bedeckt München
vgwortpixel

Bayern:Zeit der Rücktritte

Ein blauer Koffer

Den Koffer packen wollen viele, doch nicht jeder, der zurücktreten will, schafft es auch.

(Foto: Getty Images)

Kramp-Karrenbauer, Marx, Klinsmann - sie alle haben entschieden, ihren Posten abzugeben. Doch ein Müllermeister aus Bach hatte es besonders schwer.

Es ist gerade eine Zeit der Rücktritte. Annegret Kramp-Karrenbauer will nicht mehr Kanzlerin werden, Kardinal Marx verzichtet auf den Vorsitz in der Deutschen Bischofskonferenz und Fußball-Trainer Jürgen Klinsmann legt sein Amt bei Hertha BSC Berlin nieder. Vielleicht hängt die grassierende Amtsmüdigkeit mit der komischen Wetterlage zusammen, vielleicht stehen auch die Sterne ungünstig, und überhaupt sind zurzeit viele so grantig. Bei einer Veranstaltung in Regensburg regte sich neulich ein Gast über den Ansager auf: "Ist ja wahr", schimpfte er, "wenn der dauernd Englisch redt und ist kaum ein Engländer da!" Immerhin trat der Ansager nicht zurück, aber vielleicht wollte er es und man hat nur sein Englisch nicht verstanden.

Rücktritte haben in Bayern eine lange Tradition. Mancher Abschied erfolgte freiwillig, mancher wurde erzwungen, und so manche Amtsmüde scheiterten mit ihrem Plan. Wer bei seinen Mitmenschen Vertrauen genießt, hat es schwer, wenn er zurücktreten will. Ein Paradebeispiel war der Müllermeister Barthl aus dem oberbayerischen Filialdorf Bach, der sich in der Pflege der dörflichen Geselligkeit oft hervorgetan und sich Verdienste um das Gemeinwohl erworben hatte. Auch deshalb hatte man ihm den 3. Vorsitz beim örtlichen Krieger- und Veteranenverein anvertraut, ein Ehrenamt, das im Wesentlichen mit der Pflicht verbunden war, die Wiederwahl bei der jährlichen Generalversammlung mit dem Wörtlein Ja anzunehmen.

Im fortgeschrittenen Alter verstärkte der Barthl sein Bemühen, den Posten des 3. Vorsitzenden abzugeben. Jahr für Jahr musste er aber feststellen, dass die Mitglieder mit seiner Amtsführung zufrieden waren und ihn regelmäßig bestätigten. "Barthl, ein Jahr machst es schon noch!", ermunterten sie ihn, woraufhin er in seiner Gutmütigkeit jedes Mal nachgab: "Na gut", sagte er, dann mach ich's halt noch ein Jahr!"

So ging das ewig weiter, der Barthl klagte über Überlastung, die Mitglieder redeten ihm das überzeugend aus, weshalb er bis zu seinem Hinscheiden im Amt verharrte. Wie ein langer ruhiger Fluss gleitet das Vereinsleben auf dem Land durch den Jahreslauf. Häufig beginnen im Lauf der Zeit Amt und Person zu verschmelzen. Ein Rücktritt ist dann nicht mehr vorgesehen.

© SZ vom 13.02.2020
Politik Thüringen Sieben Tage, die die Republik erschüttern

Thüringen und AKK

Sieben Tage, die die Republik erschüttern

Sie begann mit der Wahl des FDP-Politikers Kemmerich und endete mit Unklarheit in der CDU: die Chronik einer denkwürdigen Woche.   Von Lilith Volkert

Zur SZ-Startseite