich einen Schlaganfall erleiden. Das Risiko nimmt mit dem Alter zu, doch auch junge Menschen sind betroffen, etwa 15 Prozent sind unter 45 Jahre alt. Die Durchblutungsstörung des Gehirns, die am häufigsten durch ein verstopftes Gefäß ausgelöst wird, ist lebensgefährlich. Doch auch wer sie übersteht, hat damit oft schwer zu kämpfen: Zwei Drittel der Betroffenen behalten Behinderungen zurück – von halbseitigen Körperlähmungen über Sprach- bis hin zu Sehstörungen. Auch psychische Erkrankungen wie Depressionen gehören zu den Folgen.
Der schwierigste Teil beginnt für die Patienten deshalb oft erst nach der Entlassung aus dem Krankenhaus. Denn dann beginnt der Kampf zurück ins Leben, oft verbunden mit körperlichen, psychischen und organisatorischen Herausforderungen. Wer hilft den Menschen auf diesem schwierigen Weg? In einer alternden Gesellschaft, in der viele Menschen keine nahen Angehörigen mehr um sich haben, klafft hier eine Versorgungslücke.
In Ansbach versucht man seit 2016, mit den Schlaganfall-Helfern diese Lücke zu schließen. Die Helfer sind speziell ausgebildete Ehrenamtliche, die Betroffene und ihre Angehörigen im Alltag entlasten, indem sie begleitend und beratend zur Seite stehen – von der Bewältigung bürokratischer Aufgaben bis hin zum gemeinsamen Kaffeetrinken oder Schachspielen. Die Deutsche Schlaganfallhilfe hat das Projekt 2015 zusammen mit der Hochschule für Gesundheit Bochum entwickelt.
Nach Ansbach brachten die Mediziner Udo Feldheim und Henriette Feldheim das Projekt. Als neuer Präsident des örtlichen Rotary-Clubs suchte der Neurologe Udo Feldheim damals ein Förderprojekt. Für das Ehepaar stand schnell fest: Es sollte ein nachhaltiges regionales Sozialprojekt werden.

Über einen Fall in der Familie und durch ihre berufliche Nähe zum Thema – Henriette Feldheim arbeitet in der Diagnostik von Gefäßerkrankungen – stieß sie auf das Projekt der Deutschen Schlaganfallhilfe. Nach einem Telefonat war klar: Ansbach sollte nach der Berliner Charité und dem Rhönklinikum als dritter Standort Teil des Projekts werden.
Am Anfang sei es vor allem darum gegangen, ein Netzwerk aus örtlichen Partnern zu gewinnen – und Betroffene sowie potenzielle Helfer zu erreichen. Durch die langjährige Bekanntheit ihrer neurologischen Praxis hätten sie dabei „sehr viel Glück“ gehabt, erzählt Udo Feldheim: Diakonie, Bezirksklinikum, Amtsgericht, Ärzte und Fachkräfte machten sofort mit. Mit der ehemaligen Landtagspräsidentin Barbara Stamm als Schirmherrin kam sogar prominente Unterstützung hinzu.
Und auch die Bereitschaft der Ansbacher Bevölkerung war „unglaublich“, erinnert sich Henriette Feldheim: Die ersten beiden Kurse waren sofort ausgebucht. So konnten 2016 auf Anhieb stolze 87 Helfer ausgebildet werden, von denen derzeit etwa 35 aktiv sind. Zum Vergleich: Bei der Charité waren es 13, beim Rhönklinikum 12.
Doch jede gute ehrenamtliche Idee braucht eine Struktur, die sie trägt: Bei den Schlaganfall-Helfern in Ansbach ist das das Bayerische Rote Kreuz (BRK), ohne das das Pilotprojekt nicht umsetzbar gewesen wäre. Als Träger übernimmt das BRK die Organisation und Koordination, stellt Schulungsräume bereit und sorgt dafür, dass die Helfer versichert sind.

