Am Donnerstag soll es an prominenter Stelle an Nürnbergs Stadtmauer zu einem Festakt der besonderen Art kommen. Eine Delegation aus Linz wird erwartet, gemeinsam will man die in die Jahre gekommene Stadtmauer der alten Reichsstadt niederreißen und an geeigneter Stelle, in Linz nämlich, wieder aufbauen. Geplant ist vorläufig nur ein symbolischer Akt, aber das ist ja immer so, wenn Zelebritäten zusammenkommen und sich die Schaufel fürs Gruppenfoto in die Hand drücken. Kopf der Aktion ist der Nürnberger Tobias Lindemann. Er sagt: "Mit den Kollegen aus Linz teilen wir nicht die Ziele, aber das Baumaterial."
Das gemeinsame Material, Steine aus dem alten Reich, soll in Linz einer engagierten Gruppe zugutekommen, die sich unter dem Label "Regionäre Bewegung" einen Namen gemacht hat. Unter dem Motto "Was Gott durch Flüsse trennt, soll der Mensch nicht durch Brücken einen", erfreut sie sich einigen Zuspruchs in Oberösterreich. Die Aktivisten engagieren sich gegen die "Verländlichung" ihrer Stadt, für die niemand anderes verantwortlich sei als "Wirtschaftsflüchtlinge" aus dem jenseits der Donau gelegenen, eher ländlich geprägten Mühlviertel: Linz-Land, sozusagen. Gegen die allfällige Schwemme aus diesem Landstrich, nicht nur am Wochenende, kämpft die Bewegung mit harten Bandagen: "Die aktuelle Mühlviertelkrise ist verantwortlich für die erbärmliche Verkehrssituation, für unverständliches Sprachgewirr, schreckliche Großveranstaltungen wie das Kronefest und penetranten Kuhstallgeruch." Weg also mit den Brücken und her mit den Mauern.

Nürnberg:"Das ist ein ganz großer Moment in der Geschichte dieser Stadt"
Horst Seehofer hat Nürnberg eine eigenständige Universität versprochen und kaum jemand zweifelt daran, dass sie kommt. Begeistert sind aber nicht alle.
Lindemann und seine Nürnberger Mitstreiter wollen das geplante Sich-Einmauern in Oberösterreich nun materiell unterstützen, auch wenn man andere Absichten verfolge als die Linzer Kollegen. Anlass für das "Mr. Maly, tear down this wall" ist Lindemanns Analyse, die Nürnbergs Stadtmauer als Symbol charakterisiert "für die vielen Tränen, die in der Stadt einer vermeintlich guten, alten Zeit nachgeweint werden". Als einzige Stadt dieser Größe habe es Nürnberg verpasst, sich seiner Stadtmauer zu entledigen.
Im Gegenteil: Nach großflächiger Zerstörung im Zweiten Weltkrieg habe die Kommune ihre Mauer sogar wieder aufgebaut und plane gerade, diese für zehn Millionen Euro zu sanieren. Lindemann glaubt, einen "kreativen Exodus" in Nürnberg erkannt zu haben, der sich womöglich noch verschärfe - und zwar trotz oder sogar wegen der Bewerbung als Kulturhauptstadt, die die kulturelle Off-Szene zu übergehen drohe. Lindemann ist da schonungslos: "Die Dagebliebenen werden mit Ritterfestspielen und hirnlosen Events wie der Blauen Nacht ruhiggestellt." Also: Die Mauer muss weg und Luft muss rein.
Bis Mittwoch haben die Kulturaktivisten der Stadt Zeit gegeben, die Umgrenzung aus freien Stücken niederzureißen. Um Mitternacht läuft das Ultimatum ab. Das Ganze ist zwar unschwer als Satire zu erkennen, ebenso wie die "Regionäre Bewegung" der Kollegen, die mit schlichter Eigenleistung als Persiflage auf die "Identitäre Bewegung" zu erkennen wäre. Weil aber geübte Netz-Kommentatoren offenbar konsequent Ironie-Resistenz unter Beweis stellen wollen, sorgt die Aktion gerade für stadtmauerdicke Empörung. Nobilitiert wurde das Werk noch von Nürnbergs Bürgermeister Christian Vogel, der auf Facebook mit heiligem Ernst klarzustellen sich veranlasst sah: "In Nürnberg soll und wird es auch in den nächsten 900 Jahren diese Stadtmauer geben. Dafür gilt es zu arbeiten." Von solchen Reaktionen, sagt Lindemann, habe er nicht zu träumen gewagt.

