Als Erstes, so erklärt es Michael Verken, sei es für ihn und sein Team darum gegangen, „den Status quo zu erfassen“. Der beschreibt sich vereinfacht so: Das Unternehmen Kathrein, Spezialist für Sende- und Empfangstechnik, einst Rosenheims wirtschaftliches Aushängeschild in der Welt, hat in mehreren Bereichen Insolvenz angemeldet. Trotzdem beschreibt Insolvenzverwalter Verken die Lage nicht so schlecht, wie sie vielleicht auf Außenstehende wirkt. „Wir haben es geschafft, die Lage zu stabilisieren.“ Kunden und Zulieferer habe man halten können und der Geschäftsbetrieb laufe weiter. Als Nächstes gehe es darum, Kathrein wieder „nach vorne“ zu bringen.
Und warum auch nicht? „An der Qualität der Produkte“, sagt Verken, „hat es wohl nicht gelegen.“
Tatsächlich sind sie an vielen Gebäuden zu sehen: Kathrein-Satellitenschüsseln. Der Schriftzug ist zwar manchmal verblasst, der Empfang aber scheint vorhanden zu sein. Mit Kommunikationstechnik setzte das Unternehmen einst Milliarden um und sorgte für Tausende Jobs in Rosenheim und anderswo. Doch nach dem Tod des Firmenpatriarchen 2012 erwies sich Kathrein als aufgebläht, ein Teil wurde 2019 verkauft, für den restlichen ein Transformationsprozess angestoßen. Den erklärte man 2023 für abgeschlossen. „Kathrein hat riesiges Potenzial“, heißt es in einer Mitteilung von damals – und dass man daran arbeiten werde, „dieses Potenzial weiter zu realisieren“.
Stattdessen geht die Krise nun, im Jahr 2025, von vorne los. Oder weiter, je nachdem, wie man es sieht.
Eine Ursache: „weltweite Multikrisen“
In jedem Fall ist die Ausgangslage komplex. Vereinfacht gliederte sich die Unternehmensgruppe bis vor Kurzem in die Dachgesellschaft Kathrein SE und in die beiden operativen Gesellschaften Kathrein Broadcast (Rundfunkantennen) und Kathrein Electronics – wobei Letztere mit Kathrein Digital Systems (Satellitenempfangstechnik), Kathrein Solutions (Identifikationstechnologie) und Kathrein Sachsen (Elektronikfertigung) drei weitere Gesellschaften zusammenführte. Dieser Verbund sollte die Wertschöpfungskette für „Hochfrequenztechnik und digitale Technologieanwendungen“ abdecken, so ist es auf der Website von Kathrein SE zu lesen.
Doch im März dieses Jahres zeigte das Gebilde Risse. Kathrein Broadcast beantragte den Start eines Insolvenzverfahrens und ist inzwischen nicht mehr Teil der Gruppe. Folgt man den offiziellen Mitteilungen, ging es dann im August Schlag auf Schlag: Innerhalb von Wochen meldeten Kathrein SE, Kathrein Electronics, Kathrein Digital Systems und Kathrein Sachsen Probleme. Nur die Solutions-Sparte blieb demnach verschont.
Nun betreut Insolvenzverwalter Verken von der Kanzlei Anchor drei der betroffenen Gesellschaften. Als Ursache für die Insolvenzen nennt er unter anderem „weltweite Multikrisen“. Die erschweren auch anderen Branchen in Bayern die Geschäfte, unter anderem der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat Umsätze einbrechen lassen und Verunsicherung geschürt. Und die schwächelnde Konjunktur in Deutschland ist ohnehin zur Dauersorge der Wirtschaft geworden. Kathrein Digital Systems etwa habe auch für den Elektrogroßhandel produziert, sagt Verken. Der wiederum verkaufe viel an die Bauindustrie. Nur: „Wie viel bauen wir gerade?“ Die Antwort kennt man: zu wenig. Auch die Baubranche steckt in der Krise.

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Keine Wärmepumpen, weder Gas- noch Öltanks - und trotzdem das ganze Jahr über angenehme Raumtemperaturen: Das ist nur ein Vorteil des Gebäudetyps-e, der an verschiedenen Orten in Bayern gebaut wird. „E“ wie einfach - und dadurch deutlich billiger.
