Rüstungsindustrie und Universitäten Gute Forschung - böse Forschung?

Tatsächlich ist die Mehrzahl der Forschungsergebnisse sowohl zivil als auch militärisch nutzbar - Dual Use. Schon immer war die Kriegsindustrie ein wesentlicher Motor für technischen Fortschritt. Von der Schiffsschraube über das Düsenflugzeug bis zur Carbonfaser: Der leichte Werkstoff Carbon macht Autos leichter und hilft, Energie zu sparen, könnte aber auch Kampfdrohnen wendiger und fürs Radar unsichtbar machen. Und wer denkt schon daran, dass er sein Navi im Auto der Kriegsforschung verdankt?

Die wachsende Abhängigkeit der Hochschulen von Drittmitteln führt dazu, dass man Aufträge nimmt, egal, woher sie kommen. Für den Grünen-Politiker Sepp Dürr ist dieser Zustand nicht hinnehmbar. Der Staat müsse die Hochschulen besser finanzieren, um sie von Drittmitteln unabhängiger zu machen. "Ich möchte nicht, dass wir unseren Wohlstand Krieg und Elend in anderen Ländern verdanken", sagt er. Er spricht von einem Geflecht aus Rüstungsindustrie und Forschung, das sich über Bayern gelegt habe, und fordert Transparenz. "Die Hochschulen müssen ausweisen, für wen und an was sie forschen, wenn es keine gewichtigen Gründe dagegen gibt."

"Wir wollen eine kritische Auseinandersetzung"

Mehr Transparenz fordern auch Studenten. In Augsburg sind sie seit längerem alarmiert. Direkt neben ihrer Uni wächst der "Innovationspark" hoch, an dem sich Luftfahrt- und Rüstungsfirmen wie Eurocopter, MT Aerospace und Premium Aerotec beteiligen. "Die Friedensstadt Augsburg ist schon jetzt einer der Hauptstandorte der Rüstungsproduktion. Den wissenschaftlichen Nachwuchs soll die Universität liefern," sagt die Studentin Christine Kath.

Weil es in Augsburg offensichtlich ist, wie die Uni sich mit der Rüstungsindustrie verbündet, haben Studenten dort die "Initiative friedliche Uni Augsburg" gegründet und bemühen sich um die Verankerung einer Zivilklausel in der Grundordnung ihrer Uni - bisher ohne Erfolg. Uni-Präsidentin Sabine Doering-Manteuffel hat zwar Verständnis für ihre kritischen Fragen. Doch eine Zivilklausel lehnt sie ab. Die Unterscheidung "gute Forschung, böse Forschung" sei nicht so einfach zu treffen, weil die Grundlagenforschung vielen möglichen Anwendungen dienen könne.

Rüstungsindustrie Weiß-blaue Waffenschmieden
Rüstungsindustrie in Bayern

Weiß-blaue Waffenschmieden

Panzer, Munition, Hightech-Drohnen: In Bayern finden Machthaber alles, um einen Krieg zu verhindern - oder um ihn zu führen. Knapp 70 Rüstungsfirmen sind im Freistaat angesiedelt, darunter einige große Unternehmen und zahlreiche kleine Zulieferbetriebe.  Von Ralf Scharnitzky

Der Augsburger Friedensforscher Christoph Weller sagt, jeder müsse sich selbst fragen: Woher nehme ich Geld, woher nicht? Wenn aber wie in Augsburg die Industrie schicke Forschungsbauten vor den Campus stellt, mit Promotionen lockt und man sich im Einzelfall immer auf den Dual Use herausreden kann, sinkt die Hemmschwelle. "Dann nehmen sie alles an Aufträgen mit", befürchtet Dürr.

Die Idee einer Zivilklausel stammt aus der Zeit von Nachrüstungsdebatte und Friedensbewegung. An mehreren deutschen Hochschulen gibt es eine solche Selbstverpflichtung, auf Rüstungsaufträge zu verzichten, in Bayern bisher nicht. Neben den Augsburger Studenten haben sich auch die Passauer und Würzburger dafür ausgesprochen. Inzwischen hat sich auch ein landesweites "Bündnis für zivile Bildung und Wissenschaft" gegründet. Darin engagieren sich Gewerkschaftsmitglieder, Studenten und Mitarbeiter fast aller Hochschulen.

"Wir wollen eine kritische Auseinandersetzung über die gesellschaftliche Verantwortung von Bildungs- und Forschungseinrichtungen", sagt Daniel Gaittet, Studentenvertreter in Regensburg. Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle sagt, es sei zu begrüßen, wenn die Hochschulen Drittmittel bekämen. Ihre finanzielle Autonomie bedeute aber auch Verantwortung. Sie müssten selbst wissen, was sie vertreten könnten.

Rüstungsindustrie Wie Universitäten und Rüstungsindustrie kooperieren Bilder
Forschung in Bayern

Wie Universitäten und Rüstungsindustrie kooperieren

An welcher Uni forschen Doktoranden an neuen Drohnen? Wo werden Materialtests für die Bundeswehr durchgeführt? Und welcher Lehrstuhl profitiert von einem Zuschuss des Pentagon? Ein Überblick über Kooperationen zwischen Wissenschaft und Rüstungsindustrie.