Jürgen Wittmann ist "total happy". Das liegt nicht nur daran, dass der Besitzer der Tagesbar und Regensburger Institution "Chin-Chin" gerade im Urlaub ist. Viel mehr liegt es daran, dass die Stadt Regensburg ihm und anderen Wirten nun erlaubt, ihre Freischankflächen zu behalten. Also die Tische und Stühle, die die Wirtinnen und Wirte während der Corona-Pandemie auf Parkplätzen oder auf breiten Gehwegen aufstellen durften. Und die seither den Namen Schanigärten tragen - ein Begriff aus Wien, mit dem per Definition "Freischankflächen auf öffentlichem Grund" und im Volksmund kleine Freiluftterrassen vor Kaffeehäusern gemeint sind. Was damals auch als Entschädigung für Verluste der Gastronomie während der Corona-Pandemie gedacht war, entpuppte sich vielerorts als Bereicherung für Bürger und Stadtbild.
Im Falle von Jürgen Wittmann geht es um Flächen an der Mauer der gegenüberliegenden Dreieinigkeitskirche. 2021 hatten sich die evangelische Kirche und der Wirt im Schulterschluss erfolgreich dafür eingesetzt, dass diese Flächen erhalten bleiben. Für die Kirche bedeutete es weniger Schmutz und Müll nach Feiernächten, weil die Kellner und Kellnerinnen nun ein Auge darauf hatten. Für Wirt Wittmann bedeutete es mehr Umsatz. Und auch die Regensburger fanden es super, weil es die Lebensqualität in der Altstadt sicht- und spürbar steigerte. "Die ganze Stadt gewinnt dadurch", sagt Wittmann.

Newsletter abonnieren:Mei Bayern-Newsletter
Alles Wichtige zur Landespolitik und Geschichten aus dem Freistaat - direkt in Ihrem Postfach. Kostenlos anmelden.
Und Regensburg ist mit dieser pragmatischen Entscheidung nicht alleine. Viele Städte in Bayern lassen nun dauerhaft größere Freischankflächen zu - unter Berücksichtigung des Anwohnerschutzes.
Exemplarisch dafür steht Bamberg. Dort regte sich zunächst Widerstand gegen die Praxis, die sich etwa am Katzenberg in der Altstadt in Pandemiezeiten etabliert hatte. Die Stadt erlaubte den Lokalen dort Tische und Stühle auf Parkplätzen - gegen den Willen mancher Bamberger. Ende vergangenen Jahres haben sich Stadt, Gastronomen, der Bürgerverein Sand und die Interessengemeinschaft Sand auf einen Kompromiss verständigt: Zwischen Mai und Oktober dürfen die Wirte wie gehabt Stühle und Tische auf sechs Parkplätze stellen. Nur zur Sandkirchweih Ende August und bei Flohmärkten müssen sie Platz machen.
Im oberbayerischen Rosenheim pflegt man nicht nur wegen der italienischen Partnerstadt Lazise eine gewisse Affinität zum südlichen Lebensgefühl, und die zusätzlich eingeführten Schanigärten kommen der Stadt und ihren Einwohnern da gerade recht. Schon im Herbst haben die Stadträte die Schanigärten zur dauerhaften Einrichtung gemacht - auf Kosten einer guten Handvoll Parkplätze und zu bezahlen von den Wirten, denn pro Parkplatz und Werktag verlangt die Stadt von ihnen je nach Lage zwischen 7,50 und 15 Euro. Für die Stadt macht das die entgangenen Parkgebühren mehr als wett. Doch auch sonst zeigt man sich im Rathaus mit den neuen gastronomischen Freiheiten sehr zufrieden, und an den Tischen der Schanigärten sowieso. Vereinzelte Klagen von Anwohnern gibt es auch. Eine davon ist beim Verwaltungsgericht München anhängig, das sich aber noch nicht näher damit befasst hat.
Anders als in Rosenheim müssen die Wirte in Nürnberg für die zusätzlichen Flächen nicht zahlen, Wirtschaftsreferent Michael Fraas (CSU) spricht in diesem Zusammenhang von einer "großzügigen Praxis", die man 2020 im Austausch mit der Gastronomie entwickelt habe, um Gaststätten zumindest draußen öffnen zu können. Für die schon vor der Pandemie vorhandenen Freischankflächen müssen Gastronomen weiter Gebühren entrichten, für die seit 2020 zusätzlich von der Stadt zur Verfügung gestellten hingegen auch künftig nicht.
Stadt und Gastronomie hätten von den Schanigärten profitiert, heißt es in Nürnberg
Die Stadt, sagt Wirtschaftsreferent Fraas, lege allerdings Wert auf die Sicherheitsbelange: Rettungswagen, Feuerwehr und Rollstuhlfahrer bräuchten freie Fahrt. Dass fortgeführt wird, was zunächst als Hilfe in der Corona-Zeit gedacht war, geschieht gleichermaßen auf Wunsch der Gastronomen hin wie im Interesse der Stadt. "Die Gastronomie hat davon profitiert, aber auch das ganze Leben in Nürnberg", sagt Fraas. "Wir merken, dass sich die Leute draußen in der Innenstadt hinsetzen und das Flair genießen wollen. Deswegen führen wir das auch in diesem Jahr fort."
In Augsburg machte der Stadtrat bereits kurz vor Weihnachten deutlich, dass die Erweiterung der Freischankflächen, Schanigärten oder auch teils längere Öffnungszeiten für Gastronomie in der unmittelbaren Innenstadt grundsätzlich weiterhin gewünscht sind. Ursprünglich im Pandemiejahr 2020 als "Augsburger Stadtsommer" gestartet, haben sich sowohl der Begriff als auch die damit verbundenen Maßnahmen etabliert. Die Rathauskoalition aus CSU und Grünen hat bereits im Sommer eine Evaluierung aller sommerlichen Aktionen in der Innenstadt in Auftrag gegeben: Die Erfahrungen sind positiv, Beschwerden von Anwohnern weitgehend ausgeblieben. Insofern sollen nun ein "verstetigtes Stadtsommermaßnahmenpaket" erarbeitet und die Gestaltungsrichtlinie für die Augsburger Innenstadt überarbeitet werden. Die Schanigärten, das legt die Evaluierung nahe, sollten allerdings ansprechender gestaltet werden als im vergangenen Jahr: Manche Bewirtungsflächen hätten wenig ansprechend gewirkt und eher nach Wildwuchs ausgesehen.
Hauptprofiteure der Entscheidungen sind neben den frischluftaffinen Gästen freilich die Betreiberinnen und Betreiber der Gastronomien. "Wir finden es sehr gut, dass Freischankflächen zur Verfügung gestellt werden", sagt Thomas Geppert, Landesvorsitzender des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga). "Zum einen macht das die Städte attraktiver und schafft ein besonderes Flair", erklärt er. "Und zum anderen erweitert es natürlich Möglichkeiten für die Gastronomie." Letzteres sei nötig, denn: "Wir sind zwar Gott sei dank aus der Pandemie raus, aber wir haben vielfältige andere Herausforderungen", erklärt der Dehoga-Landeschef und verweist auf Kostensteigerungen bei Lebensmitteln und Energie. "Von daher ist jede Fläche, die verfügbar ist, eine tolle Sache."

