Rückkehr der Schallplatte Jagd nach dem Schwarzen Gold

Sie wurde schon für tot gehalten, begraben von der digitalen Revolution - doch jetzt erlebt die Schallplatte in München eine erstaunliche Renaissance: Sammler treibt ein spezieller Jagdeifer an. Sie gieren nach Exklusivität und ein bisschen auch nach Geld.

Von Marc Hoch

Rockmusik, nur echt auf Vinyl: Kenner schätzen den Sound von Bands wie AC/DC besonders, wenn sie ihn auf Schallplatte hören. Für seltene Platten zahlen Sammler schon mal ein kleines Vermögen.

(Foto: Catherina Hess)

Samstagmorgens um sechs wird der Wahnsinn lebendig: Auf dem Flohmarkt im Olympiapark haben gerade erst ein paar Stände aufgemacht, doch schon sind die Sammler wieder da und wühlen mit entschlossenen (manchmal auch feindseligen) Blicken nach Schallplatten. Es sind Menschen - immer Männer - aus allen Berufsschichten: Selbständige, Beamte, Akademiker, kleine Angestellte, Menschen, die ein sehr großes Einkommen haben und solche mit sehr kleinem. Sie alle eint eine Sucht, und diese Sucht befällt immer mehr: Das ist die Jagd nach Langspielplatten, dem wichtigsten Tonträger früherer Jahrzehnte, ganz schlicht: Vinyl.

Eine Million Schallplatten sollen in diesem Jahr in Deutschland verkauft werden, diese Schätzung hat vor wenigen Tagen der Bundesverband Musikindustrie veröffentlicht. Das wäre der höchste Jahresabsatz seit 15 Jahren. Mit einem Umsatzanstieg von knapp 40 Prozent konnte Vinyl im ersten Halbjahr 2012 bereits einen kräftigen Wachstumsschub verbuchen, und die Aussichten sind eindeutig positiv.

Für Außenstehende ist schwer nachvollziehbar, warum Schallplatten mehr sein sollen als der Beleg dafür, dass man oben einen sitzen hat. Sie wissen eben nicht, dass eine Original-Aufnahme oder eine moderne Pressung auf einem guten Plattenspieler zehnmal besser klingt als eine aseptische CD-Einspielung und erst recht ein MP3-File im Handy. Sie kennen nicht die Empfindung, mit der ein Sammler Elvis Presleys "Love me tender" auf der Original-Schellack von 1956 abspielt und Elvis schmelzende Stimme plötzlich durch den Raum schwebt, als stünde er vor einem.

Und sie haben noch nie die Cover-Kunst von Designern wie zum Beispiel Keef gesehen. Seine großformatigen Darstellungen rätselhafter Requisiten oder Personen in psychedelisch verfremdeter Landschaft aus den Siebzigerjahren sind außerordentlich eindrucksvoll: Keefs Klappcovers oder sogar Tripple-Foldout-Covers für Black Sabbath, David Bowie, Rod Stewart, Spring und Colosseum haben Pop-Geschichte geschrieben.

Durch und durch Kunst: Die Musik auf dem Tonträger und das Cover, das den Eifer vieler Sammler noch anheizt.

(Foto: )

Rückkehr zum Konkreten

Schallplatten-Sammler kämpfen mit ihrer Leidenschaft den aussichtslosen Kampf gegen die Verflüchtigung von Welt. Sie halten mit ihren kleinen Artefakten noch buchstäblich etwas in den Händen, was im Zeitalter des iPod immateriell und ungreifbar geworden ist. Mit ihren Hi-Fi-Anlagen und Schallplattenspielern erobern sie sich ein Stück Mechanik zurück, ein bisschen Bastelbude und Konkretheit, die beim Sound aus dem Handy fehlt. Das ist aber nur ein Grund, der dieses Hobby so faszinierend macht.

In München ist die Szene ausgeprägter und größer als in vielen anderen bayerischen Städten. Das hängt mit der großen Flohmarktdichte zusammen, die dank der Hinterhof- und Stadtteil-Saison im Sommer seit einigen Jahren noch größer geworden ist. Und es gibt die Spezialisten-Läden vor allem in Schwabing und Haidhausen. Diese können zwar mit ihren oft verworrenen Auslagen auf die Partnerinnen der Sammler abstoßend wirken, die Männer aber begeistern.

Doch trotz des nicht unbeträchtlichen Angebots: Ein Jagdrevier fehlt in München, und das ist eine wirklich bedeutende Schallplattenbörse von der Relevanz der LP-Messe im niederländischen Utrecht. In dieser Hinsicht hat München seit dem Ende der Börse auf der Schwanthalerhöhe einen tiefen Sprung.