Die Salzburger Festspiele locken Jahr für Jahr Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Welt an. Meist kommen sie für mehrere Tage und freuen sich auf ein prall gefülltes Abendprogramm mit Oper, Konzert und Theater – allen voran dem berühmten „Jedermann“ auf dem Domplatz. Doch was ist während der Salzburger Festspiele vom 18. Juli bis 31. August in der Kunst so alles geboten? Was läuft auf dem Mönchsberg oder im Rupertinum? Was hat das Museum Kunst der Verlorenen Generation oder der Kunstverein zu bieten, was diverse Galerien? Ein paar Ausstellungstipps zur Festspielzeit.
Mönchsberg

Kein Salzburg-Besuch ohne einen Besuch im Museum der Moderne auf dem Mönchsberg. Dort sind wie immer gleich mehrere Ausstellungen zu sehen. Da ist zum einen Entropic Empire von Rob Voerman. Düstere Architekturen, die von dystopischen und utopischen Vorstellungen geprägt sind und zugleich auf ein Leben nach dem Untergang verweisen. Das ist der immersive Kosmos des 1966 geborenen niederländischen Künstlers. Viele seiner begehbaren Werke wirken chaotisch, experimentell, temporär, aber im Innern muten sie mitunter wie Schutzhöhlen an. Mit seinem Werk kritisiert er aus seiner Sicht fehlgeleitete Utopien der Moderne, hinterfragt Machtstrukturen und Konsumverhalten. Er zeigt aber auch eine Welt, in der Zerfall nicht nur Zerstörung bedeutet, sondern zugleich den Nährboden für neues Wachstum bildet.

Im Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Zukunft steht auch eine zweite Ausstellung: Cascade von Nika Neelova. Wie eine Reise durch Raum und Zeit entfaltet die 1987 in Moskau geborene, seit 2008 in London lebende Künstlerin ihre poetische, vielschichtige Welt auf dem Mönchsberg. Dazu kombiniert sie Werke anderer Künstler, antike Artefakte und rituelle Objekte mit ihren eigenen Arbeiten, greift das materielle Erbe Salzburgs auf, insbesondere seine Geschichte der Salzgewinnung, und inszeniert alchemistische Transformationen zwischen den Räumen. Hinter jeder Ecke, um die man biegt, entfaltet sich ein neuer Zusammenhang. Cascade wirkt wie ein Glossar einer nicht enden wollenden Faszination für die Welt, die der Betrachter spielerisch erkunden soll.
Faszinierend und ein großer Spaß ist auch der interaktive Art-o-Mat des Museums, den es in der Ausstellung Cascade im Ausstellungskapitel „Prophezeiung“ zu entdecken gilt. Die KI-gestützte Zeichenmaschine macht künstliche Intelligenz auf spielerische Weise erfahrbar. Entwickelt wurde der Art-o-Mat vom Museum der Moderne in Zusammenarbeit mit der Ars Electronica Linz. Kritzelt man irgendwas aufs Papier, zaubert der Art-o-Mat nach dem Einscannen hochästhetische Linien- und Formengebilde daraus. Ein stark abstrahierter Schweinchenkopf hingegen wurde im Selbstversuch erst in eine strahlende Coronaform übersetzt und verwandelte sich dann wundersamerweise in eine strenge, vertikale Struktur. Denn entweder wird die Zeichnung durch den Art-o-Mat reduziert oder realistischer ausgestaltet. Das Ergebnis ist also nicht nur überraschend, sondern wirft auch Fragen auf: Ist das Ergebnis Zufall oder Berechnung? Und wem gehört am Ende das Bild?

Visuelle Rätsel prägen das Werk von Jacqueline Mesmaeker. Die Ausstellung Secret Outlines, die schon seit Frühjahr läuft und im Spätsommer endet, ist die erste große internationale Einzelpräsentation der 2023 gestorbenen belgischen Künstlerin. Die Retrospektive des Museums der Moderne auf dem Mönchsberg zeigt eine Auswahl zentraler Werke aus den fünf Jahrzehnten, von 1974 bis 2023. Wer so viel Kunst gesehen hat, sollte sich mit einem Kaffee auf der Terrasse mit Blick über Salzburg belohnen. Museum wie Restaurant haben während der Festspielzeit im Sommer jeden Tag geöffnet.
Museum der Moderne auf dem Mönchsberg: Rob Voerman: Entropic Empire, bis 15. März 2026; Nika Neelova: Cascade, bis 12. April 2026; Jacqueline Mesmaeker: Secret Outlines, bis 14. September 2025
Rupertinum

