Rückzug Kurzer Brief zum langen Abschied

Christine Haderthauer hat im Laufe ihrer politischen Karriere die Lager polarisiert, wie nur wenige andere in der Geschichte der CSU.

(Foto: Sven Hoppe)

Christine Haderthauer legt es auf nur einer Seite dar: Die CSU-Politikerin und ehemalige Chefin der Staatskanzlei kehrt der großen Politik den Rücken - nicht ganz freiwillig meinen manche.

Von Roman Deininger und Wolfgang Wittl

Eine einzige Seite, das war's also. Kein Anruf, kein persönliches Gespräch mit Vertrauten - nur diese eine Seite, mit der Christine Haderthauer, die einst als Hoffnung für allerhöchste Ämter in der CSU galt, Abschied nimmt von der großen Politik.

Sie, die mit Worten so scharf attackieren konnte, die als CSU-Generalsekretärin, als Sozialministerin und als Staatskanzleichefin die Leute mit nur einem Satz gegen sich aufbringen konnte, erklärt nun schriftlich, warum mit erst 54 Jahren die Zeit reif sei, "neue Herausforderungen zu suchen". Wobei, erklärt hat sie das nicht. Sie hat nur dargelegt, dass sie sich nach 15 Jahren nicht mehr als Ingolstädter Abgeordnete für die Landtagswahl 2018 aufstellen lassen wolle. Warum? Allein aus "persönlichen Interessen und Gründen".

Offiziell erzählt man in der Ingolstädter CSU die Geschichte vom freiwilligen Abschied einer Leistungsträgerin, den die Partei nur bedauern könne. Wahrscheinlicher ist aber, dass Haderthauer zum Abschied gedrängt wurde - und sogar froh sein kann, dass ihr noch die Möglichkeit eingeräumt wurde, ihn selbst zu erklären.

Zunächst sah es lange so aus, als könnte sich Haderthauer behaupten. Zumal Parteichef Horst Seehofer sie im Februar dieses Jahres für rehabilitiert erklärt hatte: Das Strafverfahren gegen sie, sagte er, sei so ausgegangen, "dass sie durchaus weiter Politik machen kann, aus meiner Sicht auch machen soll". Haderthauer war 2014 wegen der Modellbau-Affäre als Staatskanzleichefin zurückgetreten.

Die Betrugsermittlungen gegen sie wurden eingestellt, sie akzeptierte aber einen Strafbefehl. Selbst ein Comeback im Kabinett hatte der Ministerpräsident nicht ausgeschlossen, nachdem die CSU-Mehrheit im Untersuchungsausschuss die Vorwürfe gegen sie für widerlegt erklärt hatte. Haderthauer, hört man aus Ingolstadt, sei seitdem mit neuem Selbstbewusstsein unterwegs gewesen. Auch im Gespräch hatte man den Eindruck: Da will es eine noch mal wissen.

Vielleicht fühlte sie sich auch deshalb sicher, weil sich in der Ingolstädter CSU niemand mit Talent als Kandidat aufdrängte. Vielleicht war das aber alles schon Teil von Haderthauers Abwehrkampf. Mehreren Parteifreunden wurden 2014 Ambitionen nachgesagt, die Landtagskandidatur von ihr zu übernehmen.

In diesem Jahr nahm die Sache wieder Fahrt auf: In Zeiten, in denen die Ingolstädter CSU eh von Krisen geschüttelt werde, könne man sich eine angeschlagene Kandidatin nicht leisten, lautete das Argument ihrer Gegner. Haderthauer, so berichten Eingeweihte, habe dem Druck lange widerstanden - nun habe sie jedoch einsehen müssen, dass sie keine Mehrheit unter den Funktionären mehr hat.

Ein Liebling der Massen war Haderthauer nie in der CSU - weder im Land noch in ihrer Heimat. Dass sie sich dessen bewusst war, räumt sie in ihrem Rückzugsschreiben indirekt ein. Sie sei "nie eine 100-Prozent-Zustimmungperson" gewesen. Auch seien Teile der Ingolstädter CSU mit der "gschnappigen zugroasten Preißin", einer Quereinsteigerin, die sich nicht hochgedient habe, "auch in den guten Zeiten nie so richtig warm" geworden. Trotzdem habe man in schlechten Zeiten "professionelle Geschlossenheit walten lassen".

Ein Indiz für die weitere Entfremdung vom Kreisverband hatte sich im Mai ergeben: Haderthauers langjährige Mitarbeiterin Dorothea Soffner trat aus der CSU-Stadtratsfraktion aus. Soffner erhob schwere Vorwürfe gegen die Fraktionsführung: "Ich möchte überzeugt sein und nicht auf Linie gebürstet." Und sie wolle keine Entscheidungen mehr mittragen müssen, von denen sie glaube, dass sie nur dem Machterhalt Einzelner dienten. Als Stadträtin will Haderthauer indes weitermachen.

Drei Christsoziale sollen besonders an der Landtagskandidatur interessiert sein: Stadtrats-Fraktionschefin Patricia Klein; Christian Siebendritt, der Personalreferent der Stadt; und Alfred Grob, der Leiter der Ingolstädter Kripo und Vize-Kreischef der CSU. Die mächtigen Männer der Partei - OB Christian Lösel, Bürgermeister Albert Wittmann und Kreischef Hans Süßbauer - sollen eindringlich um eine diskrete Verständigung der Aspiranten gebeten haben.

Für die mit für Spitzenpositionen geeigneten Frauen nicht gesegnete CSU bedeute Haderthauers Abschied einen "großen Verlust", bedauert ihr Mentor Erwin Huber, der die Juristin 2007 als Parteichef überraschend zur Generalsekretärin befördert hatte. Denn: "Talente, die Verstandesschärfe, Redekunst und Wertekompass kombinieren, sind rar." 2011 stand sie kurz davor, Finanzministerin zu werden, ehe Markus Söder den Zuschlag bekam.

Freunde trauten ihr noch höhere Ämter zu. Andere finden, ihr Wertekompass habe in der Modellbauaffäre die Orientierung verloren. Zeitweise war sie als geschäftsführende Mitgesellschafterin einer Firma eingetragen, die von Straftätern in der Psychiatrie exklusive Modellautos bauen ließ. Ihr Kommentar dazu: Es handle sich um ein "von Idealismus getragenes Engagement finanzieller Art".