Ruth Maria Kubitschek:Das ewige Spatzl

Ruth Maria Kubitschek

Bekommt den Ehrenpreis für ihr Lebenswerk: Ruth Maria Kubitschek.

(Foto: Fabian Bimmer/dpa)

"Wollen Sie mal meine Beine sehen?" Die Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek hat dem deutschen Fernsehen einige unvergessliche Szenen wie diese aus der Serie "Kir Royal" beschert. Dafür wird sie mit dem Ehrenpreis des Bayerischen Fernsehpreises ausgezeichnet. Erinnerungen an ihre schönsten Szenen.

Von Philipp Crone, Christian Mayer und Franz Kotteder

Ruth Maria Kubitschek wird an diesem Freitag mit dem Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten ausgezeichnet. Sie hat dem deutschen Fernsehen unvergessliche Filmmomente beschert, vor allem in den Serien "Monaco Franze" und "Kir Royal" des Regisseurs Helmut Dietl. Wie sie als Freundin der Hochkultur den Vorstadt-Stenz erträgt, der es mit der Treue nicht so ernst nimmt. Doch Kubitschek, das "Spatzl", weiß sich zu wehren. Auch als Verlegerin Friederike von Unruh in "Kir Royal". Kubitschek verleihe ihren Figuren Stil, Haltung und Grandezza, so begründet die Jury den Ehrenpreis für die deutsch-schweizerische Schauspielerin, die 1931 im böhmischen Komotau zur Welt kam. Hier noch einmal ihre schönsten Szenen.

Kir Royal: Haffenloher ruft an

Woher nimmt Frau von Unruh nur ihre Seelenruhe? Da sind doch höhere Mächte am Werk! Als der schwerreiche Kleberfabrikant Haffenloher vom Baby ausgestoßen wird, gleich in Folge eins, ruft er schwer gekränkt bei der Verlegerin an. Um zwei Uhr morgens. Da ist von Unruh "mitten in einer Sitzung", der spirituelle Zirkel muss für einen Moment unterbrochen werden, als Kubitschek im Kerzenschein ans Telefon tritt und im vollendeten Duktus der Upper Class dem volltrunkenen Generaldirektor zuhört. Regisseur Dietl blendet das Gespräch aus, bevor man mit anhören kann, das sich die werte Dame dann doch auf einen ganz unfeinen Deal einlässt. Anzeigen in der Zeitung gegen eine Geschichte, aber das wenigstens mit Stil.

Monaco Franze: Erste Folge

Zauberhaft, dieser Einstieg. So muss eine Ouvertüre sein: Das Leitmotiv klingt an, aber es bleibt Raum für Entwicklungen, Verwicklungen. Allererste Szene im "Monaco Franze": Das Spatzl will, dass der Franz endlich mal innehält für das Porträt, das sie gerade von ihm malt. Aber der Franz will ja gar nicht porträtiert werden, er braucht das ganze Theater nicht, die Kultur, die Kunst, die bessere Gesellschaft. Das Spatzl ist da unerbittlich, ihre Stimme klingt nur scheinbar sanftmütig-milde: "Jetzt hast du den richtigen Ausdruck, genau den wollt ich. Nicht verändern - bleib so!" Den letzten Satz flüstert sie fast, es ist eine augenzwinkernde Beschwörung. Wenn man Ruth Maria Kubitschek in dieser Szene zusieht, ist man gleich hingerissen: Diese Frau kennt den Typ Mann, den sie vor sich hat, auch wenn sie manche Dinge lieber nicht genau wissen will. Und sie weiß, wie man einen charmanten Abenteurer behandeln muss: nicht zu hart, sonst rennt er weg, nicht zu weich, sonst fühlt er sich noch mehr animiert. Die Kubitschek hat fast alles im Griff in diesem Moment, das genießt sie sichtlich.

Ruth Maria Kubitschek und Helmut Fischer.

Kult-Ehepaar in der Serie "Monaco Franze": Ruth Maria Kubitschek und Helmut Fischer

(Foto: dpa)

Monaco Franze: Aschermittwoch

Wie hält es eine Dame wie Annette von Soettingen nur mit diesem Mann aus? Irgendwie doch ganz gut, dafür dass der Monaco Franze ein leichtsinniger Schwerenöter ist, ein Verführer und Verführter, immer bereit zu neuen Abenteuern. Um so großartiger, wie die Verhältnisse kippen können. In der Folge "Der Herr der sieben Meere" kehrt das Spatzl nach einem tagelangen Streifzug durch den Münchner Fasching ins gemeinsame Heim zurück, es ist eine Art Triumphzug. Ruth-Maria Kubitschek trägt ein blau-weißes Matrosen-Oberteil, das nur die eine Schulter bedeckt. Sie lächelt ganz und gar nicht verlegen, sie weiß, dass sie sexy ist. Offenbar hatte sie eine tolle Nacht. Die Haushälterin stellt den gedünsteten Fisch auf den Tisch. "Fischers Fritz fischt frische Fische", sagt das Spatzl belustigt, und der Monaco ist konsterniert. "Du hast ja ein ganz anderes Kostüm." - "Ich weiß, Liebling." - "Wo hast du denn das her?" - "Ich weiß nicht, Liebling." Alles in diesen Blicken, in diesen Worten ist zweideutig. Hat sie ihn betrogen? Ist das alles nur ein Spiel? Ist sie Herrin ihrer Sinne? Eines ist klar: Die Kubitschek macht das großartig.

