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Corona-Ausbrüche in Bayern:Der allzu schnelle Zeigefinger

Sitzung des bayerischen Kabinetts

Ministerpräsident Markus Söder benannte eine einzelne Party als Ursprung im Corona-Hotspot Berchtesgadener Land. Eine Behauptung, die sich als nicht belegbar herausgestellt hat.

(Foto: dpa)

Wenn Infektionszahlen steigen, lassen sich rasch Schuldige finden. Im Landkreis Rottal-Inn geht der vorwurfsvolle Blick jetzt ins benachbarte Österreich, doch belegbar ist das nicht. Auch in der Vergangenheit waren Politiker oft zu voreilig.

Kommentar von Andreas Glas

Da ist er wieder, der Zeigefinger. Diesmal ist es der Finger des Landrats von Rottal-Inn, der über die Grenze nach Österreich zeigt, wo Michael Fahmüller (CSU) eine Ursache für die hohen Infektionszahlen sieht - dem Grund dafür, dass sein Landkreis nun einen Lockdown verfügt hat. Dass das Virus aus Österreich importiert wurde, kann keiner beweisen, Fahmüller gibt das sogar zu - und wirft den Menschen seine Theorie trotzdem hin. Einfach mal raus mit den Theorien! Man hat sich leider daran gewöhnt, das Netz ist voll mit unbelegten, aber leicht fassbaren Erklärungen für diese irgendwie immer noch unfassbare Pandemie. Schlimm, welche Spekulationen im Netz kursieren. Noch schlimmer ist es, wenn die Politik spekuliert.

Es ist ja kein Einzelfall, jedenfalls nicht in Bayern, und nicht nur in der Kommunalpolitik. Als sich im September in Garmisch-Partenkirchen 35 Menschen in einem Hotel mit dem Coronavirus infizierten, hatte Innenminister Joachim Herrmann (CSU) zügig eine Hotelangestellte im Blick, die trotz Quarantänepflicht in Kneipen war, statt auf ihr Testergebnis zu warten, das positiv ausfiel. "Rücksichtslos", sagte Herrmann, was ja stimmte. Das Problem aber war, dass er die Frau indirekt zur Schuldigen machte (und viele Medien diesen Schuldspruch nicht hinterfragten).

Heute weiß man, dass die Frau wohl niemanden angesteckt hat - und Herrmann mit dem Finger auf sie zeigte, obwohl er zu diesem Zeitpunkt keinen Beweis für ihre Schuld an den vielen Infektionen in Garmisch-Partenkirchen hatte. Dass Ministerpräsident Markus Söder (CSU) eine einzelne Party als Ursprung im Corona-Hotspot Berchtesgadener Land benannte, hat sich ebenfalls als nicht belegbar herausgestellt. Es ist gut, dass Söder inzwischen selbst von Schuldzuweisungen abrät.

Natürlich muss die Politik vor Gefahren in der Pandemie warnen. Und gefährlich können Grenznähe, Leichtsinn oder Partys auf jeden Fall sein, man muss das betonen, um die Menschen zu sensibilisieren. Der Politik wird das aber nur gelingen, wenn die Menschen sich drauf verlassen können, dass Fakten hinter ihrem Reden und Handeln stehen. Das Vertrauen in die Politik war selten so wichtig wie in der Pandemie. Wer zu schnell auf Schuldige zeigt, setzt dieses Vertrauen aufs Spiel.

© SZ vom 28.10.2020/vewo
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