Damit die Einsätze reibungslos ablaufen, fungiert Renate Brodwolf vom BRK in Ansbach als Vermittlerin zwischen Patienten und Helfern. Sie arbeitet hauptamtlich beim BRK und kennt alle 87 Helfer. Manchmal unterstützt sie Betroffene auch direkt, etwa beim Ausfüllen von Formularen. Auch Angehörige wenden sich an sie, wenn sie Rat suchen.
Doch woher kommen all diese Menschen, die ihre Zeit opfern, um anderen zu helfen? Die Freiwilligen seien sehr heterogen, erzählt Henriette Feldheim: Der jüngste war 22 Jahre alt, die älteste 83. Etwa zwei Drittel seien Frauen. Manchmal seien es auch Betroffene, die wieder ins Leben zurückgefunden haben und ihre Erfahrungen weitergeben.
Es sei einfach eine Freude zu helfen und zu sehen, dass man etwas bewirken könne, sagt Christine Schote, die seit 2018 Helferin ist. „Gerade in der heutigen Zeit ist es extrem wichtig, dass die Gesellschaft zusammenhält und sich gegenseitig unterstützt“. Schote weiß allerdings auch, wie wichtig es ist, Grenzen zu setzen. „Empathie und Hilfestellung sind sehr wichtig. Aber auf der anderen Seite braucht es auch eine gewisse Distanz“, sagt sie. Dazu gehöre auch, sich als Helfer zurückzunehmen, wenn sich eine zu enge emotionale Abhängigkeit entwickele.

Die Freiwilligen sind eben keine Verwandten oder Freunde, sondern professionelle Helfer. Dafür erhalten sie eine 40-stündige Ausbildung mit abschließender Prüfung, in der sie die verschiedensten Inhalte lernen. Denn ein Schlaganfall kann, je nachdem, wo im Gehirn er auftritt, sehr unterschiedliche Probleme verursachen: Körperliche Ausfälle, Wahrnehmungs- oder Sprachstörungen gehören dazu. „Manche Patienten verstehen alles, aber können nicht mehr sprechen – oder umgekehrt“, ergänzt Udo Feldheim.
Der Kurs vermittelt daher nicht nur neurologisches Basiswissen und Rehabilitation, sondern auch praktische Tipps etwa zu Arztbesuchen, Sozial- und Schwerbehindertenrecht, Vorsorge- und Betreuungsvollmachten. Auch Kommunikation wird intensiv trainiert: Wie spreche ich mit Betroffenen? Wie gehe ich mit Ablehnung um?
Die Anschubfinanzierung von 15 000 Euro für die ersten drei Kurse übernahm der Rotary-Club Ansbach. Heute wird das Projekt vor allem durch Spenden getragen – etwa von lokalen Firmen oder durch Benefizaktionen. Gleichzeitig wirbt das Ehepaar Feldheim um Unterstützung, etwa in Form von kostenfreien Schulungsräumen. So lasse sich ein Kurs für bis zu 20 Ehrenamtliche bereits mit 2000 bis 3000 Euro realisieren, erklärt Udo Feldheim. Der nächste Kurs findet 2026 statt.

Ganz nebenbei verbreitet sich über die Helfer Wissen über Schlaganfälle in der Ansbacher Bevölkerung. Ein Effekt, der ursprünglich nicht im Fokus stand: Prävention. Denn die Helfer seien für typische Frühsymptome – etwa kurzzeitige Sehstörungen, hängende Arme oder Mundwinkel – sensibilisiert und können ihr Wissen weitergeben.
Die medizinische Versorgung bei Schlaganfallpatienten sei in Deutschland insgesamt zwar gut, unter anderem dank spezialisierter Stroke Units. Doch entscheidend sei der Faktor Zeit: Schon kleine Verzögerungen bei der Meldung der Frühsymptome können den Verlauf stark beeinflussen, erklärt der Neurologe. „Früher ins Krankenhaus oder zum Arzt zu gehen, könnte einige Schlaganfälle oder schwere Verläufe verhindern“, betont Henriette Feldheim.
Über den Rotary-Club kam das Projekt inzwischen nach Thüringen, Hessen und in weitere bayerische Landkreise. Anfragen kommen auch aus München. Die Hoffnung der Feldheims: Dass Ansbach durch das Projekt zu einer Region wird, in der weniger Schlaganfälle unbemerkt bleiben. Schließlich sind Schlaganfälle die häufigste Ursache für Behinderungen im Erwachsenenalter. Sie richten damit nicht nur großen volkswirtschaftlichen Schaden an, sondern vor allem viel Leid: Menschen, die von einer Sekunde auf die andere aus ihrem Leben gerissen werden und mit ihnen Familie, Freunde und Angehörige. In dieser Extremsituation können die Helfer entlasten – und dort unterstützen, wo das Gesundheitssystem an seine Grenzen stößt.

