Als Jonas Knecht im April 2024 seinen Vertrag als neuer Intendant am Schauspiel Erlangen unterzeichnete, ging er davon aus, in eine der reichsten Gemeinden Bayerns zu wechseln: „Wir wollten unsere Idee des interdisziplinären Ensembles aufbauen, eine weitere Tänzerin, einen Sänger, eine Puppenspielerin ins Ensemble holen. Das ist alles nicht mehr möglich. Stattdessen muss ich schauen, dass ich den Personalbestand unter allen Umständen halten kann.“
Erlangen muss sparen. Der Einbruch der Gewerbesteuer – 71 statt 220 Millionen Euro im Haushaltsjahr 2024 – machte aus einer wohlhabenden Stadt eine Kommune, in der die politischen Gremien ein Konsolidierungspaket nach dem anderen beschließen. Die erste Sparrunde wurde im September 2024 angekündigt, noch vor der ersten Premiere unter Jonas Knecht. Jetzt steht er vor seiner zweiten Spielzeit – und mit rund 30 Prozent weniger Geld, als er im April 2024 angenommen hatte. Im Verwaltungsbericht von November 2024 werden rund 190 000 Euro angegeben, „diese Sparvorgaben beziehen sich gänzlich auf den Sachmitteletat“.
Der Spielplan 25/26 des Theaters entstand unter den neuen Erlanger Gegebenheiten. Unter dem Strich steht nur eine Premiere weniger im Programm. Die eigenen Produktionen werden aber zwangsläufig schmaler umgesetzt, es wird weniger künstlerische Gäste in Erlangen geben. Schon die zweite Produktion ist eine, die es sonst vielleicht gar nicht ins Programm geschafft hätte: „Bar Omega“ – ein Sci-Fi-Tanzabend, konzipiert von zwei Ensemble-Mitgliedern.
Knecht macht konkret, wie es für ein Stadttheater überhaupt funktionieren kann, 30 Prozent einzusparen: Eine Stelle wird nicht nachbesetzt, Gastpositionen werden minimiert, defekte oder veraltete Teile nicht ersetzt, auf Drucksachen wird verzichtet, Ausstattungsetats mussten gekürzt werden, „also: kein Video da, nur einen Musiker dort, eine Produktion mit fast leerer Bühne et cetera“.
Die Stadt Erlangen selbst hat die Devise ausgegeben: Strukturen müssen erhalten bleiben. Das erklärt die Kulturreferentin Anke Steinert-Neuwirth (SPD) bei der Spielzeitpräsentation. Das Programm des Figurentheaterfestivals wurde halbiert, ähnlich erging es bereits im vergangenen Jahr dem Poetenfest. Kultur mache in Erlangen etwa fünf bis acht Prozent des Gesamtetats aus. Jedes Referat habe die Auflage, zehn Prozent einzusparen. Man pendle sich auf einem Niveau von 2020 ein, während natürlich, wie überall, die Kosten gestiegen sind. „Ich hoffe sehr, dass es gelingt, zumindest das derzeitige Niveau zu halten. Sonst kann die Kultur schnell an einen Kipppunkt geraten.“

Eine Garantie dafür gibt es nicht. Im Mai beschloss die Stadt erneut Sparmaßnahmen mit einem Volumen von rund 60 Millionen Euro. Der Haushalt ist derzeit nicht genehmigt, jeder Kredit muss von der Rechtsaufsichtsbehörde abgesegnet werden. Wenn es um den Haushalt für 2026 geht, könnten dem Schauspiel während der laufenden Spielzeit erneut schlechte Nachrichten ins Haus stehen.
Jonas Knecht sagt, er gehe eigentlich davon aus. Einen Notfallplan für diesen Fall gebe es nicht. „Wenn weitere Mittel wegfallen, kommt der Punkt, wo wir den Spielbetrieb nicht mehr halten können. Und das ist meiner Meinung nach der Anfang einer Abwärtsspirale, denn Leute zu entlassen, kommt für mich nicht infrage.“ Vielleicht müsse man dann auch noch mal anders politisch aktiv werden: Weitere Kürzungen seien nicht verkraftbar, wenn Erlangen sich weiterhin ein eigenproduzierendes Theater leisten will. Die Perspektive, Produktionen anderer Häuser zu übernehmen und auf mehr Wiederaufnahmen zu setzen, ist indes schon in Stadtratsunterlagen festgehalten. Die Anhebung der Kartenpreise zur kommenden Spielzeit hin wurde dabei bereits beschlossen.
Um weniger auf die städtischen Gelder angewiesen zu sein, hat das Schauspiel neue Kooperationen mit dem Konzertverein und dem Internationalen Comic-Salon an Land gezogen. Es läuft das Werben um private Geldgeber und Sponsoren. „Das macht leider wenig Hoffnung, da kam bis jetzt nicht wirklich was rein“, zeigt sich Knecht ernüchtert.
Genug Geld gab es für das Theater auch vor den Kürzungen nicht
Der Intendant betont, dass er 2024 zwar in eine wohlhabende Stadt kam, nicht aber an ein wohlhabendes Theater. „Dieses Haus konnte schon vorher nur bedingt mit einem modernen Stadttheater-Betrieb verglichen werden. Monetär war es schon immer an der unteren Grenze und hat mit wenig Personal sehr viel möglich gemacht.“ Die Probebühnen seien marode, es gebe weder Gemeinschafts- noch Sozial- noch Besprechungsräume noch ausreichend Lagermöglichkeiten, die Personaldecke sei so dünn, dass Krankheitsausfälle den Vorstellungsbetrieb gefährden, die Garderoben und Sanitärräume bräuchten eine Sanierung.
Dass die Mängel behoben werden, ist derzeit nicht realistisch, das weiß auch Jonas Knecht. Das Programm für diese Spielzeit unter besonderen Vorzeichen bleibt ambitioniert. Unter anderem mit einem Schiller-Spektakel zum Auftakt, „Die Räuber“, einer Recherchearbeit über rechte Gewalt in Erlangen, „Brauner Schnee über Franken“ im Februar, und Elfriede Jelineks jüngstem Trump-Stück „Endsieg“ im April.
Er hoffe, sagt Knecht, dass das Publikum dem Schauspiel weiterhin die Stange halte. Mit der ersten Spielzeit sei man künstlerisch sehr zufrieden, die Auslastungs- und Abozahlen seien gestiegen, die Rückmeldungen positiv. Wie lang er selbst Erlangen die Stange halte, diese Frage bleibt dennoch offen: „Es gibt immer wieder Momente, wo ich mich frage, wie weit kann und will ich gehen, wie viele Visionen kann ich noch aufgeben?“

