Schikanen gegen Schüler:Sofortige Suspendierung gefordert

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Werner Viehhauser hat für die Familie volles Verständnis. Der 50-jährige Religionslehrer ist Fachmann für Mobbing und Streitschlichtung in der Diözese Regensburg. Seine Erfahrung: Kinder berichten aus dem Schulalltag kaum etwas, weil sie sich entweder schämten oder nicht in der Lage seien, Vorfälle zu beschreiben. Stattdessen zögen sie sich zurück und zeigten unkontrollierte Ausbrüche, wie es bei Josef der Fall ist. Besonders schlimm sei es, wenn Lehrer sich despektierlich über Schüler äußerten: "Das ist das Signal an die ganze Meute, den einzelnen zu mobben", sagt Viehhauser.

Dabei sind auch Lehrer oft Opfer eines Systems, in dem der Druck permanent steigt, etwa wenn Eltern versuchten, ihre mäßig begabten Kinder mit allen Mitteln auf eine weiterführende Schule zu schicken. Oder wenn Pädagogen zu alt und verbraucht seien, um mit Kindern vernünftig umzugehen. Das Kultusministerium biete da keinen Ausweg an.

Auch Patrick Reichl sieht die Schuld nicht nur bei der Lehrerin. Die Klasse sei lebhaft und nicht einfach zu führen. Er bescheinigt der Lehrerin sogar einen guten Unterricht, sofern sie nicht überfordert sei. Für ihn ist es unverständlich, dass die Frau mit einer Klassenführung betraut wurde, obwohl sie bereits ein Jahr krankheitsbedingt ausgefallen war.

"Viele Lehrer geben ihr Bestes und stoßen trotzdem an Grenzen", sagt Viehhauser. Ihn wundere, wie wenige dieser Fälle ans Tageslicht kämen. Der Streitschlichter weiß aus Erfahrung, wie wichtig es ist, wenn Lehrer sich über ihre Probleme austauschen können, doch nicht alle Schulleiter zeigten sich dafür aufgeschlossen. Sie arbeiten in dem Spannungsfeld, zwischen Eltern und Lehrern zu vermitteln, ohne Kollegen in den Rücken zu fallen. Doch das ist nicht immer möglich, weiß Viehhauser.

Er sagt, die Familie Reichl habe sich nichts vorzuwerfen: Sie habe alle Instanzen eingehalten und versuche nur, ihrem Kind zum Recht auf eine sichere Umgebung zu verhelfen.

Die Lehrerin selbst ist zu keiner Stellungnahme bereit. Schulamtsdirektorin Angelika Haslbeck erklärt, sie nehme die Vorwürfe sehr ernst: "Wir wollen nicht, dass etwas verharmlost wird." Bereits einen Tag nach der Beschwerde begutachtete das Schulamt den Unterricht der Lehrerin, seitdem laufen Gespräche, um eine Lösung zu finden. Auch die Regierung von Niederbayern ist eingeschaltet. Sollte es tatsächlich zu einem Verfahren gegen die Lehrerin kommen, müsste es einer verwaltungsgerichtlichen Bewertung standhalten. Das Urteil über sie fällt zudem keineswegs einheitlich aus: Ein Teil der Eltern in Reisbach etwa hält das Vorgehen der Reichls für überzogen.

Trotzdem gibt es Signale aus dem Schulamt, dass die Lehrerin aufgrund des gestörten Vertrauensverhältnisses im kommenden Jahr wohl eine andere Klasse zugeteilt bekommt. Die Reichls sagen, damit tue man weder der Lehrerin noch ihren künftigen Schülern einen Gefallen und fordern eine sofortige Suspendierung.

Am vergangenen Freitag waren Anna und Patrick Reichl mit einem zweiten Elternpaar bei der Polizei und erstatteten Anzeige wegen psychischer Körperverletzung.

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