Sieben Grad hat das Wasser des Mühlbachs an diesem eher warmen Dezembermorgen, und obwohl der Bach im Moment sogar etwas kälter ist als die Luft, reicht seine Temperatur zum Heizen. Bis zu vier Grad könnten die Wärmepumpen dem Wasser noch entziehen. Man gehe da „bis an die Frostgrenze“ bei etwa drei Grad, sagt Rolf Waller.
Waller leitet das Müllheizkraftwerk der Rosenheimer Stadtwerke auf der anderen Straßenseite. Ein knappes Drittel des gesamten Wärmebedarfs in der 65 000-Einwohner-Stadt liefern die Stadtwerke, und etwa die Hälfte dieser Fernwärme kommt von dort drüben aus der Müllverbrennung. Für die andere Hälfte haben sie lange Zeit fossiles Erdgas verheizt. Doch jetzt kommt dieser Teil der Fernwärme direkt aus dem Mühlbach. Das macht Rosenheim zum Vorbild für ganz Bayern.

SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnieren
Von Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.
Die drei großen Wärmepumpen, die hier seit 2021 nacheinander in Betrieb gingen, sind vom Müllheizkraftwerk nicht zu trennen. So waren die Rohre für das Kühlwasser des Kraftwerks schon da, und mit ihnen die Genehmigung für das Ausleiten des Wassers. Das Heizkraftwerk produziert auch den Strom für die Wärmepumpen. Diese können damit eine Einspeisetemperatur von 88 Grad erzeugen, was für relativ neue Heizungen bei den Kunden reichen würde, aber nicht für die vielen älteren Anlagen, die am schon lange existierenden Rosenheimer Fernwärmenetz hängen. Also wird bisher noch per Müllverbrennung nachgeheizt auf 120 Grad.
Diese vergleichsweise günstige Konstellation mit dem bestehenden Kraftwerk ist ein Grund, warum die Rosenheimer Stadtwerke zum Vorreiter bei der Gewässerthermie in Bayern geworden sind. Einen anderen Grund sieht Oberbürgermeister Andreas März (CSU) im Rosenheimer „Selbstverständnis, die Energiewende mitzugestalten“. Über die nötige Investition von rund neun Millionen Euro habe man in den vergangenen Jahren „sehr sachorientiert“ entschieden und „das Politische rausgehalten“. Trotz des zu dieser Zeit beginnenden Kulturkampfs um die Wärmepumpe im Allgemeinen und um das Heizungsgesetz der damaligen Ampelregierung im Bund.
Einer der führenden Kulturkämpfer war dabei Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger. Er ist am Montag zusammen mit seinem FW-Parteifreund und Kabinettskollegen für die Umwelt, Thorsten Glauber, nach Rosenheim gekommen, um die Stadt und deren Stadtwerke als „Gestalter“ im „Team Energiewende Bayern“ auszuzeichnen. Zugleich soll der Besuch der Beginn einer Kampagne sein, mit der die Staatsregierung Kommunen und Unternehmen auf die Möglichkeiten der Gewässerthermie aufmerksam machen will.

Denn wie in Rosenheim derzeit zumindest rein rechnerisch etwa 800 Haushalte allein mit der Wärme aus dem Mühlkanal geheizt werden können, so könnte dies bayernweit für Hunderttausende Haushalte gelten. Für rund ein Drittel aller 2056 Gemeinden in Bayern entlang von insgesamt 104 Flüssen sei das Potenzial der Gewässerthermie untersucht worden, heißt es von der Staatsregierung. Demnach könnte die Energie – ebenfalls rein rechnerisch – für 220 000 bis 610 000 der insgesamt gut drei Millionen Wohnhäuser in Bayern reichen und damit bis zu 16 Prozent des Energieverbrauchs für Wärme in sämtlichen Gebäuden im Freistaat abdecken. Zusätzlich böten 31 Seen günstige Voraussetzungen für den Einsatz von Seethermie. Konkrete Projekte gibt es bereits in Prien am Chiemsee und in Bad Wiessee am Tegernsee.
Etwa in der Schweiz oder in Mannheim am Rhein wird die Wärme aus dem Wasser schon genutzt. In Bayern ist an größeren Anlagen bisher nur die in Rosenheim in Betrieb, wo sich Fachbesucher und Delegationen aus anderen Kommunen laut Stadtwerke-Geschäftsführer Heiko Peckmann seither praktisch die Klinke in die Hand geben. „Die Stadtwerke Rosenheim haben es vorgemacht“, lobt Aiwanger. „Solche Projekte brauchen wir in ganz Bayern.“ Denn „unsere Flüsse und Seen können einen wichtigen Beitrag zur regionalen Wärmeversorgung leisten, ohne ökologische Nachteile“.

Umweltminister Glauber misst der Technologie über das klimafreundliche Erzeugen von Energie hinaus noch einen Nutzen für die jeweiligen Gewässer als Ökosysteme bei. Denn das in Zeiten des Klimawandels ohnehin immer wärmere Flusswasser werde dadurch wieder ein kleines bisschen kühler. Bayern erlaube da, dem Wasser etwas mehr Energie zu entziehen, als andere Bundesländer dies täten.
„Jetzt haben wir wirklich ein Geschenk auf dem Tisch liegen“, sagt Glauber zur Gewässerthermie. Tatsächlich auspacken können dieses Geschenk allerdings vorrangig Kommunen, Stadtwerke und Unternehmen, denn die Technik eignet sich laut Glauber weniger für einzelne Gebäude oder Haushalte, sondern vor allem für Nah- und Fernwärmenetze, wie sie eher in größeren Kommunen zu finden sind. Die Gemeinden dürften ihre Stadtwerke dann aber nicht als bloße „Cashcow“ betrachten, sondern müssten ihnen das Geld für die nötigen Investitionen lassen. Rosenheim und seine Stadtwerke haben schon neue Pläne. Sie wollen in Zukunft die Wärme aus dem Abwasser nutzen. Das kommt an der Kläranlage in aller Regel schon deutlich wärmer an als der Mühlbach am Heizkraftwerk.