Auch im Rupertinum in der Salzburger Altstadt, wo das Museum der Moderne einen weiteren Standort unterhält, gibt es mehrere Ausstellungen zu sehen. Mit Slice of Life: Von Beckmann bis Jungwirth zeigt das Museum viele Werke aus der Sammlung, die als Reaktion auf innere und äußere Ausnahmesituationen entstanden sind. Kunst als Zufluchtsort, als künstlerische Auseinandersetzung in Zeiten des äußeren und inneren Umbruchs und existenzieller Bedrohungen. Aktueller geht es ja kaum.
Das reicht von Beckmann und Kirchner: Erster Weltkrieg, Nervenzusammenbruch. Über Feininger, Thöny, Lasker-Schüler, Hundertwasser und andere: NS-Zeit, Bedrohung, Verschwinden, Emigration. Bis hin zu denen, die sich gegen alle Widerstände innerhalb der Kunstszene durchsetzten – wenngleich oft erst spät: Maria Lassnig, Martha Jungwirth, Florentina Pakosta. Und dann findet sich in diesem Reigen noch eine ganz aktuelle, junge, feministische Position, die künstlerisches Handeln als Selbstermächtigung und auch als lebensrettende Funktion betrachtet: die Münchner Malerin Sophia Süßmilch, die mit ihren provozierend-offenen Darstellungen Schönheitsideale und Geschlechterrollen hinterfragt.
In diesen Zusammenhang passt auch die Sideshow im oberen Stockwerk. Dort stehen sich Arbeiten von Judith Barry und Martha Rosler in der Ausstellung Schaulust gegenüber.

Weit tiefer in die Vergangenheit – man ist fast versucht zu sagen „die gut alte Zeit“, die ja dann doch gar nicht so gut war – geht es in der Ausstellung Bilderwende. Zeitenwende. Diese große historische Fotoausstellung ist ein Gastspiel des Salzburg Museums und dem Umstand zu verdanken, dass das Haupthaus in der Neuen Residenz derzeit baubedingt geschlossen ist. Die Ausstellung führt in die Geschichte der frühen Fotografie in Salzburg zwischen 1839 und 1877. Zu sehen sind Landschaften, Stadtansichten, Genre- und Porträtfotos. Eine Zeitreise in Schwarz-Weiß und Sepia.
Rupertinum / Museum der Moderne (Altstadt): Slice of Life: Von Beckmann bis Jungwirth; Schaulust: Judith Barry – Martha Rosler; Bilderwende. Zeitenwende: Geschichte der frühen Fotografie in Salzburg 1839–1877, alle bis 19. Oktober 2025
Museum Kunst der Verlorenen Generation

Das privat geführte und gemeinnützige Museum Kunst der Verlorenen Generation des Mediziners, Sammlers und Museumsgründers Heinz R. Böhme widmet sich der Kunst einer Generation, die in der NS-Zeit zensiert, verboten oder als „entartet“ gebrandmarkt wurde, deren Schöpfer oft vertrieben und meist vergessen wurden. Denn nur wenige konnten nach 1945 an frühere Erfolge anknüpfen oder sich eine neue Stimme verschaffen. Sie wiederzuentdecken und sichtbar zu machen, hat sich Böhme, dessen Sammlung inzwischen etwa 700 Werke umfasst, zum Ziel gesetzt.
In der aktuellen Ausstellung Reflected. Kunst als Spiegel der Gesellschaft wird anhand von 40 Exponaten und in vier Kapiteln ein Stück Zeitgeschichte aufgerollt und gesellschaftliche Einblicke eröffnet. Bilder des öffentlichen Lebens führen Glanz und Schatten jener Zeit vor. Beides raffiniert vereint und dargestellt in dem Gemälde „Spiegelkabinett“ von Rudolf Wilhelm Heinisch von 1928. Momente der Begegnung und Entfremdung werden sichtbar in Bildern aus der Großstadt, ganz wunderbar zu sehen in der „Straßenszene mit Gepäckmann“ von Karl Tratt aus dem Jahr 1932. Sozialkritische Porträts zeigen oft Alter und Armut, aber auch herannahende gesellschaftliche Umbrüche.
Krieg, Politik und Zeitgeschehen kommen oft in einer politischen und symbolischen Bildsprache zum Ausdruck. Bruno Voigt etwa, der ins Visier der SA geriet und eine Gestalt am Hakenkreuz darstellte. Oder das „Siegesporträt“ von Alfred Schwarzschild, der sich nach der Kapitulation Deutschlands auf einem zusammengekrümmten Diktator Hitler sitzen sieht. Dazu wird wie immer ein Begleitheft angeboten. Und wer tiefer in die Geschichte der Sammlung einsteigen will, hat in dem Salon, der als Lesesaal dient, dazu Gelegenheit.
Reflected. Kunst als Spiegel der Gesellschaft, bis 27. September 2025, Museum der Verlorenen Generation, Siegmund-Haffner-Gasse 12
Kunstverein

