Als 1983 das erste Scharfrichterbeil in Passau vergeben wurde, da ging der Preis an einen wahren Nachwuchskünstler, den damals noch sehr jungen Hape Kerkeling. Die Jury, so erzählt Walter Landshuter, Mitbegründer des Passauer Scharfrichterhauses, habe sich sehr schwergetan, sich auf den Jungspund zu einigen. Dennoch ist man nach all den Jahren stolz, dessen großartige Begabung erkannt zu haben.
Bei der 42. Ausgabe des in der deutschsprachigen Kabarett- und Kleinkunstszene überaus angesehenen Nachwuchswettbewerbs, der wie üblich am ersten Mittwoch im Dezember im Passauer Scharfrichterhaus stattfand, waren sich Jury wie Publikum einig. Das große Beil ging an den Sänger Maxi Pongratz. Nur er selbst schien überrascht zu sein von dieser Ehrung und der Tatsache, sich gegen die vier Mitbewerber durchgesetzt zu haben.
Der schlaksige Oberammergauer, Texter, Sänger und Akkordeonspieler der inzwischen leider aufgelösten Band Kofelgschroa, konnte es kaum glauben, auch wenn er längst kein Nachwuchskünstler mehr ist. Auf seine bescheidene Art, rar in diesen Tagen, bedankte er sich mit drei Liedern, die untermauerten, warum man sich so einmütig für ihn entschieden hatte: übers Nicht-Schlafen-Können, über Bagatell-Leiden (in f-Moll!) wie tägliche Entscheidungen und die Anstrengungen des Zähneputzens.
„Er ist hochmusikalisch, mit existenzieller poetischer Tiefe“, fasste Matthias Egersdörfer (selbst Beilgewinner 2007) die Begründung der Jury zusammen. Mit seinem sympathischen mittelfränkischen Zungenschlag führte er charmant durch den Abend. Der Oberammergauer, so Egersdörfer, habe gelernt, aus den Geißelungen der berühmten Passionsspiele (bei denen er dreimal mitgewirkt hat) gestählt hervorzugehen. Und dabei bleibe er stets authentisch, ohne Anbiederung an den Zeitgeist.
Annphie Fritz überzeugte mit ihrem intelligenten feministischen Ansatz
Ja, der Zeitgeist. Der war auch dabei auf der kleinen Bühne im Gewölbe des Scharfrichterhauses. Es kann gelingen, wenn man ihm etwas Raum gibt, wie die zweitplatzierte Annphie Fritz es tat. Die gebürtige Wienerin, Jahrgang 1989, überzeugte mit ihrer Bühnenpräsenz, ihrem intelligenten feministischen Ansatz und ihrer zweifellos großen (gelernten) Schauspielkunst. Gerade auf letztere kann sie sich hundertprozentig verlassen. So packt sie Themen wie Menstruation und Catcalling eindrücklich und unterhaltsam an. Und man mag ihr gern zustimmen, wenn sie eine zunehmende „Arschlochifizierung“ der Gesellschaft postuliert. Vermutlich wird man Fritz und ihr Bühnenprogramm „Shanti Schatzi“ ab sofort vermehrt auf deutschen Bühnen sehen.
Mehr Live-Erlebnisse wünscht man sich auch von den Gewinnern des kleinsten Beils, dem Duo Burloni. Fast wortlos, clownesk bis grotesk, erzählen Valter Rado und Tim Schaller Geschichten. Wie Rado, 65, als Skifahrer und sein 27 Jahre jüngerer Bühnenpartner als Baumträger (Tannen auf Pappe aufgemalt) den Bergsport parodieren, ist urkomische Pantomime und zugleich Kritik am Alpinkommerz. Alkohol auf der Piste? Abfahrten durch den Wald? Keine gute Idee! Eine umso grandiosere Idee der „Scherzkekse“, so die Übersetzung von Burloni, die Weihnachtsgeschichte mit Espresso-Kannen nachzuerzählen. Manche mögen das, gerade in Passau, im Schatten des gigantischen Domes, für blasphemisch halten. Aber man sollte es dem selbstironischen Duo nicht verübeln, sondern sich an dessen skurrilem Humor erfreuen.
Neben Pongratz, Fritz und dem Duo Burloni waren Mario Sacher und Niko Nagl im Wettbewerb. Aus 50 Bewerbungen in diesen sehr unterschiedlichen und künstlerisch hochkarätigen Teilnehmerkreis zu gelangen, das dürfen die beiden Österreicher als Auszeichnung sehen, auch wenn sie enttäuscht wirkten. Ihre Kalauerisierung von Obst- und Gemüsesorten kennt man halt schon von anderen, von Willy Astor etwa.
Dass es in diesem Jahr nur fünf Teilnehmer in Passau gab, lag an der kurzfristigen krankheitsbedingten Absage von Mona Kospach. Walter Landshuter träumt weiterhin von „echtem politischem Kabarett wie von Sigi Zimmerschied oder Bruno Jonas“ auf seiner Bühne, das sollte Ansporn sein für die nächsten Bewerber.

