Streit in Rosenheim:Plötzlich eilt es mit dem Gedenken

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Streit in Rosenheim: Im vergangenen Sommer hat Gunter Demnig (knieend) die ersten Stolpersteine in Rosenheim verlegt - damals noch auf Privatgrund.

Im vergangenen Sommer hat Gunter Demnig (knieend) die ersten Stolpersteine in Rosenheim verlegt - damals noch auf Privatgrund.

(Foto: Johannes Thomae/oh)

Inzwischen erinnern in mehr als 80 bayerischen Städten und Gemeinden "Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig an Opfer der NS-Diktatur. In Rosenheim wurde darüber seit Jahren debattiert, nun stehen die Stadträte vor einer Entscheidung.

Von Matthias Köpf, Rosenheim

Seit einer guten Woche gibt sich die CSU im Rosenheimer Stadtrat ungeduldig: Die Stadt möge den Beschluss zum personalisierten Gedenken für die Opfer des Nationalsozialismus bis spätestens 30. Juni dieses Jahres umsetzen, heißt es in einem aktuellen Antrag der Christsozialen. Der Gedenk-Beschluss stammt allerdings schon vom Mai 2015, und besonders eilig hatten es mit der Umsetzung bisher weder die CSU als dominierende politische Kraft im Rat noch die beiden von ihr gestellten Stadtoberhäupter Gabriele Bauer und Andreas März. Allerdings hatten im Herbst 16 Stadträte aus sechs verschiedenen Gruppen gemeinsam gefordert, auch auf öffentlichen Fläche in Rosenheim "Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig zu verlegen. Und dieser Antrag steht an diesem Dienstag im Hauptausschuss und kommende Woche im Ratsplenum zur Debatte.

Der Ausgang der Entscheidung ist so offen wie selten im Stadtrat

Deren Ausgang ist so offen wie sonst selten im 44 Mitglieder starken Rosenheimer Rat. Denn während die CSU Demnigs Stolpersteine für Rosenheim geschlossen ablehnt und die elf Grünen komplett dafür sind, gehen die Meinungen etwa innerhalb der SPD oder der Freien Wähler auseinander. Manche Stadträte sehen die Stolpersteine, von denen Demnig und seine Helfer in etwa 1800 verschiedenen Kommunen in Deutschland und halb Europa bisher rund 90000 Exemplare verlegt haben, als angemessene und weithin bewährte Art des Gedenkens an. Andere halten es mit der örtlichen CSU und auch mit der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch.

Knobloch hat mit ihrem Argument, auf solchen im Boden verlegten Stolpersteinen würden die Namen der Opfer buchstäblich mit Füßen getreten, auch die Debatte in München geprägt. So wie die Landeshauptstadt stattdessen seit einigen Jahren mit Metallstelen namentlich an einzelne Opfer der NS-Diktatur erinnert, soll es nach Ansicht der örtlichen CSU nun auch die Stadt Rosenheim machen. Hinter den Stolpersteinen stehe außerdem "ein ausgeprägtes gewinnwirtschaftlich orientiertes kommerzielles Interesse des Künstlers", ließ sich die CSU zuletzt im Oberbayerischen Volksblatt zitieren. Gunter Demnig selbst wehrt sich entschieden gegen solche Mutmaßungen. Er arbeite für die "Stiftung - Spuren - Gunter Demnig" und erhalte von dieser genau wie alle anderen festangestellten und freien Mitarbeiter auch ein durchschnittliches Gehalt, teilt Demnig mit. Alle Zahlungen und Spenden für Stolpersteine gingen nicht an ihn persönlich, sondern an diese gemeinnützige und als solche auch jährlich geprüfte Stiftung.

Die Klage der Rosenheimer CSU, die Stolperstein-Befürworter übten auf "Andersdenkende" einen "moralischen, politischen und gesellschaftlichen Druck" aus, weist wiederum Thomas Nowotny von der Initiative "Erinnerungskultur - Stolpersteine für Rosenheim" als "absurd" zurück. Die Initiative habe selbst vielfältige andere Formen der Erinnerung an die NS-Opfer in Rosenheim etabliert, nur von der Stadt sei dazu bisher kein Beitrag gekommen. Erste Stolpersteine wurden in den vergangenen Jahren auf Betreiben der Initiative in Nachbarkommunen wie Stephanskirchen und Kolbermoor verlegt. Seit dem vergangenen Sommer liegen auch in Rosenheim selbst sieben Steine, dies aber bisher nur auf Privatgrund.

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