Zwei neue Ausstellungen werden am 25. Juli im Kunstverein eröffnet: „School of Seeing“ von Laila Shawa und „thousands of small explosions at the same time“ von Esben Weile Kjærs. Manipulation der Oberfläche und Deepfake sind zwei der Themen, mit denen der 1992 in Kopenhagen geborene Weile Kjær arbeitet. In Ko-Produktion mit den Salzburger Festspielen hat er eine Performance entwickelt, die im Kunstverein und zuvor schon beim Salzburger Fest zur Festspieleröffnung gezeigt wird. Für die Hauptausstellung im Kunstverein hat Weile Kjær ein skulpturales Szenario geschaffen, in dem Rokoko-Dekadenz auf digitale Reizüberflutung trifft.
Außerdem schlägt er einen Bogen zur Ausstellung von Laila Shawa im Studio nebenan. In ihrem mitunter als „Islamo-Pop“ bezeichneten Stil trifft islamische Ornamentik auf westliche Pop-Art, byzantinische Kalligrafie steht neben Graffiti-Tags. Die palästinensische Künstlerin, deren Leben zwischen Gaza, Kairo, Rom, Beirut und London verlief und die 2022 in London starb, besuchte in den Sechzigerjahren die legendäre Sommerakademie „Schule des Sehens“ von Oskar Kokoschka in Salzburg. Daher rührt auch der Titel ihrer Ausstellung. Trotz aller Buntheit und mitunter Zartheit: In allen ihren Arbeiten setzte sich Shawa kritisch mit Systemen der Gewalt auseinander, seien sie patriarchalisch, kolonial, militärisch oder religiös. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Laila Shawa: School of Seeing / Esben Weile Kjær: thousands of small explosions at the same time, 26. Juli bis 14. September 2025, Kunstverein, Hellbrunner Straße 3
Heimatwerk und Schloss Leopoldskron

In Amerika kennt sie fast jeder: die singende Familie Trapp. Berühmt gemacht hat sie der Hollywood-Film „The Sound of Music“, der vor 60 Jahren in die amerikanischen Kinos kam. Eine Sonderausstellung des Salzburg Museums im Salzburger Heimatwerk würdigt dieses Jubiläum und die Verbindung der Familie Trapp zur österreichischen Tracht mit der Ausstellung Dirndl meets Hollywood. Gezeigt werden Exponate aus der Sammlung Roger Pluijm, Objekte der Familie Trapp aus der Sammlung des Salzburg Museums sowie Dirndl und Korrespondenzen des Salzburger Heimatwerks.
Außerdem ist auf Schloss Leopoldskron unter dem Titel Sound of Music Salzburg eine kleine Ausstellung zu sehen, die eine Vorschau auf das „Sound of Music“-Museum ist, das 2026 in Hellbrunn eröffnet werden soll. Auch sie gibt Einblick in die Familiengeschichte der Trapps und in den Hollywood-Mythos, der nun seit 60 Jahren lebt. Die Ausstellung - ebenfalls ein Gastspiel des Salzburg Museums - ist nur bei einer der raren öffentlichen Führungen zwischen dem 30. Juli und dem 23. Dezember zu sehen, Anmeldung erforderlich.
Dirndl meets Hollywood, bis 6. September 2025, Salzburger Heimatwerk, Residenzplatz 9; Sound of Music Salzburg – Einblick und Ausblick, Schloss Leopoldskron, bis 23. Dezember
Leica Galerie

Auch für Freunde der Fotografie ist etwas in Salzburg geboten: die Ausstellung „Zwei Freunde – Erwitt und Hoepker“ in der Leica Galerie. Sie ist eine Hommage an Elliott Erwitt, Meister der Streetphotography, und Thomas Hoepker, Ikone des dokumentarischen Bildjournalismus, und wird am 17. Juli eröffnet. Beide Fotografen, die in den vergangenen beiden Jahren kurz hintereinander starben, waren Mitglieder der legendären Magnum Fotoagentur. Doch verbunden hat sie mehr: eine über Jahrzehnte gewachsene Freundschaft, getragen von Wertschätzung, Humor und der Überzeugung, dass Fotografie mehr ist als ein Abbild der Welt - nämlich ein Kommentar zu ihr.
Zwei Freunde: Erwitt und Hoepker. Eine Hommage an zwei Ikonen der Leica Fotografie, 18. Juli bis 27. September 2025, Leica Galerie, Gaisbergstraße 12
Galerie Ropac

Immer ein lohnenswertes Ziel in Salzburg ist auch die Galerie Thaddaeus Ropac. Neben einem der schönsten Blicke auf den Mirabellgarten, gibt es hier in der Villa Kast von 25. Juli an neue Ausstellungen von Daniel Richter und Hans Hollein zu sehen. Richters im vergangenen Jahr entstandene Arbeiten knallen vor Dynamik und Farbe, bewegen sich zwischen Figuration und Abstraktion. Unter dem Titel „Mit elben Birnen“ sind chaotische Verflechtungen fragmentarischer Körper in hellen, beinahe bonbonfarbenen Tönen zu sehen. Große Gesten, große Formate. Die zweite Ausstellung würdigt das Werk des österreichischen Architekten und Pritzker-Preisträgers Hans Hollein, dessen Aussage „Alles ist Architektur“ berühmt wurde. Seine Zeichnungen, konzeptuellen Arbeiten und Objekte aus den 1960er-Jahren, in denen Raum, Baukörper, Stadt und Kommunikation neu gedacht werden, zeugen von Holleins herausragender Stellung.
Daniel Richter: Mit elben Birnen; Hans Hollein: Works from the 1960s, 26. Juli bis 27. September 2025, Galerie Thaddaeus Ropac, Villa Kast, Mirabellplatz 2

