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Schäden im Bayerischen Wald:"I hab koa Freud mehr, am liabsten daad i davonlaufen"

Sturmschaden im Landkreis Passau

Ordnung im Chaos: Im Bayerischen Wald summieren sich die kaputten Bäume auf 2,3 Millionen Festmeter. Für die Waldbesitzer ist jetzt am wichtigsten, wenigstens die Reste zu retten.

(Foto: Armin Weigel)
  • Ein Orkan hat vor drei Wochen in Teilen des Bayerischen Walds gewütet.
  • Böen rasten mit Tempo 130 über das Land und zerstörten etwa 10 000 Hektar Wald.
  • Die kaputten Bäume summieren sich auf 2,3 Millionen Festmeter, die jetzt aufgeräumt und verkauft werden müssen.

Aus der Luft sieht das Chaos schon ganz aufgeräumt aus. Bis vor drei Wochen stand hier ein dichter Fichtenwald. Jetzt liegen Unmengen Stammholz säuberlich aufgestapelt auf dem Waldboden. Am hinteren Ende des Geländes ragen noch viele Fichten, die der Orkan Kolle wie Streichhölzer abgebrochen hat, wie knochige Finger in die Luft.

Dort ist ein schwerer Harvester am Werk. Der Ausleger der Holzernte-Maschine umfasst mit seinem klobigen Aggregat einen Fichtentorso nach dem anderen. Jedesmal heult die Motorsäge auf, der Stamm ist sogleich durchtrennt. Keine Minute später hat das Aggregat den Nadelbaum mit seinen scharfen Messern erfasst, in exakt vier Meter lange Stücke zerteilt und auf einem Stapel abgelegt. Der Maschinenführer hat da bereits die nächste Fichte im Visier.

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Bei dem Harvester steht Ewald Schätzl, 50, grüne Arbeitshose, roter Pullover, rissige Hände, müder Blick. Schätzl gehört der Wald, oder besser das, was Kolle übrig gelassen hat davon. "Ois is hin, das ganze Holz, die Wege, die paar Bäume, die noch stehen, die holt nächstes Jahr der Borkenkäfer", sagt er in schwerem niederbayerischen Dialekt. "I hab koa Freud mehr, am liabsten daad i davonlaufen."

So wie Schätzl, der mit seiner Familie in Salzweg bei Passau lebt, ergeht es derzeit vielen Menschen im Bayerischen Wald. 6000 Waldbesitzer hat Kolle getroffen, schätzt Johann Gaisbauer vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Passau. Nur 20 Minuten dauerte der Sturm, der vor drei Wochen nächtens über den Bayerischen Wald hinwegfegte. Aber die Böen, die mit Tempo 130 über das Land rasten, zerstörten ungefähr 10 000 Hektar Wald. Die kaputten Bäume summieren sich auf 2,3 Millionen Festmeter. Das ist eine so gigantische Menge, dass man damit eine mehr als zwei Meter hohe und einen Meter dicke Holzmauer von Passau bis nach Bukarest bauen könnte.

Der Wald von Ewald Schätzl ist ungefähr fünf Hektar groß. Er liegt gleich hinter der Hofstelle der Familie. Ewald Schätzl war einst Bauer. Die Kühe hat er aber schon vor etlichen Jahren abgeschafft. Auch die meisten Wiesen und Äcker sind verpachtet. In Schätzls Stall stehen jetzt ein paar Pensionspferde, die er und seine Frau Manuela zusammen mit den Pferden ihrer beiden Töchter nebenher versorgen. Im Hauptberuf arbeitet Schätzl am Passauer Klinikum als Hausmeister.

Aber im Herzen ist Schätzl Bauer geblieben. Der Wald ist sein Ein und Alles. Ob am Feierabend, am Wochenende oder an Feiertagen, Schätzl war immer draußen in seinem Wald. Er hat jungen Bergahorn und Buchen gepflanzt, damit unter den hohen Fichten Laubbäume nachwachsen. Er hat schwache Bäume gefällt, damit die starken mehr Platz haben. Er hat den Borkenkäfer und andere Schädlinge ferngehalten. Und natürlich hat er die Wege in Ordnung gehalten.