Salafisten-Szene Terror aus Bayern

570 Personen werden in Bayern als Salafisten klassifiziert, 40von ihnen reisten in den vergangenen Monaten als Kämpfer nach Syrien aus oder planen die Ausreise noch.

(Foto: SZ)

Keine andere islamistische Bewegung in Bayern wächst so stark wie der Salafismus - und keine ist schwerer zu greifen. 80 Kämpfer könnten in den vergangenen Monaten nach Syrien gereist sein. Mit dem Verfassungsschutz spielen die Aktivisten Katz und Maus.

Von Sarah Kanning und Wolfgang Wittl

Es ist ein Nachmittag im Zeichen von Milde und Güte. Freitag, halb zwei Uhr, eine Wohnsiedlung in Schwandorf. Imam Anas F. bereitet sich auf das Gebet vor. Knapp 30 Zuhörer werden gleich seinen Worten folgen, die meisten tragen Freizeitkleidung. Nur wenige haben den traditionellen Thawb angelegt, ein knöchellanges, weißes Gewand. Anas F., ein junger Mann mit Bart und Brille, betet erst auf Arabisch, dann auf Deutsch.

Er spricht von den Tugenden der Milde und Güte, von der Aufgabe, "diese moralischen Werte wiederzubeleben". Gerne könne auch ein Journalist dem Gebet beiwohnen, sagt der Mann, man habe nichts zu verbergen. Er lächelt, schüttelt Hände. Ein netter Kerl. Oder doch nicht?

570 Personen werden in Bayern als Salafisten klassifiziert

Für Bayerns Verfassungsschützer ist der freundliche Imam, der auch in Bayreuth so engagiert über Barmherzigkeit spricht, eine Gefahr für "die freiheitliche demokratische Grundordnung". Sie verdächtigen ihn, dass er islamistische Kämpfer rekrutieren wollte. Anas F. weist die Vorwürfe als haltlos zurück. Seit März läuft gegen den Marokkaner, der mit einer Deutschen verheiratet ist, ein Ausweisungsverfahren - als "Gefährder" soll er nach Willen der Verfassungsschützer das Land rasch verlassen. Einen ersten Antrag im Eilverfahren hat das Verwaltungsgericht Bayreuth abgelehnt.

Keine andere islamistische Bewegung in Bayern wächst so dynamisch wie der Salafismus - und keine ist schwerer zu greifen. Aus Reihen der Salafisten stammen die terroristischen Kämpfer für den Islamischen Staat (IS) in Syrien und im Irak. Auch die Attentäter des 11. September 2001 waren Salafisten. 570 Personen werden in Bayern als Salafisten klassifiziert, 40 von ihnen reisten in den vergangenen Monaten als Kämpfer nach Syrien aus oder planen die Ausreise noch. Die Dunkelziffer aber könnte Schätzungen zufolge doppelt so hoch sein.

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Einer von denen, die den Weg der Radikalisierung bis zum tödlichen Ende gingen, war der 18 Jahre alte David G. aus Kempten. Der Konvertit ist einer von den mindestens drei Männern aus Bayern, die bisher in Syrien starben. Im Internet fand er den Gott, nach dem er so sehr gesucht hatte, wie ein Verwandter im Fernsehen berichtete. Zuvor war er einige Male in die Kemptener Moschee der Türkisch-Islamischen Union (Ditib) gegangen. Dort geriet der junge Mann bald mit moderaten Muslimen in Streit, er soll al-Kaida gepriesen und die Islam-Auslegung der Moschee als "unislamisch" geschmäht haben. Er knüpfte Kontakte zur salafistischen Szene in Nordrhein-Westfalen, die als die stärkste und radikalste in Deutschland gilt, reiste im September 2013 in den Krieg nach Syrien - und starb im Januar 2014. Eine typische Vita?

"Es gibt keine typische Radikalisierung", sagt Markus Schäfert vom bayerischen Verfassungsschutz. Viele Wege führen zum Terrorismus: das Internet, jemand, der einen anspricht, oder sogar ein Gefängnisaufenthalt, wo Salafisten versuchen, Einfluss auf Mithäftlinge zu nehmen. Derzeit kursieren im Internet Fotos von einem jungen Mann, offenbar aus München, welche ihn als IS-Kämpfer im Nahen Osten zeigen sollen. Er sei gekommen, heißt es sinngemäß in begleitenden Worten, "um von den Ungläubigen, von den Babymördern, von den Vergewaltigern unserer Schwestern Rache für unsere gefolterten Geschwister zu nehmen".

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Die Kemptener Ditib-Moschee legt Wert darauf, dass sich David G. aus dem Allgäu nicht bei ihnen radikalisiert habe. Aber dass es vielleicht ein Fehler war, ihn ziehen zu lassen, statt ihn stärker einzubinden, deutet der Dialogbeauftragte des Vereins, Bekir Alboga, an. "Ich habe spät davon erfahren, zu spät, da liefen die Tränen schon. Wenn ich so etwas höre, gehe ich hin, spreche die Person an, auf Deutsch, Türkisch oder Arabisch." Ditib vertritt ein Islamverständnis, das sich mit der türkischen Variante des Laizismus arrangiert hat und in Deutschland anerkannt ist.

Nun will der Verein gegen die Radikalisierung kämpfen. "Die Ideologen sprechen die Jugendlichen an und sagen ihnen, dass sie ihre Sünden wieder gut machen müssen. Wir müssen den jungen Leuten klarmachen, dass Gott barmherzig ist und für Vergebung nicht fordert, dass sich irgendjemand irgendwo auf der Welt in die Luft sprengt." Die meisten, die ausreisen, kämpfen für eine Religion, die in ihrer Familie zuvor nur mäßig praktiziert wurde. Oder es sind Konvertiten, wie etwa David G., der den Islam irgendwann zu seiner Religion wählte. Gerade die Jungen, die kein Arabisch können und noch nie eine Waffe in der Hand gehalten haben, "werden als Kanonenfutter relativ schnell an die Front geschickt", sagt Verfassungsschutzmann Schäfert.