Rücktritt als Ministerpräsident Horst Seehofer: "Es war eine wunderschöne Zeit"

Fast zehn Jahre lang war Horst Seehofer Ministerpräsident von Bayern.

(Foto: dpa)

Statt seinen Abschied groß zu zelebrieren, lädt Bayerns scheidender Ministerpräsident zu einer letzten Kabinettssitzung. Sogar sein Dauerrivale Söder findet warme Worte.

Von Lisa Schnell

Acht Kamerateams und sechs Fotografen säumen den Weg zur Staatskanzlei. Ein schwarzer Laster, beladen mit allerlei Leckereien eines Feinkostgeschäfts, fährt vor. Es sind schon die ersten Anzeichen, dass die letzte Kabinettssitzung von Horst Seehofer als Ministerpräsident nicht ganz so normal wird, wie er es angekündigt hatte. So selbstbewusst Seehofer auf seine fast zehnjährige Amtszeit zurückblickt, so bescheiden wollte er seinen Abschied gestalten.

Der einstige Ministerpräsident Edmund Stoiber lud das Kabinett zum Abschiednehmen in die Residenz mit Böllerschützen und allerlei Fußball-Prominenz. Seehofer lädt zur Kabinettssitzung wie jeden Dienstag. Keine Blumen, kein Geschenk, nur Obstsalat und Kaffee stehen auf dem Tisch. Zum Ehrentag hat Seehofer sich eine seiner weiß-blauen Krawatten umgebunden, das war's aber auch schon. Mit einem leisen Lächeln nimmt er das Blitzlichtgewitter hin, amüsiert sich kurz mit Staatskanzleichef Marcel Huber über all den Aufwand und sagt dann zu den Fotografen: "Sind Sie noch nicht fertig?" Und zu seinen Kollegen: "Ich begrüße euch zu unserer letzten Kabinettssitzung in dieser Formation." Nur "das Tagewerk erledigen", mehr stehe nicht auf dem Programm.

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Zwei Sätze verlor er dann in der Pressekonferenz zum "Tagewerk", viele Sätze mehr nutzte er zum Abschied, zum Dank an sein Kabinett und seine Mitarbeiter und für sein Vermächtnis. "Ich habe immer die kleinen Leute im Blick gehabt", sagt er. Die Balance zwischen Wirtschaft und Sozialem sei in Bayern gelungen. Als größten Erfolg sieht er die Aussöhnung mit Tschechien und die wirtschaftliche Lage Bayerns, die noch nie so gut gewesen sei. "Es war eine wunderschöne Zeit", sagt Seehofer.

Nach seiner größten Niederlage wurde er zwar auch gefragt, eine Antwort aber findet er nicht. Gerade denkt man daran, dass am Freitag mit Markus Söder der Mann Ministerpräsident werden soll, den Seehofer immer verhindern wollte, da sagt Seehofer: "Ich bin mit mir völlig im Reinen." Söder wünscht er "Gottes Segen" und "eine glückliche Hand". Die Zusammenarbeit werde "vernünftig" sein. Er will "alles versuchen", um es zu Söders Wahl am Freitag zu schaffen. Es könne aber auch sein, dass er schon Termine als Bundesinnenminister habe.

Es ist das Hintertürchen, ohne das kaum eine Ansprache von Seehofer auskommt. In letzter Zeit gilt das auch für einen kleinen Seitenhieb gegen die Fraktion. Er trete zurück, nicht weil es Bayern schlecht gehe, sondern wegen den Diskussionen in der Landtagsfraktion, sagt Seehofer. Aber in der CSU will man ja nach vorne blicken. Also betont Seehofer, er empfinde keinen Groll, keinen Trübsal, höchstens ein wenig Wehmut. Auch in Berlin werde er als Bundesinnenminister seinem Politikstil der "politischen Unruhe" treu bleiben, kündigt er noch an. Für Bayern aber heißt es für ihn: "Das Werk ist vollbracht."

"Abschiedsworte müssen kurz sein wie Liebeserklärungen", schrieb einst der Schriftsteller Theodor Fontane. Ganz so kurz waren Seehofers Abschiedsworte dann doch nicht und auch die Liebeserklärungen an den Abschiednehmenden fallen meist recht ausführlich aus und klingen von allen Seiten, auch von denen, die ihre Liebe erst spät entdeckten. "Zehn Jahre Horst Seehofer waren gute Jahre für Bayern", sagt Markus Söder, der nur noch drei Mal schlafen muss bis zu seinem großen Tag. "Sehr, sehr gute Jahre", fügt er noch an und nennt die letzte Kabinettssitzung Seehofers "ein bisschen historisch." Blicke er, Söder, zurück auf seine Zeit mit Seehofer, könne er nur den "ein oder anderen Moment" erkennen, "der nicht einfach war für uns beide". "Selbst dann, wenn man eine rosarote Brille aufsetzt, werden Eisbären nicht zu Himbeeren", sagte einst CSU-Urvater Franz Josef Strauß, aber das nur am Rande.

Ohne jegliche Brille kommt sicher Wirtschaftsministerin Ilse Aigner aus bei ihren Dankesworten. Seehofer habe Bayern in eine absolute Spitzenposition geführt und schwerste Krisen bewältigt von der Finanzkrise bis zum Schicksalsjahr 2015, als hunderttausende Flüchtlinge kamen, sagte Aigner während ihrer Würdigung im Kabinett.

Dort wurde es am Ende dann doch noch ein wenig feierlich. Während sie die Tagesordnung abarbeiteten, gab es Lachs und Rinderfilet und am Ende dann auch ein Glas Wein zum Anstoßen. Da bekam Seehofer, der partout keine Geschenke wollte, dann doch noch etwas mit: ein USB-Stick mit allen Kabinettssitzungsprotokollen der vergangenen zehn Jahre. Zum Nachlesen, wie ein Kabinettsmitglied sagt. Ob er sich während der Autofahrt nach Berlin diesen Dienstag in die etwa 400 Sitzungen der vergangenen zehn Jahre vertieft, bleibt Seehofers Geheimnis.

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