In der bunten Welt der Farben, die fragwürdige Farbtöne wie „Kasslerbraun“ oder „Schweinfurter Grün“ hervorgebracht hat, schien das schlichte Weiß lange Zeit über jeden Zweifel erhaben zu sein. Weiß ist die traditionell die Farbe für die wichtigsten Anlässe und Symbole. Für Hochzeitskleider natürlich, oder fast noch bedeutsamer: das bayerische Staatswappen. In der Landesverfassung heißt es gleich in Artikel 1: „Die Landesfarben sind Weiß und Blau.“
Die Farbe Weiß hat sich so bewährt, dass es an manchen Orten sogar eine strenge Weiß-Pflicht gilt. Wer beim wichtigsten Tennisturnier der Welt in Wimbledon mitspielen will, muss sich an die „all-white-rule“ halten, muss also zwingend in weißem Shirt, weißer Hose und weißen Schuhen auflaufen. Und weil sie sich in München beim MTTC Iphitos in ähnlichen Sphären wähnen, sollen auch hier die Mitglieder weiß bekleidet ihre Schläger schwingen.
Doch in diesen Tagen mehren sich kritische Stimmen, die den bislang makellosen Ruf der Farbe in den Schmutz ziehen könnten. Die Zweifler sitzen nicht in London oder München und auch nicht in einer anderen führenden Modestadt, sondern in Rottach-Egern am Tegernsee. „Streit um weiße Garagentore“, meldete gerade erst der Bayerische Rundfunk.
Der Gemeinde ist ein schwerwiegender Missstand aufgefallen, der zumindest aus ihrer Perspektive das Ortsbild verschandelt: Einige ihrer Bewohner besitzen Garagen mit weißen Toren. Dabei stellen weiße Garagentore – ja, es sind tatsächlich mehrere – einen klaren Verstoß gegen die Ortsgestaltungssatzung dar. Dort heißt es in Paragraf 4 unmissverständlich: „Garagentore und Hauseingangstüren sind in Holz auszuführen.“ Ziel der Vorgaben sei, dass „das homogene Ortsbild von Rottach-Egern“ den „ländlichen und überschaubaren“ Charakter erhalte. Und damit das Bild eines Tourismusortes, „in welchem man sich wohlfühlt“.
Der Anblick weißer Garagentore ist mit dem erwünschten Wohlfühlfaktor offensichtlich nicht vereinbar. Die Gemeinde ist jedenfalls wild entschlossen, die unrechtmäßige Farbgestaltung nicht länger zu tolerieren. Die Regelbrecher bekommen deshalb eine schriftliche Aufforderung, ihre Garagentore umzugestalten, was bei den Betroffenen nicht auf uneingeschränktes Verständnis stößt (Schikane!). Doch der Bürgermeister Christian Köck will nicht überstreng sein: Die Tore müssten nicht zwingend aus Holz sein, sagte er dem BR. Auch eine Holzoptik sei zulässig. Zumindest in Rottach-Egern gilt also: Holz ist das neue Weiß.