Kir Royal: Essiggurken

Wie Friederike von Unruh auf den Handkuss vom Baby runterschaut und die Frage beantwortet, ob sie schon reich geboren wurde. "Ja ja wieso?" Kubitschek verbindet Unschuld mit Überheblichkeit, die Selbstverständlichkeit eines Handkusses mit dem leichten Schauder, weil er von einem Klatschreporter kommt. Minimale Mimik, leicht gelangweilter Blick. "Essiggurken?", fragt sie, als Baby erklärt, in welch ärmlichen Verhältnissen er aufgewachsen ist, dass man die Fenster nur sonntags aufmachen konnte, weil im Erdgeschoss eine Essiggurkenfabrik war. In Folge drei will Baby auch zu denen gehören, über die er schreibt und zu denen Frau von Unruh sich selbst zählt. Empört legt sie ihren Golfschläger aus der Hand, mit dem sie gerade im Büro das Putten übt, als Baby dazukommt. Es sind nur Nuancen in ihrem Gesicht und in der Stimme, die ihre Erregung verraten.

Kir Royal: Ohnmacht

Es ist die schwerste Stunde für Friederike von Unruh. Die Kathi, Prinzessin aus Mandalia, plant nach Babys Recherchen einen Völkermord in ihrem Land, und die versammelte Münchner Hochgesellschaft, die beim Empfang des Ministerpräsidenten gerade den Gast aus Mandalia gerade gehörig hochleben lassen will, wird von den Rufen der Zeitungsausträger überrascht. "Kathi plant Völkermord!" Die Gäste drehen der Verlegerin den Rücken zu, die prompt in Ohnmacht fällt. Mit glasigen Augen erzählt sie am folgenden Tag von der Schmach. "Die Gesellschaft hat sich abgewendet von mir." Bloßgestellt, entehrt. Tränen, die man sieht, die aber nicht fließen. Die Kubitschek zeigt selbst im Moment der größten Niederlage, wie man seine Würde bewahrt; und selbst wenn sie gebrochen ist, hat ihre Figur immer noch etwas Majestätisches.

Monaco Franze: Nach der Oper

Frauen kennen so was ja: dass Männer allzu direkt werden und sich sehr danebenbenehmen. Zum Beispiel der Monaco Franze nach dem Opernbesuch im Weinlokal, als er den Schwätzer Dr. Schönfärber frontal angeht. Wie elegant da die Soettingen das Thema wechselt, indem sie gleich selbst eine neue Front eröffnet: "Olga hat heute überhaupt noch nichts gesagt. Was meinst denn du, Olga?" Anfangs verteidigt sie noch den Dirigenten der Opernaufführung gegen die forschen Urteile ihres Mannes: "Franz, das war der große alte Wedelstätt!" Und allein, dass sie bei diesem Namen nicht lachen muss, zeigt schon die große schauspielerische Kunst der Kubitschek. Ihre Sympathie gehört trotz aller Entgleisungen doch dem Monaco und nicht dem Dr. Schönfärber, das sieht man während der ganzen Szene, und eigentlich hätte man fast ein Ja erwartet, als sie der Franz nach Schönfärbers Wutausbruch fragt: "Ich glaub, jetzt schmier i ihm gleich oane! Soll ich ihm eine schmiern, Spatzl?"

Kir Royal: Krampfadern

"Wollen Sie mal meine Beine sehen?" Die Frage wirft Baby kurz aus der Bahn. Aber Frau von Unruh will den Klatschreporter ja nicht mit ihren Beinen beeindrucken, sondern zeigen, dass sie zum erlauchten Kreis der Schönen und Reichen gehört. Auch sie hat sich beim Krampfadernpapst Androsch behandeln lassen, dem Mann, bei dem die Prominenz Schlange steht. Sie, die Frau fürs Feine, liebt ihren Mann fürs Grobe, dem sie erzählt: "Ausgesehen habe ich wie meine eigene Putzfrau", vor der Behandlung der Krampfadern. Hier die Prominenten, da die Putzfrau. Und von Unruh gehört zu ersteren. Voller Stolz schreitet sie ein paar Minuten später neben dem Ministerpräsidenten zum Empfang. Als erhabene Diva, verführerisch und distanziert, hinreißend und tugendhaft - Kubitschek spielt sich eben immer auch ein wenig selbst.

© SZ vom 17.05.2013/wolf
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