Wo finanzielle Polster fehlen, kann es eng werden. Als wesentlich für die Krise nennen Unternehmen und Insolvenzverwaltung daher „die fortdauernde Belastung durch die Restrukturierung von früheren Gesellschaften“. Dazu zählen Verbindlichkeiten aus Zeiten vor dem Transformationsprozess, von Abwicklungskosten für Altgesellschaften über Kosten aus Rechtsstreitigkeiten bis zu Pensionszahlungen für frühere Beschäftigte. Oder ganz einfach formuliert: „Wir haben nicht die Menge an Geld verdient, um alle Verbindlichkeiten zu bedienen“, sagt Firmenchef Anton Kathrein. „Besonders befriedigend ist das natürlich nicht.“ Und: „Ich habe mein Möglichstes versucht.“
In Rosenheim brachte es Kathrein einst zu Omnipräsenz
So gesehen holt das Unternehmen Kathrein die Vergangenheit ein, wieder einmal. Der Großvater des heutigen Inhabers – wie spätere Generationen ein Anton Kathrein und deshalb nach interner Zählweise auch AK1 genannt – gründete 1919 in Rosenheim eine Werkstatt zur Herstellung von Blitzableitern. Später kamen Antennen & Co. dazu. Unter Nachfolger AK2 brachte man es zum Weltmarktführer und in der Stadt zu Omnipräsenz. Der Firmenname prangte an Werksfassaden, dem Eishockeystadion, einem Büroblock am Bahnhof, unübersehbar für alle, die auf der Schiene kamen. Dazu wirkte AK2 als Dritter Bürgermeister, Verbandsvorstand und Mäzen. „König von Rosenheim“ nannten ihn manche. Unumstritten war er in der Stadt nicht. Aber ohne ihn lief wenig. Als er überraschend im Alter von 61 Jahren starb, beschäftigte seine Firma 6600 Menschen. „Rosenheim hat einen seiner herausragendsten Bürger verloren“, kondolierte die Oberbürgermeisterin.
Doch das Imperium stellte sich als bedingt zukunftsfähig heraus. Die Wirtschaftspresse spekulierte über Quersubventionierungen, Bankkredite, Finanzpläne. Und AK3, der heutige Chef, musste unvorbereitet die Geschäfte übernehmen. Im Versuch, das Ruder herumzureißen, kam es erst zu Werksschließungen und schließlich zur Umstrukturierung. Die ging für Rosenheim glimpflich aus, Eriksson kaufte Teile des Antennengeschäfts.
Auch diesmal gibt es jemanden, der einspringt. Für Kathrein Broadcast, die als erste ins Straucheln geratene Gesellschaft, hat sich ein Investorenkonsortium unter Führung des Münchner Beratungsdienstleisters Lenbach Capital gefunden. Man wolle sämtliche Anteile an Kathrein Broadcast übernehmen, heißt es in einer Mitteilung von Anfang August. Damit sende man ein „klares Signal“, bleibe „leistungs- und lieferfähig“. Die rund 70 Stellen im nahen Rohrdorf sollen laut Medienberichten erhalten bleiben, ebenso der Name – auch wenn das Unternehmen selbst nicht mehr zur Kathrein-Gruppe gehört.
Kathrein Broadcast könnte zum Vorbild werden
Insolvenzverwalter Verken hofft, dass es für die anderen Gesellschaften ähnlich gut laufen könnte. Vor allem für Kathrein Digital Systems: Sie entwickelt unter anderem digitale Satellitenempfangstechnik und Lösungen für E-Auto-Ladeinfrastrukturen – Dinge also, die auch künftig gefragt sein dürften. Interessenbekundungen von Investoren seien bereits bei ihm eingegangen, sagt Verken, der bekannte Name Kathrein helfe. Insgesamt geht es um mehr als 200 Jobs, etwa die Hälfte davon in Bayern. Die Gehaltszahlungen werden vorerst durch das Insolvenzgeld der Agentur für Arbeit übernommen. Die Pläne in Rosenheim, das ehemalige Kathrein-Werksgelände zu einem neuen Quartier umzubauen, sollen von den aktuellen Entwicklungen nicht betroffen sein.
Welche Rolle die Familie Kathrein in den Firmen mit ihrem Namen spielen wird, ist eine andere Frage. Sollte es eine Möglichkeit geben, sich auch in Zukunft in den Unternehmen zu engagieren, dann nehme er diese gerne wahr, sagt Anton Kathrein. Die Entscheidung darüber liege aber bei den neuen Gesellschaftern. „Ich bin überzeugt, dass die operativen Gesellschaften eine gute Zukunft haben werden.“

